Dünenliebe

Vor sieben Jahren ist der Hamburger Ulf nach Dänemark gezogen: „Aus Liebe zu dieser Landschaft.“ Wir stehen inmitten des riesigen Dünengebiets von Hvide Sande.

Vielleicht bin ich neidisch auf Ulf, wenigstens ein bisschen. Sein Dänisch hat er irgendwie en passant gelernt, und es klingt ganz passabel. Dann hat er angefangen, Fahrräder zu vermieten, und auch das funktioniert. Die Gegend ist ideal zum Radfahren.

Neun Kilometer sind wir geradelt vom unserem Ferienhaus in Søndervig bis zum Lyngvig Leuchtturm. Neun Kilometer gegen den Wind, der einfach zur Nordsee gehört. Neun Kilometer ohne Gegenverkehr auf schmalen Pfaden durch die Dünen. Neun Kilometer quer durch die Natur, und es könnte ewig so weitergehen. Keine Grenzen, keine Zäune, keine geraden Linien.

Fahrradtour durch Holmsland Klit.

Wir wollen den Leuchtturm hinauf und geben Ulf die Räder zurück. Das ist sein spezieller Service, er bringt und holt sie ganz nach Wunsch. Wir gönnen uns eine Verschnaufpause im ehemaligen Haus des Leuchtturmwärters. Es ist gleichzeitig Ausstellungsort, Café und Shop mit dänischen Dingen.

Alte Badebilder von Søndervig an den Wänden, Liebeserklärungen an die Nordsee. Søndervig hat nämlich ein lange Tradition als Badeort. Schon ab 1800 genossen Ausflügler die Dünen und das Meer. Nur dass man damals noch keinen Bikini trug, sondern reichlich bekleidet war.

Witzige Shortstories zum wilden Badeleben sind ebenfalls an den Wänden des Museumscafés zu lesen, etwa: „Eine Lehrerin berichtete der Verwalterin des Søndervig Badehotels, Frau Gravesen, verärgert, dass nun Männer und Frauen zusammen badeten: ‚Was soll das bloß noch werden?‘ Frau Gravesen antwortete: ‚Ich denke, es wird nass.'“

Auf Häkeldecken sitzen und Kaffee trinken.

Wir sitzen auf Häkeldecken und Vintagemöbeln wie in Omas Wohnzimmer. Oder an einfachen Klapptischen, die auch zu kaufen sind. Es ist bestimmt das netteste Museumsladen-Café von ganz Dänemark.

Zumindest gilt der Lyngvig Leuchtturm als höchster des Landes. 38 Meter, und wir wollen hoch, alle 149 Stufen. Zum Schluss müssen wir in gebückter Haltung durch eine Luke klettern, eine sportliche Nummer, diese Besichtigung. Oben weht es so kräftig, dass uns die Haare zu Berge stehen. Besser, wir klammern uns am Geländer fest.

Aber der Ausblick, der lohnt sich natürlich. Dünen, nichts als Dünen um uns herum. Das weite Meer auf der einen, der Ringkøbing-Fjord auf der anderen Seite. Wir stehen auf Holmsland Klit, der Landzunge zwischen Nordsee und Fjord.

Hinauf auf den Lyngvig Leuchtturm!

Kein Leuchtturmwächter muss heute die insgesamt 228 Stufen hinaufklettern, angefangen am Fuße der Düne, um das Feuer zu entzünden. Dafür werden in dem schmalen Turm hin und wieder kleine Konzerte gegeben, bei denen die Zuhörer auf den Stufen stehen und sitzen.

Wir fahren weiter, dieses Mal motorisiert, und zwar hinunter zum alten Wikingerhafen Bork, der am südlichen Ende des Fjords liegt. Sie warten schon auf uns: zwei stattliche Männer mit Fellen auf den breiten Schultern.

Torkil mit dem Wolf und Ulu mit dem Marder. Der Pelztyp sagt einiges über die Stammeszugehörigkeit aus. Ulu outet sich als Germane, der sich auf Sklavenhandel verlegt hat. Unser Busfahrer versucht zu verhandeln und bietet spontan zwei Damen aus der Gruppe an.

Der Häuptling unterm Gründach.

Neben den ganzen Wikingergeschichten erfahren wir, dass Ingo aka Ulu als Sozialarbeiter in Hamburg arbeitet. In den Sommermonaten gönnt er sich eine Auszeit vom Job, der teilweise stark an die Nieren geht. So mutiert er zum Wikinger.

Wir nehmen in der Räucherstube Platz, jedenfalls riecht der Wohnbereich eines Langhauses so. Alles dicht an dicht, die Betten der Erwachsenen, Kinder, Bediensteten. Wenigstens gibt es Alkoven für ein Minimum an Privatsphäre. „Die Frauen hatten die Schlüsselgewalt, sie waren im Haus die Chefs“, meint Torkil. Doch die Besitztümer der Familie stammen aus der Welt der Männer: Schiffssegel, Waffen und Rüstung.

