Das verbotene Flower-Selfie

„Vrouwen bloot, bloemen in de goot“, besagt ein altes Sprichwort unter niederländischen Blumenzüchtern. Es heißt so viel wie: Wenn die Frauen nackt sind, kannst du die Blumen wegschmeißen. Han Janson redet vom Sommer. Wenn alle an den Strand gehen, kaufen sie keine Blumen. Also die schlechteste Zeit für alle, die vom Blumenverkauf leben.

Ich bin mit dem Rad durch Noordwijk gegondelt und habe Noordwijk Buiten erreicht, das ein paar Kilometer von der Stadt und vom Strand entfernt liegt. Auf dem Leeweg finde ich das Gewächshaus der Familie Janson. Einst haben Han und seine Frau Hannie produktionsorientierter gearbeitet und ihre Blumen auf Auktionen verkauft.

Doch nun haben sie einen Teil des Gewächshauses in eine Teestube verwandelt und bieten das zweite Greenhouse als Bed & Breakfast oder Eventlocation an. Han hat sich mit der Kräuterzucht einen Traum erfüllt. Dabei verkauft er geringe Mengen an lokale Interessenten. Den Besuchern der Teestube wie mir bietet er Kräuterkunde an. So sieht er sich heute mehr als „Entertainer“.

Neben bekannten Kräutern wie Minze und Verbene finde ich viel Exotisches in Hans Kräutergarten, das teilweise besonderer Pflege bedarf. Die aus Südaustralien stammende Carpobrotus rossii etwa. Außer mit Wasser füttert Han sie mit Salz an. Und dann gibt er mir ein Stück davon zum Probieren, ummantelt von einem Blatt der Mertensia maritima.

„Die vegetarische Auster.“

Han lächelt zwar, als er das sagt, doch er macht keinen Witz: Die Pflanzenkombi schmeckt tatsächlich wie Austern. Der Züchter hat ein Jahr in Thailand gearbeitet und dort unter anderem mit essbaren Orchideen zu tun gehabt. Nun dekorieren sie die kleinen Speisen in der Teestube mit Kräutern und Blüten.

Boterkoek mit Blümchen

Kaffee gibt es natürlich auch im „Bloemenbed“ und ein Stück Boterkoek für mich. Wir setzen uns an einen der Tische, und ich bewundere das Arrangement. Ein alter Bus steht mit dem Vorderteil im Gewächshaus – wie versehentlich hineingesaust. Nun dient er als Spielwiese für die Kids, zuvor hatten sie ihn als Bed & Breakfast genutzt. Doch im Gewächshaus zu übernachten, ist heute noch möglich im „Bloemenbed“.

Auf dem Weg zum Apartment drehen wir eine Runde über die Felder. Wegen des aktuellen Bodenfrosts hat Han einige seiner Kräuter mit Vlies zugedeckt: „So kann der Wind durchgehen und reißt mir die Folie nicht weg.“ Er versucht, so weit wie möglich organisch zu produzieren. Vom 1. April bis zum 1. November empfangen die Jansons ihre Gäste in der Teestube.

Han Janson und die Tulpen

Ich schwinge mich wieder aufs Rad, ein Dinner in Lisse mit Annemarie Gerards vom Keukenhof steht auf dem Programm. Die letzten Kilometer der Strecke geht es sachte, aber ständig bergauf, das bin ich nicht gewohnt. Und von Holland hätte ich es nicht erwartet. Keuchend lande ich in Lisse und verfranse mich ein wenig, bevor ich ins Zentrum des Städtchens gelange.

Hauptsache, ich finde später den Weg zurück zum Airstream! Im Restaurant „De Vier Seizoenen“ wird wie erwartet saisonal gekocht. Das bedeutet, sie bieten zur Zeit auch ein Blumen-Menü, das ich natürlich probieren möchte. Blüten zu jedem Gang, im Salat und als Deko in der Spargelsuppe. Der Clou: das Dessert im Blumentopf – komponiert aus Lavendel-Eis und einer Art Tiramisú.

