Spaziergang mit Hanne

Ein guter Greet beginnt an einer schönen Stelle.

Also treffen wir uns an den Landungsbrücken, Blickrichtung Wasser. Hanne von den Hamburg Greeters steht schon da und freut sich, als ich komme. Zwar haben wir uns noch nie zuvor gesehen, aber trotzdem erkannt. Das Wetter meint es gut mit uns und lässt für diesen Greet sogar die Sonne scheinen.

Wenn ich irgendwohin reise, erkundige ich mich neuerdings gerne nach lokalen Greetern oder etwas Vergleichbarem. Seitdem ich eine Geschichte über einige französische Städte gelesen habe, die in dieser Hinsicht recht aktiv sind. Auch in Dublin habe ich schon eine Teestunde mit einem Einheimischen genossen. Was ist eigentlich ein Greet? Kurz gesagt: Ein Einheimischer zeigt dir ein Stück seiner Stadt.

Jeder Greeter macht das anders, doch alle haben etwas gemeinsam: Was sie tun, ist ehrenamtlich, der Greet kostenlos. „Die US-Amerikanerin Lynn Brooks war Ideengeberin“, klärt Hanne mich auf. Sie gründete die Big Apple Greeter, um den Touristen zu zeigen, dass New York gar nicht so schlimm und kriminell ist.

Hamburg, Reperbahn: Jetzt erfahre ich es also nie!

Wodurch unterscheidet sich ein Greet von einer normalen Stadtführung?, will ich wissen. „Wir machen einen Spaziergang mit dem Touristen“, meint meine Greeterin. Sie werfen weniger mit historischen Daten um sich, als vielmehr mit persönlichen Tipps und Infos zum Citylife.

Und das wollen wir heute in St. Pauli und im Schanzenviertel also tun: spazieren und reden.

Da ich Hanne in diesen zwei Stunden ganz für mich allein habe, plaudern wir über den Greet und die Welt. Beziehungsweise Hamburg. Maximal bis zu sechs Personen nehmen an so einem lockeren Spaziergang teil. „Manchmal ist es eine Familie oder eine Gruppe von Freunden“, meint die Greeterin. Oder eben Alleinreisende.

Gleich zu Beginn stellen wir fest, dass ich noch nie auf der Reeperbahn war. Dort wollte Hanne sowieso hin. Normalerweise äußern die Interessierten schon bei der Anmeldung ihre Wünsche bezüglich Sehenswürdigkeit oder Stadtviertel. Außer Deutsch können die Hamburger noch vier weitere Sprachen für einen Greet anbieten.

Wer ist Hanne eigentlich? Warum will sie mir Hamburg zeigen? Gebürtig aus dem Schwabenland, hat sie lange Zeit in München gelebt und eine Mitwohnzentrale gegründet. „1987 als Erste in München“, erzählt sie nicht ohne Stolz. Nun ist sie seit einigen Jahren in Hamburg verortet und war vor der Gründung der Greeter auf der Suche nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit.

Nun also Touristen bespaßen: Hanne von den Hamburg Greeters.

Aber nicht irgendeiner. Die Idee vom Treffen mit Touristen, die an der Stadt interessiert sind, an netten kleinen Cafés und den berühmten Geheimtipps – das war es. Inzwischen sind wir auf der Reeperbahn gelandet, die tagsüber wie eine banale Straße mit viel Werbung wirkt.

Wir beobachten zwei junge Männer, die in die Herbertstraße einbiegen. Da können wir angeblich nicht hinterher: Obschon über 18, aber eben als Frau sollst du nicht! Leicht überkritzelt und überklebt ist die Ansage, doch immer noch gut lesbar. Hanne hat es dennoch einmal gewagt, diese Schwelle zu überschreiten. Was unangenehm endete, auch für ihren männlichen Begleiter. Ein Gezetere der dort arbeitenden Frauen!

Das ersparen wir uns heute. Ein Stück weiter laufen wir dafür den Beatles über den Weg. Genauer gesagt, ist es ein Denkmal für die Musiker aus Liverpool. Auf dem Beatles-Platz, einer schallplattenähnliche Fläche, sind die Figuren wie mitten im Spiel dargestellt, und ihre Metall-Silhouetten laden zum Mitmachen ein. Einfach den Kopf reinstecken, die Hände an die vermeintliche Gitarre legen – und let’s fetz‘!

Während wir weiterspazieren und quatschen, verpassen wir einen Abzweig der von Hanne gedachten Route. So landen wir in einer kuscheligen Ecke von St. Pauli, die selbst Hanne noch nicht kannte. Ein französisches Café, ein süßer Blumenladen, niedrige Häuser. Alles so ruhig. Sind wir wirklich noch in Hamburg?

Sind wir wirklich noch in Hamburg?

Um den Anschluss wiederzufinden, fragen wir leider die Falschen: Eine Gruppe von Spaniern, die ebenfalls auf Erkundungstour ist. Gelächter. Irgendwann stehen wir an einer Stelle, die mir bekannt vorkommt und wieder auf Hannes Route liegt.

Da stürmt eine Horde Kinder zwecks Interview auf uns zu. Hanne überlässt mir großzügig die Bühne, doch ich gebe zu bedenken, dass ich aus Nordfriesland komme. „Sprichst du denn Deutsch?“, fragt mich ein Mädchen. Ich gebe mein Bestes sowie meine Ansichten zum Thema Obdachlosigkeit für einen freien Radiosender preis.

