Rund ums Reet

Reetdach eindecken

Unser Haus muss zum Friseur, es soll frisch erblonden zum Frühjahr. Wachsen, schneiden, legen – so lautet die Formel für sein Haar aus Schilf. „Früher hielt ein Reetdach etwa 50 Jahre“, meint Uwe Michalski, seines Zeichens Friseur der Reethäuser. Heute käme es jedoch schneller zu Ausbesserungen oder Neueindeckungen, der Umweltverschmutzung sei Dank.

Wir werden nur einen Teil unserer kleinen Kate mit frischem Reet eindecken lassen, ganz nach Empfehlung. Ich denke an die Leute, die einen ganzen Haubarg instand halten müssen. Zu einer kompletten Neueindeckung kommt es da eher selten. Einmal hat Reetdachdecker Michalski so ein Großprojekt leiten können: „Da kann man schon mal stolz sein.“

Ein enormes Haubargdach kann einen Dachdeckertrupp über mehrere Monate beschäftigen. Bei uns arbeiten sie zu dritt und sind am Ende noch mit dem abschließenden Walm und der Säuberung beschäftigt. Denn vom ersten Tag an ist der Job ein staubiger. Das abgetragene, alte Reet fliegt nur so durch die Gegend, auch während es mit einer Maschine zu handlichen Transportpäckchen geformt wird.

Das neue Reet türmt sich schon auf dem Anhänger in die Höhe, ganze Ballen liegen neben dem Haus. „Etwa zehn Bündel kann man für einen Quadratmeter rechnen“, überschlägt Michalski. Er kauft das Reet in Ungarn, wo er es zuvor mit seinem Mitarbeiter inspiziert hat. Die beiden erzählen über die schlechte Infrastruktur, die geringen Löhne und das gute Essen in Ungarn. Über die enorme Größe des Erntegebiets, das die Arbeiter in den Wintermonaten beackern, beginnend mit dem ersten Frost.

Schilf wächst wie verrückt

Über den Prozess der Weiterverarbeitung. „Im Reetdach steckt viel Handarbeit“, weiß Michalski. Auf der Halbinsel Eiderstedt leben und arbeiten drei Reetdachdecker. Allein Reet gibt es nicht genug, da die Fennen größtenteils landwirtschaftlich genutzt werden. Dabei sprießt das Schilfrohr im feuchten Marschland wie verrückt, wenn man es lässt.

Wir hätten sogar ein bisschen eigenes Reet zur Verfügung, das rund um die Gräben wuchert. Wenn wir es denn jeden Winter fachgerecht ernten, gerade schneiden, nicht brechen und irgendwo trocken lagern würden. So wie die Bewohner Nordfrieslands es früher gemacht haben. Sie sammelten ihre Ernte Jahr um Jahr. Waren irgendwann Reparaturen am Dach fällig, hatten sie bereits Material gehortet.

Kunsthandwerker auf dem Dach

Kunsthandwerker auf dem Dach

Wie das trockene, gelbe Reet dann auf dem Dach angebracht wird, gleicht einer Kunst. Die Männer werkeln auf einem überdimensionierten Webrahmen, sie legen, nähen, binden das Schilfrohr. Der Winkel muss stimmen, nach unten liegt es praller. Der Traufüberstand sollte mindestens 30 Zentimetern betragen, damit das Regenwasser nicht an der Hauswand abtropft.

Reet trotzt dem Sturm besser

Die Schnittenden liegen nach unten, während die Blüten im Gesamtbild ganz verschwinden. Mit Drahtschlingen wird das Schilf festgezurrt. Nicht nur, um dem nächsten Sturm standzuhalten. Dem kann es dank höherer Elastizität nämlich eher trotzen als ein herkömmliches Pfannendach oder das Wellblech der Stallungen.

Als Orkan Christian im Oktober 2013 auf Nordfriesland eindrosch, hat er zwar ganze Möbel über die Straße gehievt, doch nur ein paar Halme aus unserem Dach gezupft. Andernorts riss Christian massenweise Ziegel bis ganze Dächer herunter. Reet passt optimal in die Landschaft und es isoliert besser als herkömmliche Dachziegel. Das merken wir vor allem im Sommer, wenn es ausnahmsweise mal schön warm ist, wir aber drinnen bei steten 16 Grad frieren.

Work in progress

Work in progress

Es handelt sich um die legendären, raren Momente, in denen Outdoorhund Julchen sich lieber im Haus aufhält, während alle Anderen ihre Aktivitäten nach Möglichkeit ins Freie verlegen. Reetdächer mit ihrem Charme, ihrer Natürlichkeit und Gemütlichkeit sind seit ein paar Jahren wieder stark gefragt. Auch Neubauten in St. Peter-Ording oder auf Sylt werden gerne traditionell gedeckt.

Dabei ist das Ganze zunächst eine recht kostspielige Angelegenheit: Ein Hausbesitzer kann pro eingedecktem Quadratmeter mit zirka 100 Euro rechnen. Reet wird hierzulande rar, teilweise auch aus Gründen des Naturschutzes. Darüberhinaus steckt wie gesagt viel Handarbeit im Verarbeitungsprozess.

