Swingin‘ Groningen

Ein Meer von Fahrrädern. Als ich an Groningens Bahnhof ankomme, fällt mir zunächst der gigantische Radparkplatz auf. „Um die 5000 Drahtesel“, schätzt die Einheimische Saskia Reimann.

Auch Besucher können sich hier „bedienen“, direkt am Bahnhof ein Bike mieten und sich dann unauffällig unters fahrende Volk mischen. Also tun wir es auch, gemeinsam mit Saskia.

Groningen, die alte Hansestadt im Norden Hollands ist mit 184.000 Einwohnern zwar überschaubar und auch gut per pedes erkundbar. Doch Fahrradfahren und Holland gehören nun mal untrennbar zusammen.

Also schwingt sich die Historikerin und Lehrerin Saskia aufs Rad, von dem sie als echte Groningerin mindestens eines besitzt. Der Trend geht zum Zweitrad, wieso auch nicht. Und wir starten unser gesund-aktives Sightseeing.

Jeder Groninger hat mindestens ein Rad.

Über die erste Landmarke stolpern wir fast: Nur einen Katzensprung entfernt liegt das Groninger Museum gegenüber vom Bahnhof. Und natürlich an einer Gracht, denn davon ist die alte Hansestadt durchzogen. Noch etwas: Das Museum bildet quasi eine Brücke zur Stadt.

Dreigeteilt und farbenfroh vom italienischen Designer Mendini gestylt, der auch schon für Alessi-Produkte verantwortlich zeichnete. Auch Philippe Starck und Coop Himmelblau durften als Gastarchitekten ihre Handschrift hinterlassen.

Ein Mix-Konzept innen wie außen: Heute beherbergt das Museum moderne bis zeitgenössische Kunst nebst Kunsthandwerk, Archäologie und Geschichte.

Von hier aus stadteinwärts boomt das Leben. Gefüllte Gassen, kleine Läden, Shops, Restaurants und Kneipen. Groningen wirkt jung und dynamisch mit seinen 50.000 Studenten. Trotz dieser beschaulichen Kulisse, die immer wieder durch moderne Architektur aufgepeppt wird.

Altes Goudkantoor im Herzen der Stadt.

Wie gelungen Alt und Neu Hand in Hand gehen können, beweist der Waagstraatkomplex in der Nähe des Grote Markt. Wieder wurde ein italienischer Architekt bemüht – hier um eine Synthese aus moderner Glas- und bestehender Backsteinarchitektur zu schaffen.

Es galt, den neuen Shoppingbereich mit dem Goudkantoor von 1635 zu verbinden. Die opulente Vergangenheit als Goldprüfungsamt der Hansestadt sieht man dem schmucken Gebäude an.

Auf drei kleinen Etagen lässt es sich heute gemütlich Kaffee trinken oder stilecht dinieren – mit Blick auf die City. Wir überqueren den Grote Markt und landen zu Füßen des Martiniturms, zentraler Treffpunkt für Jung und Alt.

Saskia hat einen Aufstieg organisiert, das bedeutet 370 Stufen hoch auf den „Olle Grieze“, den sich leicht neigenden alten Greis, wie die Historikerin und der Volksmund den Turm liebevoll nennen. Verschnaufpause auf 67 Metern Höhe: Der Grund ist ein altes Carillon, das auf 49 kleine Glocken schlägt.

370 Stufen hinauf auf den Martiniturm.

Auke de Boer klettert hier zwei Mal wöchentlich hoch und sorgt für „Stimmungsmusik“ aus luftiger Höhe. Immer dienstags und samstags gibt er der Stadt eine kostenlose Darbietung seiner Kunst. Eine Stunde lang.

An die Längsseite der zum Turm gehörigen Kirche schmiegt sich ein Backsteinhäuschen mit dem Namen „De Kostery“. Und da ist jede Menge los im ehemaligen Küsterhaus. Halb Groningen trifft sich hier auf einen Kaffee, Tee oder Snack.

Wir testen ein Stück Groninger Koek, eine Art Brotersatz, der wie Lebkuchen mit Orangeat und Zitronat schmeckt und nach Belieben mit Butter bestrichen wird. Irgendwie interessant.

Besonders weit müssen wir bis zum nächsten Stopp nicht radeln. Kräuterduft liegt über dem Prinsenhof aus dem 17. Jahrhundert, einst Kloster, das nach einer langen Geschichte vom Krankenhaus zur Sendeanstalt heute in ein Suitenhotel mit Café verwandelt wird.

Der Prinsenhoftuin, ein Renaissancegarten.

Folgen wir dem Kräuterduft in den dahinter gelegenen Prinsenhoftuin: ein gepflegter Renaissancegarten, eher was für Spaziergängen denn für Radfahrer. Neben Rosenbeeten gibt es einen schattigen Wandelgang, damit die Hofdamen blass blieben. Sowie ein Teehaus. Die Leute scheinen an jeder Ecke draußen zu sitzen oder es sich gutgehen zu lassen.

Nach dem Groninger Koek wollen wir auch die typische Senfsuppe der Stadt probieren und gehen zu t’Feithhuis. Seine ältesten Mauern datieren auf das 15. Jahrhundert zurück; es trägt den Namen eines alten Adelsgeschlechts. Die nostalgischen Sessel in der Lounge sind eher für später, für die Aperitivstunde.

Die Speisekarte ist nicht schwer zu verstehen, jedenfalls nicht, wenn du vom Niederrhein kommst. Da steht also „Groningse mosterdsoep“, die wir bestellen und bekommen und mögen und sogar öfters essen würden. Würzig bis scharf.

