Das Eichhörnchen will einkaufen

Im Fahrtwind. Ich stehe vorne auf dem Wasserbus zwischen Passagieren und Fahrrädern – auf dem Weg von meinem Hotel am Saltsjöqvarn Kaj zur gegenüberliegenden Insel. Djurgården, auf Deutsch „Tiergarten“, klingt nach plüschigem Gewimmel.

Es ist die Freizeitinsel der Stockholmer, und ich bin nicht zum ersten Mal dort. Von ihren Stränden und Waldflächen habe ich noch nichts gesehen, denn wer Djurgården über den Wasserweg erreicht, bleibt entweder im Vergnügungspark Gröna Lund oder in einem der zahlreichen Museen hängen.

Letztes Mal musste ich mir unbedingt ein Geisterschiff anschauen, und verbrachte meine Zeit im Vasa Museum. Dieses Mal strahlt die Sonne, es ist noch warm, und ich möchte draußen bleiben. Mein Ziel: Skansen. Ich lasse mich zurückbeamen in das Schweden vergangener Zeiten.

Menschen in historischen Gewändern, die zwischen Holzhäusern aus mehreren Jahrhunderten umherlaufen, als wäre das ganz alltäglich. Traut sich ein Gast aus dem Hier und Heute in ein Haus hinein, wird er zum Beispiel zur Brotverkostung animiert. Ganz frisch aus dem Ofen. Alternativ kann man auch gleich auf einer Farm aushelfen, statt einfach nur durch die Gegend zu laufen.

Das Gelände hat leichte Steigungen und ist mit 300.000 Quadratmetern so groß, dass man sich locker an einem ganzen Tag die Füße platt laufen kann. Für 160 Kronen Eintritt wäre das auch angemessen, also gut 17 Euro. Ab September wird’s allerdings günstiger, dann bezahlen Erwachsene nur noch 100 Kronen.

Es gibt Picknickplätze, Restaurants und Cafés auf dem Gelände verteilt. Quasi an jeder Ecke. Planlos ziehe ich durch den Park, ein Freilichtmuseum, das 1891 von Artur Hazelius gegründet wurde. Wer das war? Ein Lehrer natürlich. Doktor der Philologie. Ein Mann mit einem Faible für ältere Bauernhäuser, die er querlandein kaufte und auf Djurgården aufbauen ließ.

Öländische Mühle
Die Mühle, die nicht mehr mahlt.

Als erstes fallen mir die Mühlen auf, leider nicht zugänglich. Windmühlen der Insel Öland. Dort hatte noch im 19. Jahrhundert nämlich fast jeder seine eigene Mühle. Gemahlen wurde hauptsächlich im Winter, wenn es viel Wind gab.

In unmittelbarer Nähe ein Stilbruch: eine moderne Konzertbühne. Ausblick auf Stockholm inklusive. Ich laufe am Eichhörnchen-Park vorbei, der ein Kinderspielplatz ist. Doch weder echte Eichhörnchen noch Kinder sind dort aktiv. Dafür Nager-Art.

Die jungen Familien zieht es alle in den hinteren Teil der Anlage, zu den Elchen, Rentieren, Seehunden und Bären. Auch ich sage Herrn und Frau Elch, die getrennt voneinander leben, kurz „Guten Tag“, beziehungsweise „Hej hej“ – ohne groß beachtet zu werden. Man liegt relativ unbewegt im Schatten, halb aufgerichtet und gemächlich kauend.

Dahinter, knapp vor dem Abhang aufgebaut, eines der schönsten Häuser des ganzen Geländes: eine Holzhütte aus Norwegen – Vastveitloftet. Ein Lagerhaus, das edel wirkt mit den ganzen Holzschnitzereien der Fassade. Seine ältesten Teile datieren zurück ins 14. Jahrhundert.

Es stammt von einem Bauernhof aus der Telemark und ist das einzige nicht-schwedische Gebäude im Skansen. Doch zu der Zeit, als der Sammler seine Fühler danach ausstreckte und den Park gegründete, bildeten Norwegen und Schweden noch eine politische Einheit. Diese zerplatzte 1905, und man konzentrierte sich ganz auf Schweden.

