Das große Gelb

Seifige Düfte wabern durch den Äther, eine Halbinsel trägt Gelb: Der Raps blüht an allen Ecken auf Eiderstedt. Höchste Zeit also für eine neue Tour aus der Reihe „Radfahren in Nordfriesland“. Um farbharmonisch ans Werk zu gehen, werfe ich mir zunächst den Friesennerz über, was allerdings bald zu warm wird.

Immerhin weht eine leichte Brise übers Land. Da Eiderstedt im südlichen Nordfriesland einmal aus drei Inseln bestand, die mithilfe von Eindeichungen zu einer recht großen Halbinsel verschmolzen, beschränke ich mich für die mehrstündige Tour auf den nordöstlichen Teil.

Startpunkt: Simonsberg, ein häufig unterschätztes Dorf mit Geschichte, das viele nur vom Durchfahren kennen. Aber dazu später mehr. Ich parke am Ende der Dörpstraat vor dem Deich, hole das Rad heraus und schiebe es erst mal über den Deich. Schafe umzingeln mich. Hier und jetzt ist der Punkt erreicht, an dem sich die Meeresluft mit dem Rapsgeruch mischt.

Auf dem Terrain der Deichschweine

Das Meer weiter hinten, das Blöken der Schafe rundherum, das Naturschutzgebiet Wester-Spätinge zur Linken, ein Paradies für Vögel. Nach etwa einem Kilometer stoße ich auf einen kleinen Weg, der mich vom Deich wegführt und hin zum sogenannten Zuckerschiff, beziehungsweise zur Fundstelle desselben.

Am Zuckerschiff

Die Überreste des kleinen Frachtseglers aus dem 16. Jahrhundert sind heute im Schiffahrtsmuseum Nordfriesland in Husum zu bewundern. Das Schiff sollte Saatgut von Husum nach Holland bringen, strandete aber vor Uelvesbüll. Nach der Entdeckung in den 90ern des letzten Jahrhunderts legten die Archäologen es für zwei Jahre in Zucker ein – zur Konservierung.

Denkmal fürs Zuckerschiff

Über den Weg „Am Zuckerschiff“ gelange ich nach Uelvesbüll, halte mich aber nicht in Richtung Kirche, sondern biege links in den schmalen Porrendeich ein. So weit nördlich der Eider nennen sie die Krabben auch gerne Porren. Und der Porrendeich ist einer der ältesten und hübschesten Teile des Dorfes Uelvesbüll.

Backsteinhäuser mit und ohne Reet, spielende Kinder und im Wind flatternde Wäsche. Ein Hund steht in einer offenen Tür und bellt hinter mir her. Der Porrendeich also die pure Idylle. Am Ende biege ich links auf den Mühlendeich ab und muss ein Stück die Landstraße entlangfahren.

Richtig nett, der Porrendeich

Aber nur ein winziges Stück! Leider verfügt Eiderstedt entlang der Landstraßen nur über sehr wenige Radwege, was das Fahren neben dem Autoverkehr bei erlaubten 100 Kilometern pro Stunde nicht so angenehm macht. Die schmalen Landwirtschaftswege und alten Sommerdeiche sind auf jeden Fall den Landstraßen vorzuziehen.

Kuchen am Haubarg

Ich biege noch einmal links ab und erreiche nach knapp sechs Kilometern den Roten Haubarg. Schon lange bin ich nicht mehr dort eingekehrt. Dabei liegt er prächtig in der Landschaft, dieser einstige Großbauernhof aus dem 17. Jahrhundert mit seinem gewaltigen Reetdach. Einst konnte der Haubarg Mensch, Vieh und Vorräte beherbergen.

Haubarge gibt es übrigens nur auf Eiderstedt, die Bauweise hat sich durch die westfriesischen Einwanderern im 16. Jahrhundert auf der Halbinsel entwickelt. Mehr über das Leben damals lässt sich gleich neben dem Restaurant im Museum erfahren. Mein Artikel vom April 2011 über den Roten Haubarg war übrigens einer der ersten auf dem frisch geborenen Meerblog.

Seitdem hat sich Welt zigfach gedreht, der Wind ebenso, doch der Haubarg steht immer noch. Und an der Qualität des Blechkuchens ist nicht zu rütteln. Zwar gibt es auch Torten, doch ich bleibe beim Streusel. Aus aktuellem Anlass wähle ich Rhabarber, sitze ein wenig im Garten und genieße die Ruhe.