Fenris schaut kurz vorbei, der Hund des Dorfhäuptlings, der weißhäuptig aus einer anderen Tür herausguckt, unterm Gründach. Fenris, der Wolf in der Mythologie. Hier und heute trägt er eine Steuermarke, lässt sich kraulen, wie es sich für einen artigen, kleinen Hund gehört. Dann verlässt er uns, um wehmütig auf Wasser zu starren.

Wikingerhund Fenris starrt aufs Wasser.

Dort, wo die Boote vertäut sind. „Die Wikinger waren Bauern, und bei Landnahme nahmen sie Pferde, Kühe, Schweine, Ziegen mit aufs Schiff.“ Sie präsentieren uns ein Trainingsboot. „Das Erfolgsgeheimnis der Wikinger liegt hier: Es waren schnelle Schiffe mit wenig Tiefgang.“

Ulu geht in seinem Sommerjob ziemlich auf. Noch so einer, der am liebsten in Hvide Sande bleiben würde. Vorstellen kann ich mir das auch, hier zu leben und zu arbeiten. Allerdings weniger im Fahrrad- oder Wikingersektor.

[tweetable hashtags=“#reiseblog #hvidesande“]Doch im Moment genügt es mir, nichts zu tun.[/tweetable]

Spazieren in den Dünen von Hvide Sande.

Stundenlang durch die Dünen oder am Strand von Holmsland Klit entlang zu laufen. Wie hieß es noch gleich bei Poul Ellerbæk? „In Søndervig angekommen, ging man zu einem der Höfe (…), und wenn die Schokolade und der Kaffee getrunken waren, machte man einen Spaziergang am Meer, womit schon mal der restliche Nachmittag vergehen konnte.“

Das war in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Slow tourism musste also nicht mehr erfunden werden.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an die dänische Region Hvide Sande, die diese Reise ermöglicht hat.

  1. Sehr tolle Bilder und schöner Text. Da bekomme ich selbst hier auf meiner Couch Lust auf eine heiße Schoki. 😉

  2. Hallo Elke,
    wie immer ein interessanter Bericht -und natürlich besonders toll- …von der Nordsee.
    Schönen Gruß
    Helmut

  3. Christa Kappus

    Liebe Elke Weiler,
    uns verbindet die Liebe zur Nordsee und vor allem: Die Zuneigung zu unseren Beardes von der Hummelwiese Wurf A vom 15.5.2012! Wir haben eine Schwester von Azarel (Ihr Janni), es ist Amber (Annie) von der Hummelwiese, wir holten sie als letzte aus dem Wurf, da unsere Hündin gestorben war und wir ohne Beardie nicht in St. Peter Ording , wo wir schon 25 Jahre waren, spazieren gehen wollten.
    Wir haben ein Reisemobil und sind am liebsten an Nord- und Ostsee unterwegs. Mit Sehnsucht lese ich Ihre schönen Beiträge zum Meer. Leider konnten wir das erste halbe Jahr mit Annie nicht fahren, da sie reisekrank war und sofort im Auto spuckte, das war natürlich nicht so toll, also sind wir 1/2 Jahr in und um unseren Wohnort Kellinghusen spazierengegangen und immer entspannt mit Annie umgegangen, sie bekam trotzdem unsere ganze Liebe. Jetzt können wir auch fahren und sehnen uns nach einem Nordsee Spaziergang. Im Sommer waren wir oft an der Ostsee in Hohenfelde, dort konnte Annie endlich auch ohne Laufleine lostollen.
    Ich las gerade, dass überall, wegen der Schutzbestimmungen für das Schleswig Holsteinische Wattenmeer, auch an Hundestränden an der Nordsee Leinenzwang besteht. Nun sah ich Ihre Fotos von „St. Buddel.“ Wo ist dieses Hunde- Paradies???
    Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mit uns Kontakt aufnehmen würden!
    Mit herzlichen Grüßen von Christa Kappus und einem lieben Wuff von Annie an Janni, sie würde sehr gern toben und endlich mal wieder ohne Leine, am liebsten natürlich mit anderen zusammen!
    Weiterhin viel Freude mit Ihren Beardis!

    • Hallo liebe Familie Kappus!

      Wir würden uns auch sehr freuen, Jannis Schwester Annie und ihr Rudel kennenzulernen. 🙂

      Sehr gerne auch in St. Buddel, ich werde mich am besten mal telefonisch melden.

      Liebe Grüße von uns allen und bis hoffentlich bald!

      Elke

  4. Pingback: Am Winterstrand in Dänemark

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