Oskari und die Rentier-Gang

Oscar, für seine Freunde Oskari, zupft entschieden an den Flechten, die ich in der Hand halte. Kommt eines der vier anderen Rentiere näher, wird es verdrängt. Kein Wunder, meint Oskari doch, er sei der Chef. Zumindest schmückt ihn das größte Geweih. Doch Taika gibt nicht auf. Nie.

Ich stehe vor den am südlichsten lebenden Rentieren von Finnland und könnte kaum breiter lächeln. Um nicht zu sagen: verliebter. Nicht gerade in den Macker Oskari, eher allgemein in diese zahnlos wirkenden Schnuten, denen ich in einem fort Flechten vor die Nase halte. Wie konnte es so weit kommen? Was ist mit mir passiert?

Zunächst fühlte sich alles nach Routine an. Das Flugzeug landete zum vorgesehenen Zeitpunkt in Helsinki-Vantaa. Ich stieg aus und fing meinen Koffer am vorgesehenen Band ab. Damit bewegte ich mich zielstrebig in Richtung Bahngleise, stieg in einen der Pendlerzüge Richtung Helsinki, wechselte zwischendurch kurz nach Espoo.

Kurz sind die Wege von der finnischen Hauptstadt ins Grüne.

Der Nuuksio National Park ist mein Ziel, und er liegt etwa eine halbe Stunde von Helsinki entfernt. Espoo gehört zur Hauptstadtregion, gilt aber selber als zweitgrößte Stadt Finnlands. Eine Stadt ohne Zentrum, mehr ein Zusammenschluss mehrerer Orte. Nett gelegen an der Küste des Finnischen Meerbusens, und genau dort werde ich die erste Nacht verbringen.

Am Finnischen Meerbusen

Das Meer zu meinen Füßen ist gefroren, wenigstens teilweise. Mein Hotel liegt an der Meeresbucht Laajajahti, und das Weiß der Straße, der Promenade, der Eisfläche, das alles beherrschende Weiß kennt keine Dreidimensionalität, keine Strukturen, Konturen, es schluckt und vereinnahmt alles. Und so hat das Eis auch die Ostsee verschwinden lassen.

Finnische Kochkunst

Wie dick ist die Eisdecke? Kann ich darauf laufen? Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass die Finnen die Dicke der Eisdecke durch Probebohrungen testen, wenn Zweifel an der Festigkeit bestehen. Das werde ich erst später und an einem anderen Ort, im finnischen Seengebiet nämlich, und im Zusammenhang mit dem Eisfischen erfahren.

Kein Iglu, nicht mein Bett, und doch eine Oase im Hotel.

Derweil teste ich die regionale Küche des Restaurants: Rentier mit Rotweinsoße und einem Hauch von Lakritz, der sich überraschend gut ins Geschmackserlebnis fügt. Dazu Preiselbeeren und Linsen, nicht zuviel und nicht zu wenig, so dass ein Dessert gerade noch passt: Pannacotta mit Beeren, ein Traum.

Leider bin ich zu müde für die Sauna, lieber will ich am nächsten Morgen zum Sonnenaufgang die Bucht entlang spazieren. Und ich bin nicht allein am frühen Morgen. Als ich fröhlich vor mich hin rutsche, falle ich geradewegs einem Schneemann vor den Bug. Einsam steht er dort, nackt, nur mit einer Möhre im Gesicht. Gemeinsam genießen wir den Sonnenaufgang über dem vereisten Meer. Später erzählt mir die Einheimische Terhi, die mich zum Nationalpark begleitet, dass sich die zahlreichen Kaninchen der Gegend über Schneemann-Nasen grundsätzlich sehr freuen.

Dann machen wir uns auf den Weg zum Haltia, dem finnischen Naturzentrum am Nuuksio Park. Es widmet seine permanente Ausstellung ebenso wie die Wechselausstellungen der Gesamtheit der finnischen Natur. Am schönsten ist es natürlich, diese einfach draußen zu genießen. Und so wird gerade eine Horde Kinder von einem weiblichen Troll abgeholt – sie wollen einen Spaziergang an der frischen Luft machen, vielleicht auch einen Abstecher in das vor dem Haltia-Gebäude aufgebaute Tipi.

