Vier Meter unter dem Meeresspiegel

Es war einmal ein See, und die Fischer von De Rijp überquerten ihn auf ihrem Weg zum Ijsselmeer. An dieser Stelle stehe ich trockenen Fußes auf Marschboden. Genau zwischen Alkmaar und Amsterdam, vier Meter unter dem Meeresspiegel.

Das Land ist flach, grün und von Gräben und schmalen Straßen durchzogen, alles streng geometrisch im Trend des 17. Jahrhundert angelegt. 7.200 Hektar rundherum, der Horizont weit. Ein Polder, eingedeichtes Marschland, bei uns Koog genannt. Beemster galt als Vorbild für Landgewinnung in Europa und wurde dafür im Jahre 1999 auf die Weltkulturerbe-Liste gesetzt.

Auch wenn die Nordfriesen keine Windmühlen zum Trockenlegen nutzten, erinnert doch vieles an meine neue Heimat auf der Halbinsel Eiderstedt. Mit dem Unterschied, dass sich der Nordfriese das Land direkt von der Nordsee genommen hat. Ohne Geometrie, aber mit Gräben.

Mehr Schafe als Einwohner
Mehr Schafe als Einwohner

Auch die ganzen Schafe gehören zum Bild – wie in Nordfriesland. „Sie sind ganzjährig draußen.“ Deborah aus dem Hauptdorf Middenbeemster geleitet mich durch ihren Polder und erwähnt auch die Kühe, die ich nicht sehe. Ohne sie gäbe es nämlich den guten Beemster-Käse nicht.

Später finden wir als Beweis die Käse-Fabrik, eine Genossenschaft von 550 Bauern, und zwei Milchtransporter, die auch sonntags unterwegs sind. Nur die Kühe lassen sich nicht blicken. Dabei heißt es, sie stünden länger auf den Weiden als üblich, das wäre wichtig für die Milch. Und nur Milch aus der Region kommt in den Käse.

Ein Bauer kommt uns auf einem Traktor entgegen und hebt genau einen Finger zum Gruß. Wie bei uns, muss ich erneut denken, dieser herzliche Minimalismus. Ich suche die Unterschiede. „Wo sind die Mühlen?“, frage ich Deborah. Von den einst 40 ist keine mehr übrig geblieben. Statt mit Windkraft entwässern die Experten heute mit Pumpwerken. Vollautomatisch.

Die letzte Kornmühle
Die letzte Kornmühle

Nur im Nachbarpolder ist noch ein Mühlen-Ensemble verblieben und zum Museum mutiert. In drei Stufen wurde das Wasser hochgehoben und in den Kanal verfrachtet, der über den Westdijk ins Meer fließt. Dieser vier Meter hohe Deich bildet die Grenze vom alten zum neuen Land.

„Wenn der Deich bricht, haben wir ein Problem“, sagt Deborah. Doch ernsthafte Sorgen macht sie sich nicht. Wozu auch, der Deich hat ja die letzten Jahrhunderte gehalten, und das nordholländische Entwässerungssystem scheint präzise zu funktionieren.

Dann finden wir wenigstens eine alte Kornmühle im Polder, denn Holland ohne beflügelte Architektur geht gar nicht. „Jedes Dorf hatte früher eine Mühle.“ Was Deborah mir auch zeigen möchte: ein paar der traditionellen Bauernhäuser mit pyramidenförmigen Dächern. Kommt mir bekannt vor!

Geometrie der Höfe
Geometrie der Höfe

Aus der Form des hiesigen Stolphofs wurde der nordfriesische Haubarg geschaffen. Natürlich von Einwanderern aus den Niederlanden. Nicht so die städtisch wirkenden Gutshäuser der Gegend. Beliebt war ein üppiger Obstgarten direkt am Haus. „Ein paar Schafe liefen zwischen den Bäumen umher und hielten das Gras kurz“, meint Deborah.

Heute gehören die Gutshäuser oftmals Familien, die von Amsterdam aufs Land gezogen sind. Die Anbindung an die Großstadt funkioniert bestens. „Jede halbe Stunde fährt ein Bus“, weiß Deborah. Zwar kommt mir die Geschwindigkeit auf den relativ schmalen Straßen Beemsters oft rasant vor, doch es gelten 60 km/h im ganzen Polder.