Schwindelfreier Reetdachdecker

Michalski demonstriert, wie sie das trockene Schilfrohr früher und heute befestigen: Während man die Drähte einst von innen um Latten und Reet wob, werden sie heute in die Latten geschraubt und dann von oben zugezogen. Die meisten Dachgeschosse sind ausgebaut, das heißt, von innen kann nicht am Reet gearbeitet werden.

Der Meister klopft.

Der Meister klopft.

In alten Zeiten nutzte man das Obergeschoss als Lager, der Wind konnte durchs Reet pusten, Moos setzte seltener an. Auch gab es selten Gauben und Fenster im Dach, nur einen Giebel mit einem Türchen, durch das der Bauer seine Vorräte eingebracht hat. Ich stehe auf dem Gerüst, balanciere über wackelige Bretter, um näher ran zu kommen.

Michalski grinst und lobt mich schwindelfrei, doch die Kate ist niedrig und so auch das Gerüst. Etwas anderes sind da schon die Arbeiten direkt auf dem steilen Dach. Und das bei nahezu jedem Wetter, egal ob Wind oder leichtem Regen. Unser Haus ist rundherum von Bäumen umgeben, was bedeutet, dass wir die Äste regelmäßig zurückschneiden lassen müssen.

Reet ergraut nach drei Jahren

Alles, damit das Dach nicht unter dem Laubwerk verschwindet und nach dem Regen möglichst flott wieder trocknen kann. Wir haben Glück mit dem Wetter, erst als die Dachdecker fast fertig sind, gibt der Winter eine kleine Zugabe in Form von Schnee, der in Regen übergeht. Noch während ich schreibe, kommt die Sonne wieder hervor.

Reet wächst rund um die Gräben.

Reet wächst rund um die Gräben.

Morgen werden die Reetdachdecker wieder kommen und die abschließenden Arbeiten verrichten. Blond und hübsch ist das Dach geworden, wird jedoch rasch wieder ergrauen. Spätestens nach drei Jahren hat es die typische Reetdachfarbe, so prophezeit Michalski.

Beispiele für frühe Vorgängerbauten sind übrigens in Haithabu zu bewundern, dem Wikinger-Museum bei Schleswig. Was uns nun noch fehlt, sind zottelige Hochlandrinder, die vor der Kate grasen. Oder ein paar Schafe, von denen es in Nordfriesland fast so viele wie Einwohner gibt.

Text und Fotos: Elke Weiler

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10 Kommentare

  1. Ein interessanter Artikel, Elke. Mir gefallen Reetdächer ja sehr gut, aber teuer ist es schon, wenn man ein solche Dach alle paar Jahrzehnte wieder erneuern muss. Andererseits hat es natürlich seine Vorteile, wenn nicht einmal Orkane einem solchen Dach etwas anhaben können. Und in die Landschaft Frieslands passen sie auf jeden Fall viel besser als moderne Ziegeldächer.

  2. Schön Elke! Ich beneide dich um das Dach (das Haus ist bestimmt auch total hübsch!). Wir wollten vor 17 Jahren ein altes Haus kaufen, aber das war unbezahlbar. Dann haben wir ein neues, auf alt gemachtes Häuschen gebaut. Angelehnt an die herkömmliche Architektur der Region: roter Backstein, einfach gewellte Dachziegeln, weiße Flügelfenster. Ich mag es, wenn Häuser in die Landschaft passen. Inklusive Garten. Ich bin da traditionell : ) Zeigst du uns irgendwann den Rest von Haus? NEUGIERDE! Liebe Grüße, Jutta

    • Danke, liebe Jutta!

      Das Haus ist eine Geschichte für sich, beziehungsweise wie wir ohne Not und reichlich blauäugig einfach Ja gesagt haben zu einer alten, schwer beheizbaren Landarbeiterkate. So etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Und dann kommen die ganzen Probleme. 😉

      Da ich zur typischen Architektur Nordfrieslands auch noch einen Artikel plane, zeige ich demnächst möglicherweise auch etwas mehr vom Häuschen. 🙂

      Euer Haus hört sich super schön an, ich liebe Backstein! Und es ist mit Sicherheit warm im Winter.

      Liebe Grüße!

  3. Gerti Miller

    Ich war im vergangenen Jahr zur Kur in St.Peter Ording. Die Fahrt mit dem Zug hat mich die Landschaft genießen lassen, und die Reetdächer sind so toll und sie sehen so beschützend aus. Ich habe mich in Nordfriesland sehr wohl gefühlt und ich möchte unbedingt wieder hin – Meerweh. Liebe Grüße und dankeschön für die schönen Bilder und den tollen Bericht!

    • Danke, das freut mich sehr! Beschützend, ja das ist ein toller Ausdruck für die Wirkung vom Reetdach! Und samtig. Gerade wenn ein Dach frisch gedeckt ist, wirkt es unglaublich samtig.

  4. Franz Stuber

    Ich liebe es im Ostseeurlaub durch die Gegend zu fahren und dabei die Häuser an zu schauen und diese schönen Dächer zu erblicken. Hatte mir auch neulich eine Reportage darüber an gesehen. Sehr interessant wie diese Dächer gemacht werden und wie robust diese doch eigentlich sind. Ich hoffe, dass viele Besitzer dieser Dächer, diese auch versuchen werden zu erhalten.

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