Vorbei an den Rentieren lande ich vor einem Zelt und habe ein Déjà-Vu. Ich bin mitten in einem Sami-Camp. Noch vor ein paar Wochen habe ich in so einer Hütte aus Holzstämmen, Ästen und Erdsoden übernachtet, in Mittelnorwegen. Die Sami waren leider gerade ausgeflogen, um ihre Rentiere nach einem unerlaubten Grenzübertritt von der schwedischen Seite abzuholen.

Schwedische Sami-Hütte
Schwedische Sami-Hütte

Nun bin ich also bei den schwedischen Sami gelandet, und manchmal erzählt ein Angestellter des Parks in samischer Tracht in einer regelrechten Luxushütte mit Holzofen, Fenstern und Gardinchen aus dem Leben der Landsleute. Gerade wieder, aber die Hütte ist schon voll. Mit den Sami und mir, das will nicht so richtig klappen.

Ich tröste mich mit den Seehunden, die im Schwedischen einen Namen zum Verlieben haben: Knubbsälar. Ein knubbeliger Knubbsäl erfreut sich einer großen Anhängerschaft unter den Zuschauern, denn dieser Seehund kann laut gurgeln! Und die Flossen auf den glänzenden Bauch klatschen. Alle lachen, die Erwachsenen gleichermaßen begeistert wie die Kinder.

Doch dann wundere ich mich über die geringe Tiefe des Beckens. Wie wollen die Seehunde so tauchen? Wer lesen kann, ist klar im Vorteil: Auf dem Schild steht nämlich, dass das Becken jede Woche geleert und mit frischem Wasser aus dem Mälaren gefüllt wird, dem drittgrößten See Schwedens. In der Tat, der Pegel steigt.

Nach der zirkusreifen Nummer entdecke ich einen Schuppen mit Wolldecken und allerlei schwedischem Design auf dem Bollnäs-Platz. Und staune nicht schlecht. Denn ein echtes Eichhörnchen geht geradeweg darauf zu. Sehr zur Freude von zwei Besucherinnen, die kurz vom Nager begrüßt werden.

Noch ehe ich meine Kamera gezückt habe, verschwindet das geschäftige Tier im Innern des schicken Souvenirladens. Will es einkaufen? Ein Dala-Pferd aus Dalarna verschicken? Ich sehe den Nager nicht mehr.

Doch die roten Holzpferde gibt’s auch in Groß, und sie sind neben den echten Tieren eine Attraktion auf dem Gelände. Eines in für die Kleinen, eines für die Größeren – zum Aufsitzen und Posen. Wir stehen Schlange. Vor mir ein Trüppchen englischer Damen, das eine Kollegin größeren Umfangs mit vereinten Kräften hochstemmt. Überglücklich lächelt sie in die Kamera.

Aufsitzen, bitte!
Aufsitzen, bitte!

Obwohl ich noch Ewigkeiten planlos herzumlaufen könnte, entscheide ich mich für eine Pause in einem der zahlreichen Lokale des Skansen. Ich lande im so genannten Stadtviertel, eine Szenerie aus dem 18. bis Mitte 20. Jahrhunderts.

Mittendrin das Café Petissan – der wohl niedlichste Innenhof von ganz Stockholm.

Eine Oase in der Oase. Ein Café mit Geschichte. Denn das Holzhaus aus dem 17. Jahrhundert beherbergte im 19. Jahrhundert ein beliebtes Studentencafé in der Stockholmer Drottninggatan: Petissan nach „Petit Café“. Neben Kleinigkeiten wie belegten Brote gibt es Unmengen an Kuchen und natürlich Kanelbullar.

Zeit für die berühmte Fika. Ich kann mich nur schwer entscheiden, nehme dann kross gebackene Waffeln mit einem Berg aus Sahne und Himbeergrütze. Ende der Veranstaltung. Zwar könnte ich noch ewig durch die Kräutergärten und diese schwedische Idylle schlendern, doch meine Fähre ruft.

Helsinki wartet. Aber Stockholm und ich, wir sehen uns schon bald wieder.

Text und Fotos: Elke Weiler

Tschüss, Skansen!
Tschüss, Skansen!

  1. Pingback: Auf dem Schiff zwischen Stockholm und Helsinki

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