Beaching in Böhl

Einen ganzen Tag lang von Eis leben? Heute ist so ein Tag. Im Radio sagen sie, es wird 28 Grad in Schleswig-Holstein. Außer an den Küsten. „Und 40 im Auto“, ergänze ich. Wir schauen uns an. „Eis!“

Doch zwischen Tating und Ording geht plötzlich nichts mehr. Stau vor’m Strand? Alle wollen zum Kitesurf World Cup in Sankt Peter-Ording oder einfach nur baden wie wir.

Bei einem Bauernhof drehen wir um und fahren nach Böhl. Was für ein Segen, dass sich der zwölf Kilometer lange Strand von St. Peter über vier Ortsteile verteilt. Und es die meisten ins Bad oder nach Ording zieht.

Wir latzen 12 Euro am Kassenhäuschen vor dem Böhler Deich, zwei Erwachsene, ein Auto. „Kinder bis 18 in Begleitung ihrer Eltern sind kurabgabefrei.“ Ich frage mich, ob die kurabgabefreien Kids den Grad ihrer verwandschaftlichen Beziehung zum begleitenden Erwachsenen beim Einchecken nachweisen müssen.

Im Watt? Nur barfuß.

Momente der Spannung beim Cruisen über den Sand. Der Hybrid ist ja in etwa das Gegenteil von einem Geländewagen. Wir sind unterschiedlicher Meinung über diese Art von Nervenkitzel.

Doch der Sand ist fest, es hat lange nicht geregnet. Ich ziehe den Strandparkplatz von Ording auch deshalb vor, weil man hier sein Gespür für den Sand unter Beweis stellen kann.

Kaum am Beach, setzt sich der Eiswagen in Bewegung – direkt vor unserer Nase! Neben uns eine Familie, die wild gestikulierend „Stopp!“ ruft. „Hilfe!“ Wir soledarisieren uns spontan mit ihnen, doch die jugendlichen Eisverkäufer sind taub. Oder der Wind steht ungünstig.

Steht der Wind am Strand ungünstig?

Endlich drehen die Teens sich um. Lächeln. Ja, sie bleiben sogar stehen. Eigentlich wollen sie gerade runter zur Wasserkante. Mit ihrem Ketten bestückten Karren. Wir kriegen trotzdem unser Eis.

Wir lassen das Strandkorbgebiet von Böhl zugunsten der Strandmuschelzone zurück. Auf adriatisches Ölsardinen-Feeling müssen wir zwar völlig verzichten, doch zumindest können wir uns halbzivilisiert platzieren: irgendwo zwischen Meer und Pfahlbauten.

Wo sind die Pferde? Böhl gilt ja als Hotspot unter den Reitern Nordfrieslands, doch heute ist alles anders. Heute ist höchstens mal ein Orca auf zwei Beinen unterwegs. Und angeleinte Hunde.

In Böhl sind Orcas auf zwei Beinen unterwegs...

Ein paar Meter neben uns kräht ein kleiner Junge: „Ich geh‘ nicht ins Wasser. Das ist mir zu weit.“ Sein Knie wäre kaputt, und er kurz vor dem Nervenzusammenburch. Zu sehen ist nichts, der Vater wirkt skeptisch. Kinder sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Zu diesem Zeitpunkt haben wir gefühlte drei Kilometer des Weges zurückgelegt. Ebbe oder Flut? Egal, wir sehen Wasser und laufen unermüdlich weiter. Nur noch zwei Kilometer bis zum Erstkontakt. Genug Zeit zum Aufspüren neuer Trends.

Unzählige Priele säumen meinen Weg. Wasserläufe im Watt, die bei Flut zuerst voll laufen und sich manchmal gar zu reißenden Flüssen entwickeln. Im Böhl von heute wirken sie eher wie natürliche Planschbecken, von der Sonne gewärmt.

Natürliche Planschbecken, von der Sonne gewärmt.

Was ist angesagt am Strand von SPO? Ich meine, außer bunten Kitesurfer-Mützen, die nach hinten runterhängen? 1. Priel-Chilling: Aal‘ dich wie eine Meerjungfer! Ich probiere es sofort aus. Das Wasser des Priels ist zirka zehn Zentimeter hoch, die Strömung sanft. Ich checke sämtliche Richtungen und Positionen.

Das ist… Wellness! Arme und Beine ausbreiten, einfach in den Himmel gucken. Blau, blau, blau. Der Effekt: Die rückseitige Körperhälfte ist nass, der Rest trocken.

Nur Schwimmen ist schöner. Und so versuche ich weiterhin, das Meer zu erreichen. Mir bleibt nur eins: Ich muss die Geschwindigkeit erhöhen, laufen, durchs Wasser platschen. Baywatch eine müde Veranstaltung dagegen!

Kiometerweit durchs Wasser latschen: nur in Böhl!

Doch das Wasser wird und wird nicht tiefer. Trend Nr. 2: Water-Spritzing. Verbessere deine Technik beim eleganten Joggen durchs Meer, einfach Schaufeln, was das Zeug hält!

Ich will jetzt wirklich schwimmen. Endlich finde ich eine halbwegs geeignete Stelle, wenigstens hüfthoch kommt die Nordsee hier. Brust-, Rückenkraulen, alles ist möglich. Was? Schon wieder eine Sandbank? Tiefliegende Körperteile jetzt bitte einziehen…

Trend Nr. 3: Flundering. Du krabbelst mit den Händen über den Sand und bewegst dich gleich einem Plattfisch über den Meeresboden. Zur Unterstützung ist das Paddeln mit den hinteren Gliedmaßen möglich. Optimal in kniehohen Gewässern, also in Böhl. Die Wasserschluckgefahr minimiert sich bei ruhiger See. Beste Bedingungen.

Muscheln sammeln? Mega out in Böhl.

Beliebt sind wilde Kombinationen aus den Trends 2 und 3. Die Ruhephase kann dann erneut mit Trend 1 eingeleitet werden. Ich bin erschöpft, dabei muss ich noch diverse Kilometer bis zum rettenden Handtuch zurücklegen.

Suchend gleitet mein Blick über Muscheln und Menschen. Da! Bald bin ich wieder zu Hause. Werde winkend erwartet. Lasse mich auf’s Handtuch fallen, fast trocken. Diese leichte Brise während der Wanderzeiten…

Wo ist der Eiswagen? Beach-Trends gehen eben nur an heißen Tagen. Nur mit dem Eis danach.

Text und Fotos: Elke Weiler

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  1. Haha, wunderbar und amüsant 🙂
    Ich bin ein schwerer Verfechter von Trend 3, schon seit Jahren, ist einfach am entspanntesten.

    Morgen fahre ich an die Nordsee. Ich winke dann, wenn ich an Böhl vorbeifahre.

    Schöne Grüße,
    Conny Flunder

    • O, wie schön, liebe Conny! Leider ist das Wetter gerade umgeschlagen, ich hoffe, du kannst noch Flundering betreiben. 😉

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  3. Bin ich froh, dass unsere Jungs nicht wegzukriegen sind vom Wasser. Egal, welche Temperatur herrscht. Hauptsache Wasser. Man kann so viel machen. Neben dem Flundering!!

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