Der finnische Slow

Ein kleiner Junge steht allein mitten auf einem einsamen Hofgelände. Obwohl weit entfernt, scheint er mich anzuschauen. Vielleicht fasziniert von der Bewegung des Zugs. Der Nebel lichtet sich langsam über den Feldern. Hinter uns liegt der Nord-Ostsee-Kanal. Er durchschneidet die Jütische Halbinsel von Brunsbüttel bis Kiel und gibt mir das Gefühl, bei der Überquerung den Norden zu verlassen.

Ich muss mich zwingen nach draußen zu schauen. Das Smartphone unbeachtet in der Tasche zu lassen. Einfach mal nichts zu tun. Nur fünf Minuten. Und dann noch ein bisschen länger. Und noch länger. Kann ich das noch? Draußen bietet die halb verschleierte Landschaft das volle Programm: Haus- und Wildgänse, freie Kühe und Schafe. Nicht ganz so frei wie auf Island oder den Färöern im Sommer, wo es keine Zäune gibt. Aber draußen.

Herbststimmung

Ein Traktor verschwindet im Nebelschwaden am Horizont, überall liegt das Heu schon gewendet auf dem Boden. Bald muss es eingeholt werden, Regen ist angesagt. In Glückstadt ist die Sonne verschwunden, und es wirkt mit einem Mal kühler. Ein Mann geht mit einem Hund über einen Feldweg spazieren und telefoniert. Den Hund stört das nicht. Er freut sich, draußen zu sein, lebt im Jetzt.

Ich habe es geschafft, länger als fünf Minuten nichts zu tun. Ich habe die Zeit vergessen und bin doch mehr in der Zeit als zuvor. Der Herbst hat mich eingenommen, mit seinem Zwielicht, dem Nebel, der leichten Melancholie über dem Land. Allmählich bin ich eingestimmt auf das merklich frischere Lappland, seine Wälder, kühlen Seen. Auf die Natur, die Rentiere.

Das erste Rentier

Ein paar Stunden später. Als Kuusamo nur noch 100 Kilometer von uns entfernt ist, läuft ein erstes Rentier prominent den Mittelstreifen der Schnellstraße entlang. Nicht zu schnell. Etwa durchschnittliches Rentiertempo. Es trabt rhythmisch und grazil, den Kopf nach vorne gestreckt, leicht manieriert die Haltung. Ein finnischer Slow mitten in dieser Landschaft aus endlosen Wälder.

Wir haben dieselbe Richtung, doch vermutlich würde das Ren erst in ein paar Tagen in Kuusamo landen. Und auch nur, wenn es sich vorher durch nichts ablenken ließe. Dabei hat die Zeit der Pilze begonnen, weit wird es also nicht laufen, sondern suchen und futtern, was das Zeug hält. 70 Kilometer vor Kuusamo weitere Rentiere an der Straße, am Waldrand. Dieses Mal munter vor sich hin äsend. Wir erfahren, dass die Rentiere zwar wild, aber nicht frei sind.

Keine Scheu vor Autos, aber vor Kameras!
Keine Scheu vor Autos, aber vor Kameras

Dass jedes Tier zu jemandem gehört. Dass sie im Sommer umher laufen, für sich selbst sorgen und im Winter im Gehege gefüttert werden. Dass jeder Finne sein Ren, beziehungsweise Poro, an der Ohrmarke erkennt. Die Landschaft, die an uns vorüberzieht, ändert sich nie: Wälder und Wasser, Wasser und Wälder. Dann wieder Rentiere, fünf oder sechs, 50 Kilometer vor Kuusamo. Der Sonnenuntergang, grandios. Wir sind fast am Ziel.

Finnische Spezialitäten

Ich bin jetzt ganz gut im Nichtstun, aber hungrig. Zum späten Abendessen in den Rukan Salonki Chalets, Holzhäusern im Wald, kommt ein klassisches finnisches Gericht auf den Tisch: Poronkäristys. Ein Art Rentiergulasch mit Kartoffelpüree und frischen, gezuckerten Preiselbeeren. Als Vorspeise wird selbst gebackenes, noch warmes Kartoffelfladenbrot zum Salat gereicht: Rieska. Mindestens so gut wie die Schoko-Bombe mit Himbeeren zum Abschluss.

Am frühen Morgen, irgendwann zwischen vier und fünf Uhr, werde ich kurz wach und höre ein Schnauben. Kommt es von draußen? Sind es Rentiere? Oder schnarcht jemand in einem der anderen Zimmer?

Mehr Entschleunigung demnächst im Blog: Sauna in allen Varianten, Beerenpflücken, Pilze sammeln und ein finnischer Kochkurs.

Mitten in der Natur
Rukan Salonki
Außen Holz, innen Holz
Außen Holz, innen Holz
Vor lauter Bäumen
Vor lauter Bäumen
See you!?
See you!?

Text und Fotos: Elke Weiler

Noch zwei Tipps:

Ein Rezept für Rieska findet ihr auf Michaelas Finnland-Blog Mahtava.

Und noch mehr Herbst in Lappland auf Annas Reiseblog Anemina Travels.

Mit Dank an Ruka-Kuusamo & Saunatour, die meine entschleunigende Reise nach Lappland unterstützt haben.

Noch mehr lesen?

Kategorien Finnland Slow Travel

über

Kunsthistorikerin, Reisejournalistin, Redakteurin, Buchautorin (u.a. Eco Architecture: Natural Flair, Evergreen/Taschen Verlag). Hauptberufliche Meerbloggerin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern. Über das Meer und so.

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  4. Schöner Bericht. Danke für die Impressionen. Auch das Essen sieht lecker aus.

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