Sommer auf Helgoland

Büsum ist immer noch am Horizont zu erkennen, immer kleiner seine Silhouette. Beim Frühstück zu Gast am Tisch einer sächsischen Reisegruppe schaue ich mich ein wenig um: an Bord ein emsiges Hin und Her. Jeder will sitzen, jeder will herumlaufen. Das Fahrgastschiff von Büsum nach Helgoland ist proppenvoll, es herrscht Hochsaison.

Kein Vergleich mit dem, was ich in meinem ungewöhnlichen Reiseführer gelesen habe: Da ist die Rede von einem hocheleganten Speisesalon und „vorzüglichster Hamburger Küche“. Kein Wunder, das Buch über „Die Nordseebäder Schleswig-Holsteins“ ist aus dem Jahre 1896. Heute gibt es Baguette und Fast Food. Der Duft von Pommes und Brühwürstchen zieht über die Außendecks.

Draußen tragen alle Sonnenbrillen, die vorherrschende Stilrichtung ist sportlich, die Farbe blau. Das mag an der allgegenwärtigen Jeans und dem Faible für Funktionsjacken liegen. Beige hingegen ist beliebt bei Senioren, Neonfarben bei Kindern. Vor mehr als hundert Jahren muss das Bild an Bord ein ganz anderes gewesen sein. Elegant wie der Speisesalon.

Kniefreie Bademode?

Um die Jahrhundertwende trugen die Damen noch lange Kleider mit Sanduhr-Silhouette, ließen sich den Bauch vom Korsett einquetschen und betonten das Hohlkreuz. Ungesund, ohne Zweifel. Das Reformkleid hingegen fiel lose herab und kam mit Jugendtstilmustern daher. Männer warfen sich meist einen schwarzen Frack zur schwarzen Hose über.

Vor allem würden sich die Gäste von damals fragen, was wir mit diesen ewigen Rucksäcken wohl machen. Und ich frag mich: Was trug man damals am Strand? Noch bis 1914 war es wohl stark umstritten, ob die Bademode kniefrei sein durfte oder nicht. Man stieg mit reichlich Klamotten ins Wasser. Vielleicht sind wir nicht die Elegantesten, aber schon im Vorteil.

Ich habe an Bord ein „Ticket ins Glück“ erstanden, für fünf Euro bringt mich ein Börteboot vom Schiff direkt zur Düne, wenn wir Helgoland erreichen. Wir werden nicht im Hafen anlegen, sondern ausbooten wie damals. Der Autor meines Reisebuches, Erwin Volckmann, spricht von „abbooten“. Die damaligen Börteboote wurden allerdings noch gerudert, heute sind sie natürlich motorbetrieben.

Typisches Börteboot
Typisches Börteboot
Ausbooten
Warten zum Ausbooten
Das Schiff leert sich.
Das Schiff leert sich.

„Eigenartig und schön“

Und das Rudern ließ die Fahrt „je nach See und Wetter 15 – 25 Minuten“ andauern. Das scheint nicht jedem bekommen zu sein, und so wurde die Landungsbrücke in Lästerallee umgetauft. Scheinbar gehörte es zur guten Sitte, sich über die Anderen lustig zu machen, sobald man wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Besonders schien es die Reisenden mit Alkoholkonsum zu erwischen.

Früher fuhr man zum Beispiel mit dem Salonschnelldampfer „Cobra“ von Hamburg nach Helgoland, und es dauerte allein drei Stunden bis zur Elbmündung. Der Schaufelraddampfer erreichte die Insel erst am Nachmittag. „Es hat den Anschein, als schwimme ein mächtiger rechteckiger Kasten auf der Fluth – das ist der Felsen von Helgoland“, schreibt der Autor, als die Insel in Sicht kommt. „Eigenartig und schön“ sei Helgoland.

Historische Postkarten
So sah das damals aus.

Ich überlege, ob damals mehr von der Insel in die Höhe ragte, ob die Insel kompakter wirkte. Der 2. Weltkrieg hat kräftige Spuren hinterlassen, eine große Sprengung das Mittelland geschaffen. Fast wäre Helgoland ganz zerstört worden. Aber nur fast. Der Brandungspfeiler auf der anderen Seite, heute „Lange Anna“ genannt, hieß zu Zeiten Volckmanns übrigens „Der Mönch“.

Der Golfstrom mag Helgoland

Ich werde das Wahrzeichen auch dieses Mal nicht zu Gesicht bekommen. Bei meinem Winterbesuch hatte sich die Lange Anna in Nebel gehüllt. Und nun möchte ich mich Helgoland als „Nordseebad“ widmen: Ich werde erstmalig die vorgelagerte Badeinsel „Düne“ besuchen.

Die Hochseeinsel
Die Hochseeinsel

Bei einer Sturmflut im 18. Jahrhundert wurde sie von der Hauptinsel getrennt und ist seither nur per Boot zu erreichen. Im historischen Reiseführer finde ich sogar den Nachdruck einer Karte aus dem Jahre 1649, als Helgoland noch am Stück war, und die Einwohner zu Fuß zur Düne gehen konnten. Schon für Volckmann tempi passati. Zu seiner Zeit konnte man die Badeinsel vor allem vormittags erreichen.

