Nebel über dem Fjord

Sonnenlicht fällt durch den Spalt zwischen Fenster und Vorhang. Ich blicke hinauf, wie ein Sog wirkt die schmale Flucht, der Himmel über Oslo leuchtet blau. Doch auf dem Weg zur „Kaffebrenneriet“, dem netten Café gegenüber vom „Nasjonalmuseet for kunst“, mache ich eine seltsame Entdeckung: Die Straßen, die zum Fjord hinunter führen, sind voller Nebel.

Auf dem Weihnachtsmarkt von Spikersuppa ist nicht viel los, vielleicht werde ich später noch einmal dorthin gehen, vielleicht werde ich Schlittschuhe ausleihen und auf der kleinen Eislaufbahn ein paar Runden drehen.

Der Nebel zieht mich magisch an, ich muss hinunter zum Wasser. Mitten auf dem Fridtjof Nansens Plass bleibe ich stehen, und ich bin nicht die Einzige. Das Rathaus von Oslo. Nicht gerade das, was man üblicherweise als architektonische Schönheit bezeichnen würde.

Alles ist weg.
Alles ist weg.

Und doch gilt das 1950 endlich erbaute Backsteingebäude mit den zwei markanten Türmen als eine Ikone der Stadt, von weitem ist noch etwas von einer Kathedrale darin zu erkennen. Mich erinnert der Bau immer an das Wilhelm-Marx-Haus aus den 1920ern in Düsseldorf, auch wenn letzteres offener und verspielter wirkt.

Nun stehe ich zum ersten Mal vor dem Rathaus und finde es faszinierend. Der Nebel ist schuld! Außer mir schleichen noch andere Fotografen um das Gebäude herum, dessen Türme in den Wolken verschwinden. Alle auf der Suche nach dem besten Winkel für die magische Szenerie.

Dahinter der Hafen, der Fjord. Alles, was ich an meinem Ankunftstag sehen konnte, alles, was im gestrigen Regengrau banal wirkte, ist nun vom Nebel verhext oder gar verschluckt worden. Die vertäuten, winterfesten Boote, die verwaisten Stege, die Schären im Hintergrund.

Eingehüllt in hellgraue Watte, auch wenn die Sonne versucht, sich ihren Weg zu bahnen. Der mächtige Feuerball – nur noch ein schwacher Lichtflecken im Hintergrund, ein Stück Deko in der Gesamtkomposition.

Ich laufe in Richtung Aker Brygge – das Restaurantviertel von Oslo. Ein Lokal neben dem anderen am Kai. Die Holzbrücke, die nach Tjuvholmen führt, ist stellenweise glitschig, doch die Norweger nehmen es sportlich und schliddern einfach drüber.

Am Rand der Kaimauer rutsche ich unfreiwillig bei dem Versuch, die schwimmenden Tannenbäume für die Nachwelt festzuhalten. Die Temperaturen liegen knapp über dem Gefrierpunkt, nur nachts fallen sie drunter. Der leichte Schnee, der gestern morgen fiel, als ich mit dem Fährschiff in Oslo landete, hat sich bis auf wenige Reste verflüchtigt.

Der Nebel lichtet sich.
Der Nebel lichtet sich.

Nach einem Spaziergang vorbei an den neuen Architekturen von Tjuvholmen und Aker Brygge kehre ich im „Lofoten Fiskerestaurant“ ein. Die Sonne hat sich erfolgreich ihren Weg durch die Nebelschwaden gebahnt, und der Blick aufs Wasser ist frei.

Es gibt frisches Brot, dazu sehr gutes Öl, bevor der Seehecht mit zweierlei Bohnen vor mir auftaucht. Zum Abschluss ein Dessert aus Moltebeeren in sämtlichen Aggregatzuständen, püriert, moussiert, halb gefroren.

Ich liebe Moltebeeren, diesen Geschmack des norwegischen Sommers. Der Nebel hat sich fast ganz aufgelöst, die Sonne strahlt noch einmal alles golden an, den Fjord, die Inseln am Horizont, bevor sie wieder verschwindet.

Ich verstehe den Wunsch der Maler im 19. Jahrhundert, den magischen Moment einfangen zu wollen. Sich klein in der Natur zu fühlen, berauscht von ihren Kräften. Romantiker wie Caspar David Friedrich haben das Göttliche der Natur aufgespürt.

Im Nasjonalmuseet bei der Universität entdecke ich die Kompositionen des Norwegers Thomas Fearnley, der die Natur gleichsam zur Theaterbühne werden ließ. Was ich zuvor draußen live erlebt habe, sehe ich nun auf Leinwand im Museum.

Romantizismus heute
Romantizismus heute

Der Romantizismus des 19. Jahrhunderts, er ist nicht gestorben, denke ich. Heute noch ist ein Faible für Sonnenuntergänge und Landschaften zu finden, urbanen wie natürlichen. Bestes Beispiel: Instagram. Gestern war es der Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich, heute ist es der Oslo Fjord im Gegenlicht.