Auf dem schmalen Zufahrtsweg zum Haubarg hatte ich bereits einen Kuhstopp eingelegt. Ein Horde Kälber kam ebenso vorsichtig wie neugierig auf mich zu. Wieder einmal muss ich feststellen: Ich kann gut mit Kühen. Irgendwie verlieren sie in meiner Nähe schnell ihre Hemmungen und hätten fast das Objektiv geknutscht mit ihren gesprenkelten Mäulern.

Kälber – zum Knutschen süß

Wenn es im Winter an Kühen auf den Fennen mangelt, fehlt mir etwas. Es ist stiller. Leerer. Wenigstens sind noch Schafe da. Und ab Januar meist die ersten Lämmer, sogenannte Winterlämmer. Kein Vergleich natürlich mit der aktuellen, extrem lammreichen Situation. Ich wandele zurück durch den Garten und steige wieder aufs Rad.

Lieblingsstrecke

Links geht es auf den Mühlendeich, doch ich verlasse die Landstraße gleich wieder, indem ich mich geradeaus halte. Hier beginnt eine meiner Lieblingstrecken, der Haimoordeich, der später in den Ingwershörner Deich übergeht. Ein schmaler Weg, doch eine wunderschöne, abwechslungsreiche Strecke mit Schwung und Kurven. Wie schon auf dem Porrendeich herrscht kaum Verkehr, nur ein Traktor hin und wieder oder ein Anwohner mit dem Auto.

Immer wieder säumen Gehöfte und Reetdachkaten den Weg. Und Raps natürlich. Aber selbst der auf den Fennen eifrig blühende Löwenzahn trägt einen nicht unbedeutenden Teil zum großen Gelb bei. An der Gabelung Ingwershörner Deich – Dingsbülldeich biege ich links in den Platenhörner Deich ab. Eine kleine Schafherde zur Rechten mit chillenden Lämmern blökt mich an.

Der Platenhörner Deich endet an der B5, daher biege ich vorher links in den Katersweg und dann rechts in die Leglichkeit ab, die an der Simonsberger Straße endet. Links geht es zurück nach Simonsberg, doch ich halte an einem mittelgroßen Angelteich, der umrahmt vom Raps ist. Der ideale Ort zum Chillen.

Schafe fehlen nie.

Doch ich störe eine Ente, als ich den hölzernen Steg betrete. Zeternd und polternd kommt sie heraus und fliegt auf. Die Simonsberger Straße ist wesentlich stärker befahren als die schmalen Wege, und doch kann wegen der Kurven und teilweise auch wegen der Bebauung nicht ganz so gerast werden.

Die Kirche im Watt

In Simonsberg halte ich mich geradeaus, radele gemütlich die Dörpstraat entlang. Hier finde ich das wahre Simonsberg. Reetdachhäuser rechts und vor allem links des Weges. Ein Kirchspielkrug und daneben die Kirche von 1829. Die Vorgängerkirche hatte noch im Watt gestanden. Nach der großen Flut im Jahre 1717 hatten sich die Einwohner von Simonsberg auf den Deich gerettet, der die heutige Dorfstraße bildet.

Am Angelteich

Nur die Kirche auf einer hohen Warft war stehengeblieben. Und so pilgerten die Simonsberger für ihre Gottesdienste künftig durchs Watt, die Zeiten richteten sich dann eben nach Ebbe und Flut. Doch 1825 richtete eine weitere starke Flut soviel Schaden an, dass die Bewohner einen Neubau im Dorf errichten ließen.

Am Ende der Dorfstraße stehe ich wieder am Ausgangspunkt der Radtour vor dem Deich, 14 Kilometer habe ich vom Roten Haubarg bis hierher zurückgelegt. Und irgendwie macht sich das Gefühl breit, der Raps rieche intensiver als je zuvor.

Text und Fotos: Elke Weiler

Simonsberger Ansichten
Die „neue“ Dorfkirche
Am Platenhörner Deich
Es riecht und riecht und riecht.


Der Raps blüht natürlich von Jahr zu Jahr je nach Wetterlage unterschiedlich – teilweise schon Mitte April, und dieses Jahr immer noch Mitte Mai.
Für die insgesamt 20 Kilometer lange Tour rechne ich inklusive Pause etwa drei Stunden ein.
Die Dorfstraße in Simonsberg bildet eine winzigen Teil des Nordseeküsten-Radweges, der mit knapp 6.000 Kilometern längsten ausgeschilderten Radroute der Welt.
Weitere Tourenvorschläge für Nordfriesland:
Naturschutzgebiet Beltringharder Koog
Hamburger Hallig

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