Der Zwerg-Interviewer scheint zufrieden, auch mit meinen Deutschkenntnissen. Im Gegenzug bitten wir um ein Foto von uns für die Hamburg Greeter. Das übernimmt der einzige Erwachsene der Gruppe, wenngleich sich noch weitere anbieten. Kinder fotografieren gerne, so scheint es. Ein weltweites Phänomen.

Ich erzähle Hanne, dass ich heute eine Schlange vor einem Blumenladen gesehen habe. Kaufen die Hamburger so gerne Blumen? Hanne lacht. Das sind Läden, die nur an zwei Tagen geöffnet sind und ihre Waren unglaublich günstig verscherbeln. In der Tat. Als wir beim Greet genau an dieser Stelle im Schanzenviertel vorbeilaufen, immer noch das gleiche Schauspiel. Die Leute stiefeln mit Armen voller Tulpen wieder hinaus.

Hier werden dir die Tulpen nachgeworfen, quasi.

Nach zwei Stunden in der Kälte haben wir uns einen Kaffee verdient und kehren im hippen „Elbgold“ an der S-Bahnstation Sternschanze ein. Direkt neben der „Bullerei“ von Tim Mälzer, der hier live durchs Lokal läuft. Allerdings ist um fünf Uhr nachmittags nicht sonderlich viel los. Ganz anders nebenan, immer noch in den renovierten Viehhallen des alten Schlachthofs.

Natürlich wissen wir im „Elbgold“ nicht, welchen Kaffee wir trinken sollen – bei der Auswahl. Mit der Handpresse gedrückt, gefiltert, aus dem Kaffeeautomaten und welcher von den ganzen Sorten. Die taffe Servicefrau weiß Rat. Ich entscheide mich für eine aromatisch-milde Sorte aus Guatemala mit Aeropress-Verfahren.

Im Hintergrund werden eifrig Kaffeebohnen behandelt, um uns herum hippe Leute, auch eine Schauspielerin darunter. Gemütlich lassen wir den Greet ausklingen, während Hanne einen Kollegen bemerkt. Das wird ihren Ruf festigen, wenn er sie hier sieht. So meint sie.

Der Greeter als Genussmensch also.

Text und Fotos: Elke Weiler

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  2. Was für eine schöne Idee eine Stadt zu entdecken – das muss ich auch unbedingt mal machen! Oder gleich direkt jemanden durch meine Stadt führen, das macht bestimmt mindestens genauso viel Spaß als geführt zu werden 🙂

  3. Ein guter Tipp, Elke. Ich plane seit einiger Zeit ähnliche Touren in meine Stadtaufenthalte ein und lerne immer wieder etwas Neues dazu. In South Beach (Miami) war ich gerade auf einer Food Tour unterwegs. Dabei bekomme ich oft ganz neue Einsichten in Städte, die ich schon seit Jahren kenne. Eine sehr spannende Art, Städte kennenzulernen.

  4. Toll, toll, toll! Ich möchte auch Greeter werden! 🙂 Weißt du da näheres zu?

    Liebe Grüße
    Jessi

  5. oh da kommt dolle Heimweh auf!!! Oh mein Pauli 🙁 Aber das mit den Greetern ist ja geil, kannte ich überhaupt nicht. ich guck gleich mal ob es das in Barcelona schon gibt – da bin ich doch glatt dabei 🙂

  6. Greet und wieder was gelernt, tolle wie immer die Fotos und der zum schmunzeln bringende Text.
    LG Dani

  7. Hach, mein Hamburg – schön, meine Heimatstadt mal aus dieser Perspektive zu sehen. Das Greeter-Konzept kannte ich auch noch nicht, gute Sache. An den vorherigen Posts habe ich gesehen, dass Du irgendwas dazu planst, auch mit anderen Bloggern, und auf der ITB bist…. Wollen wir uns da nicht auch mal treffen? Würde mich freuen 🙂

  8. Ich habe von Greetern schon gelesen, aber mich noch gar nicht weiter damit befasst. Umso schöner, dass du nicht nur erklärst, was das bedeutet, sondern uns gleich mitnimmst auf deinen Spaziergang bzw. deine Reise. Tolle Idee, werden wir für unseren nächsten Urlaub nutzen. 🙂

  9. Sehr coole Art die Stadt zu entdecken, kannte ich so noch gar nicht. Hamburg steht bei mir noch auf der Liste. Dann sollte ich mir auch mal die Hanne schnappen …

  10. Wow, tolle Geschichte. Ich stelle es mir auf beiden Seiten interessant und spannend vor, sowohl als Tourist auch als Greeter.

    Bin schon am überlegen, welche Routen man hier in München gehen könnte. 😉

    LG, Ulli

  11. Liebe Elke,

    das ist ja ein sehr schöner Bericht geworden über unseren St.Pauli-Greet. Vielen Dank.
    Wie ich sehe, hast Du gut aufgepasst, was ich Dir nebenbei so aus dem“ Nähkästchen“ erzählt habe. 🙂
    Viel Spaß wünsche ich Dir bei Deinen Greets am Meer.
    Lieben Gruß
    Hanne

    • Danke, liebe Hanne!

      Und wie gesagt, wenn du mal hier oben bist, sag‘ bitte Bescheid! Ich kenn‘ die besten Ecken und Cafés… 😉

      LG, Elke

  12. … das klngt sehr verlockend, liebe Elke…! Mal sehen…
    LG Hanne

  13. Das ist wirklich ein sehr schöner Artikel und die Fotos finde ich richtig klasse 🙂
    Wie habt Ihr die optisch so hinbekommen? Benutzt Ihr bestimmte Filter?
    Vielleicht habe ich ja Glück und bekomme einen kleinen Tipp.

    LG, Bianca

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