Ballade in Grau

Der Fahrtwind verstreicht die Tropfen auf der Fensterscheibe, so dass sie zu Schrägstrichen wachsen. Ich blicke auf Schafe, die unter Solaranlagen liegen, Schutz vor dem Regen suchend. Kühe, an Stallwände geschmiegt, die sie ausnahmsweise lieber von innen sehen würden.

Wir sind kurz vor Klanxbüll, der letzte Bahnhof, bevor der Zug übers Watt rollt. Ein paar Deiche, Rapsfelder, Schafe und Windräder weiter verjüngt sich der Landzipfel und mündet spitz im Damm.

Aus Sand, Klei, Kies und Steinen haben sie ihn im letzten Jahrhundert zehn Meter hoch gebaut, doch rundherum hat sich das Watt gesetzt, der Gezeitenstrom ist unterbrochen, die Gegend verschlickt und verlandet.

Heute würde man vermutlich eine Brücke auf Stelzen bauen, um weniger in die Natur einzugreifen. Der Weg auf die Insel wäre leichter und günstiger, die Überfahrt gliche der zur dänischen Nachbarinsel Rømø.

Not singin' in the rain.
Not singin‘ in the rain.

Auf den ersten Metern haben sich Schlieren und Kreise wie psychedelische Muster im Boden gebildet. Eine bizarre Landschaft zwischen den Lahnungen, die der Landgewinnung dienen. Doch mit einem Mal tritt das Wasser bis an die Steinböschung heran.

Ich liebe diesen Moment: rechts und links nur Wasser und Watt. Selbst heute, wo Himmel und Erde zu einem schmutzigen Beigegrau verschwimmen, ist es schön, von der Nordsee umzingelt zu werden. Acht Kilometer durchs Wattenmeer.

Im 19. Jahrhundert fuhren die Menschen mit einem Raddampfer auf die Insel, je nach Witterung konnte das sogar Stunden dauern. Mit dem Zug sind es ein paar Minuten, ein Fingerschnipp, dann erreichen wir auch schon Morsum.

Margeriten und Giersch strecken sich trotzig dem Wetter entgegen. Ein bisschen Farbe, grüne Flecken zwischen den Gleisen. Vor Nässe glänzende Pferde grasen vor Keitum, mich fröstelt ein wenig. Dann hat der Zug sein Ziel erreicht.

Zeit für Kuchen
Zeit für Kuchen

Sonntägliches Gewimmel am Bahnhof Westerland. Schnell finde ich den Weg zum Hotel, verstaue meine Dinge und ziehe wieder los. Mir ist nach etwas Warmem und Süßem. Also schnurstracks zur Strandstraße, zum Café Wien.

Doch sie wollen mich fertigmachen. Selbst um 17 Uhr ein Meer von Kuchen und Torten in der Auslage. Und dann schwebt auf Kellnerinnenhand auch noch ein dampfender Flammkuchen an mir vorüber.

Kaffee, Tee oder heiße Schokolade? Im Café sitzt man quasi an der Quelle der Sylter Schokoladenmanufaktur. Im angeschlossenen Shop jagen die Gäste nach sweets Souvenirs. Der eine oder andere Schokoholic wird inkognito darunter sein.

In meiner Verwirrung nehme ich ein Kuchenstück mit exotischen Früchten, Zitronencreme und Sahne. Fauxpas! Was mache ich mit dem Berg? Einfach in den Kaffee, so wird ein Einspänner draus – eine selbsterfüllende Prophezeiung, dieses Café Wien.

Die Klamotten sind getrocknet, also auf zum Meer. Draußen keine Veränderung, es gießt immer noch aus vollen Kübeln. Westerland, glorifiziert im Song-Klassiker der Ärzte, wirkt wie eine stinknormale Kleinstadt mit überproportional vielen Boutiquen und Restaurants.

Wäre da nicht die brausende Nordsee.

Schmal ist der Strand, die Wasserkante zum Greifen nah. Doch wegen akuter Auflösungsgefahr treiben sich nur wenige Menschen in bunten Anoraks am Strand herum, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen.

Den Schirm kann ich getrost zuklappen, wenn er sich denn falten ließe, verformt vom Wind. Eine Frau sagt: „Ich könnte schreien vor Glück!“ Und sie zeigt ihrem Freund, wie wo was ist, hier am Beach. Insofern es im Trübem erkennbar ist.

Strandweg
Strandweg

Halb aufgelöst und mit triefendem Haar erreiche ich das Beach House. Rien ne va plus, ich muss ins Trockene. Auch wenn es hier keine Austern gibt. Keine Sylter Royal? Mon dieu! Ich nehme Pannfisch zum Bio-Rosé.

Dinner mit Blick aufs Meer. Ja, wo isses denn? Irgendwo hinter den Schlieren, irgendwo in dieser minimalistischen Komposition, dieser Ballade in Grau.

Ich bin ganz locker, das mag auch am Bio-Rosé liegen, als ich wieder hinausgehe. Genieße den Wind im Gesicht, der Regen ist mir jetzt fast egal. Ein eingemummtes Paar versucht den Nachwuchs in praktischen Taschen ins Beach House zu bugsieren. Wir lächeln uns an, Nässe verbindet.

Morgen früh gehe ich zum Tai Chi zurück an den Strand. Weit ist es ja nicht.

Text und Fotos: Elke Weiler

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