T' Feithhuis für eine Kaffee oder ein Senfsüppchen.

Draußen wechselt Sonne mit Regen, doch wir radeln weiter entlang der Grachten. Von zwei begradigten Flüssen wird die Innenstadt umschlungen, Yachten, Hausboote und ein beliebtes Pfannkuchenschiff belagern die Wasserwege.

250 bis 350 Euro bezahlen die Studenten für eine originelle Bude, die auch noch zentral liegt: Auf einem der vielen Hausboote ist das Leben günstiger. Student in Groningen müsste man sein.

Wir folgen dem Bogen des Flusses Aa um den Stadtkern. Typische Groninger Kaufmannshäuser säumen die Nordseite, Nostalgieschiffe, Hausboote und Yachten liegen in den Kanälen.

Einmal im Hausboot wohnen, das war's!

Im nahen Park Noorderplantsoen tobt im Sommer der Bär, dann ist wieder Festivalzeit und der Park wird zur Open-Air-Bühne. Besonders beliebt ist das Norderzoon Performing Arts Festival. Elf Tage voll mit Musik, Theater, Tanz und Literatur, die Performer kommen aus allen möglichen Ländern hierher.

Wir radeln den Kanal entlang in südlicher Richtung. In der Nähe der Aa-Brücke dürfen die Männer das vermutlich schönste Pissoir der Niederlande austesten. Es wurde vom Architekten Rem Koolhaas und einem Fotografen entworfen. Milchglas mit blauen Figuren. Schöner pinkeln im öffentlichen Raum. Wieso gibt es keines für Frauen?

Rund um den alten Aa-Hafen gruppieren sich zahlreiche restaurierte Speicherhäuser – heute begehrte Wohnungen und Büros. Außerhalb der Innenstadt radeln wir ein gutes Stück die Hoornse Diep entlang, dann über den Paterwoldseweg bis zum Hoornse Meer. Und entdecken kuriose Architektur: das „Wall House 2“ des US-amerikanischen Architekten John Hejduk.

Das Wall House 2 am Hoornse Meer.

Grundlage ist ein Entwurf Hejduks aus den 70er Jahren, nie realisiert, wie vieles aus dem Oeuvre des Architekten. Es geht um die Idee einer Betonmauer als Transitort, die am Hoornse Meer ihre Bestimmung fand. Wir laufen über einen Gang wie über eine Brücke durch die Mauer zu den halbrunden Haupträumen, die auf der Seeseite quasi um sie herum schwingen.

Bei diesem Aufeinandertreffen der Formen entstehen Zwischenräume, auch ohne Funktion, überraschende Einsichten sowie Aussichten – denn kein Fenster ist wie das andere. Heute wird das „Wall House 2“ als Künstlerresidenz genutzt, als ungewöhnlicher Ort der Inspiration inmitten der weiten Landschaft.

Wir sind angekommen. Das Hoornse Meer ist eigentlich ein Binnensee, und wir wollen ein bisschen entspannen nach soviel Kultur. Was die Groninger – je nach Wetterlage – hier so treiben? Baden, spazieren, picknicken. Wir hingegen werden wieder zurück radeln. Denn wir wollen das Nightlife in Groningen testen.

Donnerstagabend am Grote Markt

Donnerstagabend am Grote Markt. Die Stadt wimmelt nur so von jungen Leuten. Von wegen biedere Backsteinfassaden: die Häuserfront mit der Aufschrift „Drie Gezusters“ beherbergt in ihrem Innern ein Labyrinth aus Kneipen, Cafés und Diskotheken.

Jeden Donnerstag platzt dieser Irrgarten des Amüsements aus allen Nähten. Und wir mittendrin. Ziehen von Location zu Location und kommen an einer ganz anderen Stelle wieder nach draußen.

Die alte, junge Stadt – ein Flirren und Klingen und Swingen. Das nächtliche Treiben geht bis zur ersten Pizza in grauen Morgenstunden, sagt Saskia, die Kennerin und Radfahrerin und Mutter eines erwachsenen Sohnes. So lange halten wir allerdings nicht durch – nach der Radtour!

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Marketing Groningen, die diese Reise unterstützt haben.

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  1. ..unheimlich schöne Fotos, toll!!

  2. Danke, Conny!

  3. Spannende Tour, so kannte ich Groningen noch nicht. Aber auf dem Pfannkuchenboot habe ich auch schon gegessen. 😉

  4. Klingt nach einer spannenden Stadt, muss ich mir merken. Alter, roter Backstein und es ist um mich geschehen. 😉

    Tolle Fotos übrigens…

    Liebe Grüße
    Ulli

  5. Geht mir genauso, Ulli! Danke!! 🙂

  6. Groningen scheint ja ein entspanntes Fleckchen zu sein. Besonders sympathisch finde ich die vielen Fahrräder. Die Drahtesel sind (bei Schönwetter) wirklich die erste Wahl in der Stadt. 🙂

  7. Allerdings! Holland und Dänemark leben diesbezüglich ganz gesund. 🙂

  8. Anna Franzen

    Liebe Elke,
    die Fotos von Groningen sind ja wunderschön geworden, haben einen leicht tristen Touch. Lag es einfach am Wetter?
    Ich habe es bisher nur ein paar Stunden nach Groningen geschafft, vor meinem Flug nach Gdansk, aber die Grachtenfahrt war spitze und ich habe einige Orte in deinen Bildern wiederentdeckt.
    Liebe Grüße
    Anna

    • Danke, liebe Anna! Sie sind mit Snapseed gefiltert, ich hatte mal so eine Phase… 😉 Groningen hat mir auch sehr gut gefallen! Liebe Grüße, Elke

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