Heute geht nicht nur die Fähre den ganzen Tag hin und her, es gibt auch Übernachtungsmöglichkeiten: Zelte und bunte Holzhäuser hinterm Strand. Irgendwann werde ich hier mal bleiben, so nah am Meer. Helgoland profitiert vom Golfstrom, lobt seine zahlreichen Sonnenstunden, die milden Winter und nie zu heißen Sommer.

Schnarchen, grunzen, bellen

Aber heute? Karibik! Wären da nicht die Seehunde und Kegelrobben – Hauptbewohner der Düne. Der Besucher wird angehalten, mindestens dreißig Meter Abstand halten. Ich gehe rechts hinunter, biege um die Ecke, und da liegt auch schon eine ganze Mannschaft am Strand. So viele Seehunde und Robben habe ich noch nie aus der Nähe gesehen!

Bei meinem letzten Besuch hatten mich zwei ältere Helgoländerinnen im Café aufgeklärt, dass die Wildtiere hier an die Menschen gewöhnt wären. Doch oft passen noch Naturschützer auf, dass den Seehunden niemand zu sehr auf die silbrig glänzende Pelle rückt. Selbst aus der Entfernung – dreißig Meter sind nicht wirklich viel – könnte ich ihnen stundenlang zuschauen. Und zuhören, denn ihr Repertoire reicht von Schnarchen und Grunzen bis hin zum Bellen.

Manchmal sieht es so aus, als würden sie begeistert in die Flossen klatschen, manchmal klopfen sie sich selbstzufrieden auf den wohlgerundeten Bauch. Genüsslich strecken sie sich der Sonne entgegen und scheinen allein durch ihre Körperhaltung auszudrücken: Das Leben ist schön. Genau an diesem Punkt liegt die wohl größte Differenz zum Urlaub vor mehr als hundert Jahren: heute Naturschutz, damals Jagd.

Lektüre am Strand
Lektüre am Strand

Großereignis Lummensprung

Den Notizen von Volckmann nach zu urteilen, haben Feriengäste alles jagen können, was nicht bei drei hinter der Düne verschwand: „Das Schiessen von Enten und Möwen ist in den Nachmittagsstunden gestattet… Seehunde kommen nicht oft vor; ihre Erlegung hier gehört zu den Seltenheiten. Die Lummenjagd wird in der zweiten Hälfte des Monats Juli eröffnet…“

Wenn die kleinen, noch flugunfähigen Trottellummen im Juni die größte Mutprobe ihres Lebens begehen und vom Fels springen, ist das heutzutage ein gefeiertes Ereignis auf Helgoland! Jedenfalls zieht der Lummensprung viele Besucher an. Und irgendwann möchte ich es auch mal erleben.

Genauso unbelastet und paradiesisch nimmt sich auch die Situation für die Seehunde aus. Kein Wunder, dass es so viele sind! Nur ein Stückchen von ihnen entfernt finde ich den bewachten Badestrand. Bunte Strandkörbe vor flachen Dünen, Kinder tollen herum, junge Männer spielen Volleyball. Das Wasser kristallklar, ein Grünton, der mich keinen Augenblick zögern lässt: Ich muss schwimmen gehen.

Baden am Südstrand
Der Südstrand

Das Wasser wirkt kälter als die auf der Tafel angezeigten 19 Grad, doch wunderbar frisch bei der Hitze. Das Baden war gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu bestimmten Zeiten erlaubt: „Kalte Seebäder nur auf der Düne von halb 7 Uhr Morgens bis halb 2 Uhr Nachmittags; wenn beim Seepavillon die Flagge gehisst ist… [Man bringe Badewäsche mit.]“

Mit Rüschen ins Wasser

Ich sehe sie vor mir, die Badewilligen, in aufwendigen Badekleidern mit Rüschen, die Knie stets bedeckt. Und ich bin froh, dass ich mit weniger Stoff ins Wasser gehen und richtig schwimmen kann. Auch FKK ist heute möglich, aber am Nordstrand der Badeinsel. Ich genieße den Südstrand, der selbst an Tagen wie diesen nicht überlaufen wirkt.

Trotz der ganzen Tagesgäste. Insgesamt liegen drei Schiffe vor Helgoland. Als ich auf dem Weg zurück zum Anleger bin, sehe ich die im halbstündigen Rhythmus zwischen Haupt- und Badeinsel verkehrende Fähre „Witte Kliff“ um die Ecke biegen – benannt nach dem einstigen weißen Kliff auf der Landverbindung zwischen den Inseln.

Zwar verschwand es mit jenem Sturm im Jahre 1721, war jedoch schon zuvor durch Erosion beschädigt, begünstigt durch den Abbau von Kreide. Ich steige in die schon recht volle Fähre, um den Kilometer zur Hauptinsel in wenigen Minuten zu überbrücken. Volkmann schreibt: „Das Kaltbad auf der Düne, zu der die Ueberfahrt – besonders für Damen – doch öfters recht unangenehm wird…“ Kein Problem heute, auch nicht für Damen.