Retrofilter? Nebelschwaden! Nach dieser fundamentalen Erkenntnis zieht es mich weg von den Landschaftsmalern und hin zu Edvard Munch, dem wohl bekanntesten Osloer Künstler neben Henrik Ibsen. Alle, die sich ins Nasjonalmuseet verirren, wollen den „Schrei“ sehen.

Als ich daher suchend durch die Räumlichkeiten irre, erkennt einer der Aufpasser mein Anliegen und lotst mich ungefragt ins Munch-Zimmer. Sehr aufmerksam. Der „Schrei“ ist relativ klein, hat jedoch die meisten Fans: Jeder möchte sich davor ablichten lassen, am liebsten mit aufgerissenem Mund.

Im Museum
Im Museum

Ikonen sind im Unterbewusstein oft so groß, dass sie in der Realität desillusionierend wirken. Mein Blick fällt auf den „Tanz des Lebens“, der wenig Lebensbejahendes vermittelt. Ich sehe Melancholie, Trauer, Gram und Wollust vor einer stilisierten Mondspiegelung.

Unter meinen Lieblingsbildern das Selbstporträt von 1895 sowie die sehr weltliche Madonna und das Bildnis von Munchs Schwester Inger. Der „Schrei“ wird mir an diesem Tag noch einmal begegnen. Aber zunächst statte ich dem Julemarked von Spikersuppa einen Besuch ab. Und finde den Weihnachtsmann schlafend vor.

Beim Musizieren seines Begleiters scheint er eingenickt zu sein. Erst als eine etwas schwungvollere Melodie aufgespielt wird, reißt es den Nikolaus aus seinen Träumen. Meine Vermutung: Alles eine Fata Morgana, da der Nikolaus in Norwegen eigentlich nicht aktiv ist. Aber die Kinder sehen ihn auch! Vielleicht ist er doch real, nur einfach überarbeitet, weil er aus Schweden, Finnland oder Grönland angereist ist.

Da sich Schnee und Eiseskälte nicht einstellen wollen, beschließe ich, der Sache auf die Sprünge zu helfen und der Magic Ice Bar einen Besuch abzustatten. Das Mädchen am Empfang packt mich in einen massigen Umhang und drückt mir weiße Handschuhe in die Hand, bevor sie die erste Tür zum Schleusenraum öffnet: „Willkommen im Kühlschrank!“

Die zweite Pforte muss ich dann selber öffnen, um in der Bar zu landen, eine Art Container mit Eisskulpturen. Minus fünf Grad Celsius. Eismänner sitzen an Eistischen, blankpolierte Eiswände schimmern farbig im Schein tanzender Lichter.

Ein Willkommensgetränk ist im saftigen Eintrittspreis von 160 Kronen (17,50 Euro) inbegriffen und wird natürlich im Eisbecher serviert. Die Eisbarfrau hinter der Theke klärt mich auf: Es handelt sich um ein Getränk aus Weißwein und Arktischen Krähenbeeren. Na denn: Skål!

Außer mir hat sich noch ein Pärchen im Poncho-Look in die blaue Höhle getraut. Die Stimmung ist cool, die Eiskunst allgegenwärtig, Munchs „Schrei“ steht Kopf. Als ich den begehbaren Kühlschrank wieder verlasse, kommt mir Oslos Abendtemperatur fast mild vor.

Für echten Winter wie für die Polarlichter muss ich wohl weiter nördlich reisen. Oder länger in Oslo bleiben, bis die Wolken über dem Fjord auch Schnee bringen.

Bye bye, love!
Bye bye, love!

Text und Fotos: Elke Weiler

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  1. Sieht klasse aus, tolle Fotos! Oslo im Winter hatte ich mir eher öde vorgestellt. Mit Nebel so am Wasser, das hat was.

  2. Die Nebelfotos sind ja ein Traum! Superschön.

  3. So, Oslo, mach dich auf was gefasst, ich komme 2015 wieder! Und gib Dich ein bisschen nebelig, bitte, denn ich will es auch so verwunschen haben wie Elke, der ich hiermit ein gutes neues Jahr wünsche! Alles Liebe und viele tolle Reisen 2015, Gudrun

  4. Wunderschöne Nebelfotos! Mich hat es gestern auch in den Fingern gejuckt, als ich zu Fuß nach Hause gegangen bin und der Nebel in jeder Ecke hing. Leider hatte ich meine Kamera nicht dabei…

    Herzlich,
    Anna

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  6. Oslo im Winter ist einfach traumhaft und viel faszinierender als im Sommer. Besonders gut gefällt mir die Tatsache, dass man dort mit der U-Bahn ins Skigebiet fahren kann. Man muss die Norweger einfach lieben!

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