Die Öko-Architektur des Haltia-Zentrums ist außergewöhnlich, man wollte auch hier Bezug zur Natur und gleichzeitig zur finnischen Mythologie nehmen. Mit einem Gebäude, das bis auf die Fundamente komplett aus Holz gebaut wurde. Die Außenhaut besteht aus Brettsperrholz, äußerst stabilen, verleimten Massivholzlagen aus Österreich. Damit haben die Bauherren auch eine neue Entwicklung des Holzbaus in Finnland angestoßen, das nun ebenfalls in die sogenannte CLT-Produktion einsteigt.

Der Architekt Rainer Mahlamäki schuf eine Architektur in der stilisierten Form eines Schwans, des finnischen Nationalvogels. Ein Schwan, der auf der natürlichen Anhöhe wie in einem Nest sitzt. Auch im Innern des Haltia bin ich Schwänen begegnet, die mit der DNA Schach spielen. Außerdem erfahre ich, dass der Nuuksio National Park eine große Kolonie von Flughörnchen beherbergt, die wie eine Kreuzung aus Eichhörnchen und Fledermaus aussehen – mit schwarzen Kulleraugen und grauem Fell.

Wo sind die Rentiere?

Allerdings bekommt man sie eher selten zu Gesicht, sie segeln meist im Dunkeln die Bäume hinab. Terhi und ich besuchen noch das Restaurant des Haltia, das ein Lunch-Buffet mit vegetarischen Optionen anbietet. Ich probiere unter anderem „Janssonin kiusaus“, das mir aus Schweden bekannt vorkommt. Es geht um „Janssons Versuchung“, ein Auflauf mit Kartoffeln, Anchovis, Zwiebeln und Sahne. Ich muss das unbedingt zu Hause ausprobieren.

Langsam werde ich nervös. Die Rentiere. Ihretwegen bin ich hier. Etwa einen Kilometer vom Haltia entfernt liegt der White Reindeer Park. Mika holt uns am Haltia ab, allerdings nicht Mika, der Rennfahrer, sondern Mika, der Rentierhüter. Er weiß alles über sie. Der White Reindeer Park ist ein Projekt von Susanna Almén und ihrem Mann Paul.

Mika, der Rentierflüsterer

Vor vier Jahren gründeten sie ihn innerhalb des Nuuksio Parks, um ihre Rentierliebe mit Gästen wie auch mit Einheimischen zu teilen, denn nicht jeder Südfinne war schon einmal in Lappland. Dort kommen die fünf Rentiere nämlich her, aus Karigasniemi oberhalb von Inari und direkt an der norwegischen Grenze.

Zwar bin ich im letzten September in Lappland gewesen, aber nicht so weit nördlich. Nun stehe ich vor diesen Nordlappländern, die sich so nach und nach zu den Menschen hintrauen. Das mag auch oder vor allem an den Flechten liegen, die wir ihnen anbieten.

Und die sie großzügig annehmen. Resolut aus unseren Händen zupfen. „Passt bitte auf, dass sie nicht alles auf einmal aus der Hand reißen! Mit großen, losen Stücken kommen sie schwerer klar“, erklärt uns Mika. Also halte ich dagegen. Sie zupfen in Windeseile, doch um meine Finger muss ich mir keine Sorgen machen: Rentiere leben vegan.

Haustiere im Park

Auf ihrem Speiseplan stehen neben den heißgeliebten Flechten auch Moose, Pilze und kleine Äste. Mika lacht. „Sie vertragen alle Arten von Pilzen! Auch die für uns giftigen.“ Terhi und ich stehen staunend vor Oscar, Niila, der schüchternen Lumi (Schnee), der mutigen Taika (Magie) und der neugierigen Nella – allesamt Einwanderer und nun die Hätschelkinder, die Haustiere des Parks.

Sie sind so unterschiedlich, in ihrer Art, wie sie schauen, wie sie zupfen, wie sie uns mit mehr oder weniger Scheu begegnen. Oskari hat das größte Geweih der Gang, daher spielt er den Boss. Im Frühjahr verlieren alle ihre nachwachsenden Hörner, zunächst die Mädels, dann die Jungs. Das kann zu Verschiebungen in der Rangordnung führen.