Im Vergleich dazu: Auf Eiderstedt dürfen die Leute 100 fahren – trotz schmaler Straßen. Da wirkt Beemster doch geradezu tiefenentspannt. Nur wenige Autos sind an diesem sonnigen Sonntag unterwegs, dafür umso mehr Spaziergänger und Radfahrer.

So können Kirchen aussehen.
So können Kirchen aussehen.

Wir landen vor einer Kirche ohne Turm, die zur Straße hin wie ein ganz normales Haus wirkt. Dort wohnt der Küster, im hinteren Teil des Gebäudes von 1785 verbirgt sich das mennonitische Gotteshaus. Mit einem echten Schmuckstück, einer Flaes-Orgel von 1887.

Eigentlich ist die Kirche bereits abgeschlossen, doch Deborah spricht mit einem Mann und zwei Frauen der Gemeinde, die zufällig noch dort sind und sich unterhalten. Man freut sich über das Interesse und zeigt seinen Schatz gerne.

Eine der Frauen hat Ähnlichkeit mit den Gesichtern der Familie meiner Uroma. Der Niederrhein scheint nah und wird seit jeher gerne als Ostholland bezeichnet. Ich hatte dem Haarlemer Rob am Vortag bereits erzählt, dass das niederrheinische Plattdeutsch dem Niederländischen ähnelt. Leider spricht es kaum jemand mehr.

Kaffee in der Kirche
Kaffee in der Kirche

Nun stehe ich also vier Meter unter dem Meeresspiegel, rede mit einer Frau, die mit meiner Uroma verwandt sein könnte, und rieche erstmals in meinen Leben Kaffeeduft in einer Kirche. Geselligkeit ist eben wichtig in Holland.

Deborah lässt mich noch einen Blick auf Beemster vom Westdijk aus werfen, sie ist fasziniert von den Fluchtlinien und der Weite der Polderlandschaft – obwohl sie hier lebt und das alles tagtäglich vor Augen hat.

Dann setzt sie mich im Fort Beemster ab, wo ich mir ein Boerentosti genehmige, die niederländische Version des Croque Monsieur – hier natürlich mit Beemsterkäse! Später erzählt mit Kellner Roy, dass auch das leckere Brot aus Beemster kommt, ebenso wie Möhren, Kartoffeln und Rindfleisch.

Übernachten im Fort
Übernachten im Fort

Ich werde die Nacht also in einem umgebauten Fort verbringen, das zum Festungsgürtel von Amsterdam gehörte und auf den Anfang des 20. Jahrhundert zurückdatiert. In einigen der zwölf Zimmer sind immer noch Details der ehemaligen Nutzung zu finden.

Seit ein paar Monaten gilt Fort Beemster vor allem als beliebter Wellnesstempel für Amsterdamer und die ganze Umgebung. Dementsprechend voll ist der Parkplatz an diesem Sonntag. Wegen des schönen Wetters verzichte ich auf textilfreies Baden und gemeinschaftliches Schwitzen und treibe mich weiterhin im neuen und alten Land herum.

Denn ein letztes Highlight steht noch auf meinen nordholländischen Programm: das ehemalige Fischerdorf De Rijp.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an das Niederländische Büro für Tourismus & Convention, I amsterdam und Nordholland, die diese Reise ermöglicht haben.

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  1. Hallo Elke,

    als ich in Amsterdam lebte, fand ich das manchmal schon etwas komisch, immer unter dem Meeresspiegel zu sein. Zum Glück wohnte ich im 3.Stock, das gleichte das Missverhältnis aus ;-).

    LG Katharina

    • Hallo Katharina,

      genau, dann kannst du bei einlaufendem Wasser den Überblick behalten. 😀

      Ach, das war bestimmt toll, in Amsterdam zu wohnen!!!

      LG, Elke

  2. So schöne Bilder, Elke! Das mit der Windmühle <3

    LG, Mila

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