So können Desserts aussehen, wenn du in Holland bist.

Lisse bei Nacht wirkt gemütlich und hübsch. Und die Stadt ist von historischer Bedeutung, denn im 15. Jahrhundert hat die damalige Gräfin von Holland den Küchenkräutergarten des Schlosses Teylingen anlegen lassen, den Keukenhof. So schließt sich der Kreis rund um Blumen, Züchter und Auktionäre, denn morgen werde ich durch den wohl berühmtesten Frühlingsgarten der Welt wandeln.

Müde und erschöpft lande ich in meinem Airstream. Zum Glück konnten meine Nachbarn Anja und Daan einen kleinen Heizkörper für mich organisieren. Und so gestaltet sich die zweite Nacht im Vintage-Caravan zwar frisch, aber bei weitem nicht so klirrend kalt wie die erste. Ich schlafe tief und fest, träume von Blumen überall, eine echte Flowerpower-Story. Wie würde unser Leben ohne sie aussehen? Am nächsten Morgen frage ich meine Gastgeber.

Von links nach rechts: Daan, Sproet und Anja

Die Gäste kommen von überall her in das Café der Blumenzwiebelzüchter. So haben die beiden eine Karte an die Wand gepinnt, und jeder Gast kann seinen Heimatort mit einer Nadel markieren. Sogar Grönland und Neuseeland sind mit von der Partie. Bald wollen Anja und Daan auch ein Bed & Breakfast im Gewächshaus einrichten, denn das Empfangen der Gäste bereitet ihnen viel Freude.

In diesen Tagen scheint die halbe Welt den Keukenhof, den einstigen Kräutergarten der Gräfin, zu überrennen. „Wenn du den Park leer erleben willst, komme am besten um acht Uhr morgens“, rät mir Gärtner André, den ich im Keukenhof treffe. Etwas abseits der Ströme hinter dem Eingangsbereich lassen wir uns auf einer Bank nieder.

Lauschige Ecken

„Es gibt überall diese Rückzugsorte“, meint André Beyk. Seit 30 Jahren gärtnert er nun hier, doch schon seit 1949 ist der Keukenhof für die Öffentlichkeit zugänglich. Man wollte nach dem Krieg etwas Schönes schaffen. Was anfangs nur für drei Jahre geplant war, entwickelte sich rasch zur Erfolgsgeschichte. Laut André sei diese und nächste Woche die beste Zeit für einen Besuch.

„Die Bäume werden langsam grün, Kirschen und Äpfel blühen“, weist er mich auf das Spektakel über unseren Köpfen hin. Und in ein paar Wochen seien die Tulpen nicht mehr so frisch wie jetzt. Die Tulpen! Ich frage ihn, was sie seiner Meinung nach so beliebt macht. Symbole des Frühlings seien sie, ursprünglich aus Persien, Afghanistan und Kasachstan über die Türkei in Europa gelandet.

Ich denke, es ist diese Form: ebenso edel wie einfach und voller Anmut. Narzissen, die ja mehr noch als Tulpen den Frühling einläuten, wirken regelrecht kompliziert dagegen. Schön sind sie natürlich auch, keine Frage. André ist das ganze Jahr im Keukenhof beschäftigt: Nach der Show muss alles raus, der Park wird gereinigt und im Juni und Juli der Boden recycelt.

Die Tulpen-Orgie

Im Oktober beginnen sie mit den neuen Pflanzungen, entfernen die Blätter vom Boden. Im Januar säen sie das Gras, im Februar und März reinigen sie den Park noch einmal. Und Ende März beginnt dann die neue Show im neuen Design. „Ist der Winter mild, klappt es meist ganz reibungslos“, erzählt der Gärtner.

Doch auch jetzt müssen er und seine Kollegen alles in Ordnung halten, Verblühtes herausrupfen. Und natürlich werden sie oft von den Besuchern angesprochen, gefragt und um Rat gebeten. „Als hätte ich auf jede Frage, die den Garten betrifft, eine Antwort!“ André betont, dass der Keukenhof ein Frühlingsgarten sei. Wenn sie im Mai wieder schließen, sind alle Farben weg.

