Glaubst du an Užupis?

Gleich am ersten Tag gingen wir hin und tranken ein Bier. Lässig saßen wir an einem Fluss namens Vilnia, der das Viertel umrundete und vom Rest der Stadt trennte.

Holy shit, wir hatten kein Geld, jedenfalls keine Litas. Doch wen kümmerte es? Sie nahmen sogar Euros. Ich war in einem mir unbekannten Land, in der Stadt Vilnius, die nur 40 Kilometer von der weißrussischen Grenze entfernt war. Und doch rühmte sich Litauen, den geografischen Mittelpunkt Europas zu besitzen. Ganz in der Nähe, nördlich von hier.

Am Ufer des Flusses kriegten wir von all dem nichts mit. Der Fluss floss wie die Zeit dahin. Spontan kam mir good old Bob in den Sinn, wie immer, wenn es mir gut ging. Also sang ich ein bisschen vor mich hin: „Don‘t worry about a thing…“

Ein Song wie das Viertel. Everything cook and curry. Zog es deswegen so viele Künstler hierher? Sie liebten die Freiheit. Užupis – das klang wie eine Verheißung. Doch man erklärte uns, dass es auf Litauisch einfach nur „hinterm Fluss“ hieß.

Luis in Uzupis: das Glück ist eine Schaukel

War ich der Einzige, der spürte, dass mehr dahinter steckte? Wir erblickten die Kameras auf dem Platz. Wer wurde in Užupis überwacht und warum? Wir liefen umher, schauten in heruntergekommene Hinterhöfe, Kunstgalerien und kleine Läden.

Easy going, Nostalgie, Zerbrochenes, Blumen. Ein Oldtimer, ein Zelt im Garten. Jamaika ohne Karibik. Doch irgendetwas wartete nur darauf, enthüllt zu werden. Ein offenes Geheimnis? Schließlich fanden wir es.

Verspiegelte Tafeln schimmerten in der Sonne. Wir sahen uns darin, wir sahen die Worte. In zig Sprachen ist die Verfassung des Künstlerviertels übersetzt wurden. Hier, wo die anarchistisch Gesinnten Frank Zappa ein Denkmal gesetzt hatten, als das Land sich von der Sowjetunion löste.

Und der Clou: Užupis war eine unabhängige Republik! Und das Parlament just die Kneipe am Fluss, in der wir saßen und Bier tranken! Mir schwirrte der Kopf, als ich die Verfassung auf den Metalltafeln las.

„Jeder Mensch hat das Recht, zu faulenzen oder nichts zu tun.“ Aber… Wie war es mit Rastaschafen? Aufgeregt las ich weiter. „Ein Hund hat das Recht, ein Hund zu sein.“ Ok, das könnte meine Bloggerkollegin Julchen interessieren, gemeinhin auch als Anarchie auf vier Beinen bekannt.

Luis gefällt das Parlament von Uzupis

Weiterhin kein Wort über Schafe. „Eine Katze ist nicht verpflichtet, Ihren Hausherren zu lieben, aber in schweren Momenten muss sie ihm beistehen.“ Diese Leute hatten wirklich an fast alles gedacht. Auch dass jeder das Recht hat, nichts zu verstehen und hier am Fluss zu leben.

Langsam schwante mir etwas. Wir erfuhren nämlich, dass sie immer am 1. April ihre „Unabhängigkeit“ feierten. Das war es also: Sie hatten nie Ernst machen wollen. Užupis war eine Utopie.

Auf dem Platz sahen wir uns ihren Engel an, das Symbol ihrer sogenannten Engelsrepublik. Dieses ganze Unabhängigkeitsgedöns galt als Kunstaktion – vielleicht wollten sie ihre schöne Vorstellung nicht an der Realität scheitern sehen?

Natürlich, ich konnte mich niederlassen, einbürgern und daran mitwirken. Vom Recht Gebrauch machen, am Fluss zu leben. Ernst machen, Passagen für Schafe erarbeiten. Doch der Job rief, und ich folgte gerne. Es war einfacher so.

In der Altstadt lernte ich sehr angenehme Zeitgenossen aus Patchwork kennen, während die Chefin auf einem Segway die Straßen unsicher machte. Hinterher erfuhr man recht brisante Einzelheiten dieser Tour. Aber darüber wird sie euch selbst berichten.

Und dann schlug wieder mal die Kunst ein: Auch der Skulpturenpark mitten im Wald gefiel mir ziemlich gut. Ich entdeckte Ruinen, die nicht von den Mayas stammten, aber so taten als ob. Tricky!

Das Beste aber war die Fahrt mit einem Kanu. Zu dritt paddelten wir die Neris flussabwärts. Ok, ich begnügte mich damit, den Überblick zu behalten, so wie es auf den alten Schiffen der Ausguckposten im Krähennest getan hatte.

Frische Luft, saftgrüne Ufer, ein paar leere Schwimmstrände, Enten, Angler und an Bord eine bayerische Kollegin der Chefin. Die war wirklich nett.

Doch dann kam es beinah zu einer Katastrophe! Ich schlug Alarm: Ein Piraten-Kanu näherte sich in schneller Fahrt. Ging es um eine feindliche Übernahme? Glücklicherweise hatten die Mädels mich an Bord, was die Piraten irgendwie zu irritieren schien. „None but ourselves can free our minds!“ Nein, wir gaben nicht auf.

Jedenfalls nahmen die Piraten nach einer Weile Kurs Steuerbord. Uns störte nicht, dass sie so schnell waren – die Mädels vielleicht ein bisschen, denn auch andere Kanuten hatten uns überholt. Wir schlugen zurück. Trotzdem … Zeit für ein Shooting musste sein, auch wenn die Mission heikel war. Alles cool, solange mein Pelz nicht nass wurde!

Am Abend hauten sich alle die Bäuche voll bei einem original litauischen Dinner. Ganz schön heftig, was da alles auf den Tisch kam. Na ja, als Veganer hielt ich mich bei den meisten Dingen ziemlich zurück – vor allem bei Fleisch-Zeppelinen! Doch nach dem Dessert ging’s zur Sache: ein Holzbrettchen mit flotten Umdrehungen…

Kanu fahren? Super, so lange man nicht paddeln muss!

Fünf verschiedene Schnäpse. Klar, dass ich meine Recherchen in diesem Punkt intensivierte. Ein Stück einheimische Kultur. Der mit den 27 Kräutern – madre mía! Als ich in Singstimmung geriet, hörte ich, dass in den litauischen Familien traditionell viel geträllert wurde.

Ein schwindendes Phänomen, das sich zunehmend in Folkloregruppen und auf Festivals flüchtete. Schade eigentlich, konnte ich doch nie genug davon kriegen: „Won‘t you help to sing this song of freedom?“

Gib‘ nicht auf, hieß der letzte Satz der Verfassung. Das genau war die Message.

Wieder dachte ich an Užupis, und es fühlte sich an wie ein Teil von mir. Ja, ich war Užupiser. Fühlt ihr euch auch manchmal so?

Be happy, my friends!

Euer,

Luis Maria Fernando da Silva Santos

Fotos: Elke Weiler

Danke an DERTOUR, Air Baltic und Lithuania Tourism, die diese Reise ermöglicht haben.

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