Brötchen mit Knieper

Während Volckmann von einem längeren Aufenthalt eher abrät, weil es ihm zu wenig Abwechslung auf der Insel gibt, beklage ich die Eile. Meine Zeit reicht gerade noch, um durch die Unterstadt zu schlendern. Mit zahlreichen Duty-Free-Geschäften und genügend Kunden unter den Tagesgästen versprüht diese Ecke den Charme eines Supermarkts. Die einstige Bebauung wurde in den Weltkriegen zerstört, vor allem im letzten.

Am Kai
Am Kai
Architektur der Unterstadt
In der Unterstadt

Im 19. Jahrhundert muss das Leben weniger hektisch gewesen sein, auch wenn Helgoland heute noch autofrei ist. An Bord der Schiffe nur die Gäste, die ein Weilchen bleiben und vom Klima des 1826 gegründeten Seebads profitieren wollten: „Bei jeder Windrichtung unverfälschte Seeluft.“ Ich spaziere zu den Hummerbuden, erstehe ein Brötchen mit Knieper, dem Fleisch aus den Kneifzangen des Helgoländer Hummers. Damit kann ich so gerade noch einen Platz am Kai ergattern.

Ein Gefühl von Freiheit

Ich liebe diese kleinen Pausen, das Entschleunigen, das Anhalten. Unsere Autos und Schiffe fahren schnell. Wir fliegen häufig. Wir bleiben kürzer vor Ort. Was bringen mir zwei Mal drei Stunden auf der Insel? Was weiß ich nun von Helgoland? Dass es im Winter bei Nebel klamm bis schaurig schön ist, und im Sommer klar, sonnig und voll.

Hummerbuden
Ehemalige Werkstätten und Lagerräume der Fischer

Dass im 19. Jahrhundert nur Sommergäste auf die Insel kamen. Dass Duty Free Shopping heute wichtig ist. Und Naturschutz. Dass die Seehunde, wieder in rauen Mengen vorhanden, eine echte Attraktion darstellen. Wir brauchen diese Naturerlebnisse mehr denn je. Das Gefühl von Freiheit und weitem Horizont. Auf dem Schiff oder auf Helgoland.

Kurz darauf trägt mich eines der Börteboote zurück zum Schiff. Alle wollen auf den Sonnendecks die letzten Strahlen ergattern, die Stimmung ist chillig. Ich sitze am Heck und starre auf das von den Turbinen aufgewühlte Wasser. Wie sämige Milch sieht es beim Aufspringen wider Willen aus.

Ich wechsele zur Seite und beobachte das Blau, die nie endende Bewegung des Meeres. Stundenlang kann ich das tun. Da! Schweinswale! Zwei, drei Stück kann ich identifizieren. Und ich bin überzeugt: In die Luft springende Schweinswale bringen mindestens so viel Glück wie ein kauendes Kamel.

Einen Augenblick. 100 Jahre.

Heckwasser
Eine Ewigkeit

Text und Fotos: Elke Weiler

Ich habe das Buch „Die Nordseebäder Schleswig-Holsteins“ sowie die historischen Postkarten von Helgoland beim Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher gefunden. Dieser Artikel entstand in Kooperation mit dem ZVAB.

Noch mehr lesen?

  1. Weißt Du, Elke, ich dachte immer man müsste unbedingt über Nacht auf Helgoland bleiben, um den Inselzauber zu erlesen. Aber wenn ich Deinen Beitrag lese, ist ein Tag auf der Düne auch wahnsinnig erstrebenswert!

  2. Helgoland! Da möchte ich auch hin

  3. Helgoland ist so wunderbar im Dezember fahre ich wieder zu den Robben! Freu mich schon sehr
    Ein wunderbarer Artikel von Dir mit herrlichen Bildern! Da bekomme ich Lust, sofort wieder hin zu fahren… ☀️⚓️

    • Ganz lieben Dank, das freut mich sehr! Im Dezember ist es bestimmt super dort. Dann kommen auch die Robbenbabys. Wer weiß, vielleicht laufen wir uns dann über den Weg!!

  4. Helgoland man muß es mögen ! Ich war beim ersten Besuch schon fasziniert. Das ist schon viele Jahre her.

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  7. Bei meinem ersten Besuch war ich leider gar kein Fan von Helgoland. Es ist so schade, dass die alte Bebauung zerstört ist und jetzt den Charme einer modernen Großstadt verströmt. Aber da kann die Insel ja nichts für. Nach deinem Artikel denke ich auf jeden Fall, dass ich ihr noch mal eine Chance geben sollte.

    LG aus Brixen Südtirol,
    Rita

  8. Mathias aus Speyer

    Da werden Kindheitserinnerungen wach. Habe Helgoland als 9-Jähriger erlebt. Bis auf die Überfahrt (sehr schlechtes Wetter) war es wunderschön!

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