Palmen im Wind

Es fegt über die nordjütländische Ostküste, eine Windstärke wie an der Nordsee. Ich fühle mich direkt heimisch. Der Himmel wolkenverhangen, die Palmen beugen sich der Macht bewegter Luft. Kaum ein Mensch vor Ort am Sonntagmorgen.

Zwei Männer spazieren mit ihren Hunden über den schmalen Strand. Morgengassi. Daneben versucht ein Surfer sein Equipment aufzubauen. Ideales Wetter zum Windsurfen. Die Wellen rauschen gegen den Sand und tragen Muschelkalk an. Gebrochene Schalen, wild gehäuft, vermischt mit Seetang.

Drei transparente Quallen auf dem einsamen Holzsteg. Die Düne, das Wetter, die Windräder in der Nähe – alles passt. Nur die Palmen, was machen sie hier? Sie führen mich weit weg, geben dem Ganzen einen Hauch von Orient oder Karibik, als wäre ich plötzlich ganz woanders.

Als wäre ich von Dänemark mit dem fliegenden Teppich durch die Lüfte geradewegs in eine Oase gesegelt. Und dann, auf den zweiten Blick, passen die Palmen, haben sich angepasst, geben dem kleinen Strand etwas Kuscheliges. Und wie sie dem Wind trotzen! Als wären sie einheimisch und nicht aus China und von den Kanaren.

Ich bin neun Kilometer nördlich von Frederikshavn am sogenannten „Palmestranden“ des Nordre Strandvej. Der Strand mit der Hausnummer 22. Es ist mehr als eine Attraktion, mehr als ein Marketing-Gag. Die Sehnsucht nach Wärme, nach den Tropen, nach glühend heißer Sonne, vor der man in den Schatten der Bäume fliehen muss.

Diese Sehnsucht wird gemildert von den angepflanzten Dattel- und Hanfpalmen, verteilt über eine 400 Meter lange Bucht, kaum breiter als 50 Meter. 2004 begann die Idee mit den ersten 30 Palmen Gestalt anzunehmen. Inzwischen hat sich ihre Zahl verdreifacht. Und so stehen sie da, die hohen Schlanken und die kleinen Dicken. Jede Saison.

Und ewig rauscht das Kattegat.
Und ewig rauscht das Kattegat.

Dazwischen eine Strandbar sowie Plätze zum privaten Grillen – das ist der Unterschied zu den karibischen Stränden, diese Organisation des Robinson Crusoe-Feelings. Die Dänen sind große Anhänger des Picknicks, das fängt schon auf den gut ausgestatteten Rastplätzen an. Und noch eine Besonderheit: Dem Klima geschuldet werden die Palmen nach Saisonende wieder ausgepflanzt und überwintern hübsch im Trockenen.

Ich möchte dieses Ambiente gerne an einem perfekten Sommertag oder Abend erleben. Doch selbst an Tagen wie diesen üben die Palmen ihre Wirkung aus. Und das Kuschelige, Gemütliche, das sie dem Strand verleihen – dafür gibt es im Dänischen ein eigenes Wort, das es nicht besser beschreiben könnte:

Der einzige Palmenstrand Dänemarks ist „hyggelig“.

Schon mal erlebt, wenn zwei Meere sich küssen?

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Visit Nordjylland, die diese Reise ermöglicht haben.

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