Nuraghen sind keine Fische

In dem kleinen Ort Orosei haben wir uns eine schicke Hütte ausgesucht: ein Steinbau aus dem 17. Jahrhundert – inklusive Patio für laue Herbstabende. Nicht gerade groß, aber voller Charme vergangener Zeiten. Und vom Hausherrn Cosimo, einem Architekten, feinfühlig restauriert und eingerichtet.

Schlüssel Nr. 1 zu unserer Oase mitten im Städtchen ist zwar überproportional groß, dafür aber sehr originell. Und verlieren kann man ihn auch schlecht. Damit öffnen wir die hölzerne Hoftüre. Wir wohnen in einem typischen Landarbeiterhaus auf Sardinien, und auf den paar Quadratmetern hat sich früher eine ganze Familie mitsamt Tieren gedrängt.

Natürlich wollen wir an den Strand, der uns im Oktober fast verwaist erscheint. Nur ein paar Leute treffen wir dort, Cosimo hat uns schon lächelnd erzählt, dass die Italiener im Oktober nicht mehr baden gehen. Dabei ist es warm genug. Und so machen wir jeden Tag einen kleinen Abstecher zum Meer, das wir bequem mit den hauseigenen Fahrrädern erreichen können.

Doch für die Ausflüge im östlichen und mittleren Sardinien muss der Wagen herhalten, den wir am Flughafen gemietet haben. Wir fahren an der Küste entlang, vorbei an Dorgali und dann 10 Kilometer nordwestlich zum Dorf Serra Orrios, das kein gewöhnliches Dorf ist.

Sondern eines mit Info-Häuschen. Genau dort sitzt eine gesprächige Frau, die uns für Spanier hält. Als wir unsere deutsche und griechische Identität preisgeben, meint sie überrascht: “Griechen sind hier selten.” So frischen wir also die Statistik ein wenig auf, zumindest zur Hälfte.

Geckos huschen über die Wege; die Nachmittagssonne brennt kräftig auf die knorrigen alten Olivenbäume und noch ältere Steine. Denn – wie wir erfahren – stammen diese hier aus dem 15. bis 7. Jahrhundert vor Christus! Nuraghen. Klingt nach kleinen Fischen, irgendwie. Es gibt sogar eine Pizzeria in Düsseldorf mit dem sonoren Namen „Su Nuraghe“.

Doch man bezieht sich auf die Steine hier, besondere Steine, eine frühe Kultur auf Sardinien. Meist sind es Türme und runde Bauten, ohne Mörtel aufgeschichtet und mit Kraggewölben versehen. Keine einfache Bauweise also.

Rund, alles ist rund und gleicht einem Labyrinth aus nebeneinander liegenden Kreisen, um die obere Hälfte gekürzt. “Haus” schmiegt sich an “Haus”, Stein an Stein. Mehr als 100 Hütten und zwei Tempel ließen sich aus dem steinernen Grundriss herauslesen, aber wir zählen nicht, genießen den Blick auf die hügelige Landschaft, den geschichtsträchtigen Ort, die Ruhe.

Uns fällt auf, dass die rechteckige Versammlungsstätte etwas außerhalb des Dorfes liegt. Reste einer Rundmauer und eine Zisterne sind auch zu erkennen. Auf dem Rückweg begegnen wir wieder der netten Dame vom Info-Häuschen, die uns Hobby-Archäologen mit vielen Tipps für weitere Besichtigungen versorgt.

Tempel mit Aussicht
Tempel mit Aussicht

Als da wären Sa Ena é Thomes, ein gut erhaltenes Gigantengrab, sowie Su Tempiesu, ein Brunnenheiligtum in der Umgebung des hoch gelegenen Hirtendorfes Orune. Letzteres steht als nächstes Ziel auf unserem Plan, wir düsen durch die immer spektakulärer werdende Umgebung.

Immer höher hinauf und von dem verschlafenen Dorf aus wieder hinab, vorbei an unzähligen Korkeichen. Dann geht es zu Fuß weiter: Wir steigen 120 Meter hinab, als wir den schmalen Pfad zu Quelle und Nuraghen-Heiligtum nehmen. Wieder spüren wir das Kribbeln in den Fingerspitzen. Wie haben sich die Vorfahren der Sarden nur diese energetischen Orte ausgesucht?

Zurück am Eingang schwärmt uns der örtliche Guide von der “komplexen und eleganten Struktur” von Su Tempiesu vor. Er hat recht. Spätestens jetzt verstehen wir auch, wie wichtig die geheimnisvolle Nuraghenkultur für das sardische Selbstbewusstsein ist.

Fast so wichtig wie sardische Kost vermutlich. Wir lieben es, einfach im kleinen Supermarkt und im Feinkostladen einzukaufen, typisches Brot, Käse und Wein, Oliven und diese hocharomatischen Tomaten, die es einfach nur im Süden gibt.

Und dann wieder „zu Hause“ in unserem Patio zu sitzen, bei einem Gläschen Wein unsere Köstlichkeiten zu verspeisen. Oder in dem kleinen, halb privat wirkenden Restaurant, das wir in den Gassen von Orosei per Zufall entdeckt haben, den einfach besten gegrillten Wolfsbarsch ever zu essen. Auf Italienisch: spigola.

Frisch aus dem Meer, versteht sich.

Ciao, Sardegna mia!
Ciao, Sardegna mia!

Text und Foto: Elke Weiler

Aus der Reihe „Archivgeschichten“: Ich habe im Oktober 2007 auf Sardinien Urlaub gemacht und würde es jederzeit wieder tun. Vor allem in Orosei.

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  1. Ich komme gerade aus Griechenland, die Griechen gehen im September schon nicht mehr gerne ins Meer baden. Zum Golf von Orosei habe ich eine kleine Geschichte auf meinem Blog geschrieben.
    http://happygecko.at/mit-dem-schlauchboot-im-golf-von-orosei/

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