Das Geweih wächst rasend schnell nach – bis zu zweieinhalb Zentimeter am Tag. Wir sehen, wie zwei von ihnen sich mit ihren Geweihen ineinander verhaken. Was sie wohl tun würden, wenn ich die Plattform verließe und ihr ein Hektar großes Terrain betreten würde? Die Rentierhüter gehen schließlich auch ein und aus. Und jede Woche streift man gemeinsam durch die Wälder. Es ist sogar für Besucher möglich, an so einer Wanderung mit einem Mitglied aus der Gang teilzunehmen.

Die Flechten in meiner Hand kommen aus der alten Heimat, aus Lappland. Sie duften nach Waldboden, und mein Wunsch wächst, ins Land der Sámi zu reisen. Dort leben die Kollegen von Oskari im halbwilden Zustand, streifen von Frühjahr bis Herbst durch die Wälder, verbringen den Winter auf den Winterweiden.

Um die 200.000 Rener leben in Finnisch-Lappland, doch mehrere Tausend Tiere kommen pro Jahr bei Autounfällen ums Leben. Ein großer Verlust für die Rentierwirtschaft. Bei der Rentierscheide im Sommer werden alljährlich die Kälber markiert und im Herbst wird ein Teil der männlichen Tiere zum Schlachten aussortiert oder verkauft.

Das größte Geweih

Nicht so Oskari und Niila, sie bleiben hier, werden von Schockverliebten wie mir gefüttert und können niemals unters Auto kommen. Der Boss schiebt die Anderen ungeduldig beiseite, doch es betreten weitere Gäste die Futter-Bühne, so dass jeder etwas abbekommt. Neben den Fütterungen inklusive gemütlichen Kaffeeumtrunk in der Kota sowie den Wanderungen sollten im Winter auch Schlittentouren angeboten werden. Mit Oskari vorneweg.

„Doch der Junge hatte eine andere Meinung“, erzählt uns Mika lachend. Oskari, du cooles Ren. Mein Liebling ist ein anderer. Ich glaube, es ist Taika, die ihren Namen zu Recht trägt. Oder ist es Nella? Jedenfalls wüsste ich, wäre ich Rentierhüterin, welches Ren mein heiliges wäre. Beim Volk der Nenzen in Sibirien wird dieses besondere Tier weder eingespannt noch geschlachtet. Solange es laufen kann.

Lieblingsschnute

Text, Video und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Visit Finland und Visit Espoo für die Unterstützung dieser Reise.

Wer einen Hoteltipp für die Gegend braucht: Ich habe im Radisson Blu Espoo übernachtet und gut gespeist.

Mehr Rentier-Infos findet ihr auf der Seite des White Reindeer Park. Ihr erreicht den Nuuksio Nationalpark von Helsinki aus mit den Pendelzügen X, U, L, E bis Espoon keskus, dann weiter mit dem Bus 245.

Interessante bis verblüffende Infos in Sachen Rentier habe ich auf dem Greenpeace Blog entdeckt. Etwa, dass nur in Sibirien und auf Spitzbergen wilde Rentiere leben. Und dass die eh schon schönen Rentieraugen auch noch die Farbe wechseln können – je nach Jahreszeit.

Ich bin zwar keine Rentierhalterin, doch dieses Ren ist eindeutig heilig.
  1. Wie immer wunderbar geschrieben. Ich mag Rentiere und ihnen so nah zu kommen ist etwas ganz Besonderes, da hat du recht. Das wilde Spitzbergen-Ren ist übrigens ein gutes Stück kleiner, aber nicht weniger faszinierend und definitiv heilig

  2. Sehr cool. Schöner Bericht. Ich hatte letztes Jahr auch Vergnügen mit einem Rentier namens Yassu in finnisch Lappland. LG Marc

    • Danke, Marc! Yassu klingt cool, erinnert mich an das griechische „Hallo“. 🙂 Weißt du, ob der Name etwas bedeutet? LG, Elke

  3. Super Bericht, entzückende Fotos! Macht Lust auf ein Treffen mit den Samtnasen.
    Liebe Grüße 🙂 Maike

  4. Pingback: Helsinki – die Lieblingsecken der Experten | Finnland

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