Wir beobachten, wie sich ein Pärchen aus Asien zwischen den Beeten positioniert. Alle machen ihre Fotos, hoch im Kurs steht das Flower-Selfie, am liebsten halb geduckt hinter den Blumen. Ich habe das oft auch draußen auf den Blumenfeldern beobachtet. Selbst wenn die Züchter Verbotsschilder aufgestellt haben, wagen sich viele Touristen zwischen die Blumenreihen.

Blumen und Menschen

Den Hyazinthen kann das zum Verhängnis werden, sind sie doch anfällig für ein bestimmtes Virus. Allein auf dem Keukenhof scheinen sich die Besucher tot zu fotografieren. „Manchmal denke ich, sie nehmen ihre Umgebung nicht richtig wahr. Die Blumen werden zur Kulisse. Eine Fototapete“, philosophiert der Gärtner.

Tulpen tun gut.

Was André fasziniert: Wie friedlich sich im Keukenhof die ganze Welt versammelt. So viele Sprachen, so viele Nationen. Alle lächeln. Nachdem der Gärtner mich meinem Schicksal überlassen hat, um sich erneut den Blumen zu widmen, lege ich mich in eine Hängematte und denke nach. Über Selfies, den Wahn des Fotografierens und die neue Sehnsucht nach Slow Life.

Bei allen Vorbereitungen für die Zukunft durch das Festhalten von Erinnerungen vergessen wir die Gegenwart manchmal. Jene kleinen Momente voller Intensität, auch Glück genannt. Irgendwo ankommen, innehalten. Die Augen schließen. Den Vögeln lauschen, dem Gesprächsgemurmel der Menschen, dem Wind.

Text und Fotos: Elke Weiler


Noch ein paar Infos
Zum Keukenhof könnt ihr zum Beispiel ab Amsterdam-Schiphol mit der Buslinie 858 gelangen, ein kombiniertes Ticket für Fahrt und Eintritt kostet 24 Euro. Es lohnt sich allerdings, mit dem Rad die Gegend rund um Lisse zu erkunden und in Farben zu schwelgen. Nur der Eintritt zum Keukenhof kostet 16 Euro für einen Erwachsenen. Dieses Jahr ist der Park noch bis zum 21. Mai geöffnet. Zum Blumenkorso Bollenstreek von Noordwijk nach Haarlem am 22. April war ich nicht mehr vor Ort, habe aber beim Stecken der Blüten eine Weile zugeschaut. Resümee: Die Farbe Weiß ist schwierig!

Das Vorbereiten der weißen Hyazinthen. Grün ist verpönt.
Mein Lieblingswagen

Mit Dank an das Niederländische Büro für Tourismus & Convention, die zu dieser Reise eingeladen haben.

  1. So schön! Han und die Teestube möchte ich auch einmal besuchen … Bei „vrouwen bloot, bloemen in de goot“ hatte ich spontan ein ganz anderes Bild im Kopf. Schöne Tipps, schöne Stories Elke! LG, Jutta

    • Danke dir, liebe Jutta! Bei Han und Hannie (er meinte, seine Frau nach dem Namen ausgesucht zu haben 😀 ) ist es urgemütlich, der Däne würde sagen „hyggelig“, der Holländer vermutlich „lekker“, oder? Jetzt bin ich aber gespannt, welches Bild du bei diesem Blumenzüchterspruch im Kopf hattest… 😉 Jedenfalls habe ich mir fest vorgenommen, irgendwann mal in einem Gewächshaus zu übernachten. Entweder in Noordwijk Buiten oder bei De Tulperij, wenn sie ihr B&B eingerichtet haben. Anja und Dann machen leckeren Kaffee und Karamellwaffeln! Derweil arbeite ich an einem eigenen Gewächshaus, damit demnächst Tomaten auf dem Deich übernachten können. 🙂 Liebe Grüße!

  2. Pingback: Slow Travel: Das Gefühl für den Rhythmus auf Reisen

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