Frösche, die Vögel sein wollen

Pitons, Saint LuciaAnse Chastanet

Für mich ist es der schönste Moment am Tag. Sieben Uhr morgens, ich versinke in den Kissen meiner Couch auf der Terrasse, vor mir der Regenwald, nichts als Regenwald. Stundenlang könnte ich so verharren. In der Hand eine Tasse Inselkaffee, frisch aufgebrüht. Im Hintergrund die Pitons, zwei kegelförmige Berge vulkanischen Ursprungs.

Beide keine 800 Meter hoch, grün wie der Rest des Eilands. Beinah senkrecht geht es auf den Petit Piton, etwas für geübte Kletterer. Während der bauchigere Gros Piton in einer anspruchsvollen, vierstündigen Wanderung zu erklimmen ist. Fragst du einen Einheimischen, sagen dir alle dasselbe: Noch nie gemacht, aber bestimmt klasse.

Wir sind mit dem Boot im Süden der Insel gelandet, so wie beim letzten Mal, als ich von der Nachbarinsel Barbados nach Soufrière kam. Dieses Mal war der Weg etwas kürzer. Im Norden von Saint Lucia, rund um die Inselhauptstadt Castries, konnte ich einen flüchtigen Einblick in das Leben der Rastafari gewinnen. Dann sind wir ins Boot gestiegen, ab in den Süden.

Regen prasselt auf das dichte Grün, mit geradezu meditativer Wirkung. Die Frösche sind längst verstummt. Sobald die Sonne aufgeht, kein Piep mehr von ihnen. In den ersten Nächten haben sie mich terrorisiert, diese Frösche, die ich für Psycho-Vögel hielt. Kaum zu glauben, dass ein winziges Tierchen wie der Antillen-Pfeiffrosch so einen Höllenlärm machen kann.

Gerade mal so groß wie ein Fingernagel! Es müssen Myriaden von Pfeiffröschen dort draußen sein, die dich überall hin verfolgen, sobald die Dunkelheit einbricht. Doch schon in der dritten Nacht war ich quasi taub dafür. Frösche, die Vögel sein wollen, und ihr nächtlicher Megasound gehören zu Saint Lucia wie die verschwenderische Schönheit der Natur.

Beach des Anse Chastanet

Morgens zum Schwimmen

Die Suiten des Anse Chastanet in einer Bucht unweit von Soufrière öffnen sich diesem Reichtum. Die Bebauung kriecht sachte den Hang hinauf, ordnet sich der Natur unter, dem Protagonisten der Insel. Auch wenn sich die große Hotelschwester namens Jade Mountain, ganz oben thronend und wesentlicher divenhafter als das Anse Chastanet, architektonische Finessen leistet: Auch hier spielt das immense Grün die Hauptrolle, weiten sich die Suiten noch großzügiger vor dem Piton-Panorama, besuchen dich schon früh morgens die Gimpelfinken.

Auch auf meiner Terrasse dauert es nicht lange, bis sie sich aus diesem Meer von Blättern herauslösen und mir quasi aufdrängen. Gimpelfinken, die sich um Kekskrümel streiten. Dann sehe ich ihn, etwas weiter entfernt. Mit triebwerkartig rasantem Flügelschlag steht der Kolibri in der Luft, den Schnabel in einen Blütenkelch tauchend.

Regenbogen, Saint Lucia

I-Tüpfelchen

Die Wolken wechseln sich ab, ziehen mit Schwung über die Pitons, der Regen lässt nach. Als die Sonne über dem Meer blinzelt, spannt sich als I-Tüpfelchen ein Regenbogen über die Bühne. Ich weiß, es wird Zeit. Ich muss mich von diesem Bild lösen, auch wenn ich noch Stunden so dasitzen könnte. Die Natur ist ein Krimi, besser noch. Ich muss mich anziehen, hinuntergehen, frühstücken und den Süden der Insel erkunden. Einen Kurs machen in Sachen Schokolade.

Und zwar im Hotel Chocolat, wo Merle schon wartet, die Spezialistin. Während wir die Kerne der Kakaobohnen in einem heißen Steintopf mit dem Mörser zermalmen und rühren, bis uns die Arme abfallen, gibt Miss Merle einen Überblick über Geschichte, Nutzung und medizinische Wirkung von Kakao. Normalerweise übernimmt eine Conchiermaschine unseren Job, und das über 72 Stunden.

Zeigt die braune Masse erste Anzeichen von Sämigkeit, fügen wir die Kakaobutter hinzu und je nach Gusto den Zucker. In Schwaden von Schokoduft gehüllt, steigt unser Glücksgefühl stetig. Bis zur Albernheit. Wir stehen unter Drogen, ganz klar. Nehmen aber trotzdem wahr, was Merle sagt: Die Kakaobohnen stammen aus dem biologischen Anbau der hoteleigenen Plantage. Und die maschinenconchierte dunkle Schokolade des Hauses besteht zu 72 Prozent aus Kakao, der Rest ist Zucker.

Mein eigenes Stück Schokolade, mühsam unter karibischer Sonne produziert, wird mir entrissen: Es muss zum Erkalten in den Kühlschrank. Da ich nicht den ganzen Zucker benutzt habe, schätze ich den Kakaogehalt auf runde 80 Prozent! Wir probieren uns im Anschluss durch das schokoladige Lunch im Restaurant Boucan, verwundert über die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten in harmonisch abgeschmeckten Dressings, Dips und Desserts.

Wir haben keine Zeit für eine Schokoladen-Massage, und mir reicht es jetzt auch mit dem Gold der Azteken. Stattdessen lassen wir uns durch Soufrière treiben, ehemalige Hauptstadt, heute Zentrum des Südens. Für viele Einheimische die schönste Stadt des Inseluniversums. Die schmalen Straßen, flankiert von knallbunten Häusern, wirken tagsüber wie leergefegt, der Ort verschlafen.

Die Touristen sind wie wir bei der rauchenden Erde zu finden: Sie treiben sich bei den Schwefelquellen des Walk-In Vulkans herum und nehmen ein Bad, dekoriert mit aschgrauem Schlamm. Während die Einwohner arbeiten, meist im Tourismus, verteilt auf die Hotels der Gegend. Die Übrigen sind Farmer oder Fischer. So füllt sich der Ort erst gegen Abend, und Leben kommt in die Lokale. Doch dann sind wir längst unterwegs zur Sunset Cruise mit Kerwin.

Soufrière ist die Heimatstadt des Skippers der „Searenity“, die sonst eher von den Flitterwöchnern des Anse Chastanet genutzt wird. Kerwin klärt uns auf, wir sollen uns immer gut festhalten und vor allem nicht erschrecken, wenn die Yacht mal in Schräglage gerät: „Dann geht der Spaß los!“ Kerwin hat ein charmantes Lächeln und wirkt ganz so, als hätte er die Sache im Griff.

Segelausflug, Saint Lucia

Kerwin und die „Searenity“

Wir nehmen Fahrt auf, verfolgt vom Meer, doch immer wieder verlassen von den Winden. Es fehle der Passat, der von Ende November bis März über die Kleinen Antillen fegt, konstatiert unser Kapitän. Wir segeln um die Pitons, was zu Windwechsel und Unterbrechungen führt. Verlässt der Wind uns ganz, gleiten wir seelenruhig über das Wasser. Der schönste Moment.

„Wir müssen hier übernachten“, scherzt Kerwin. Doch dann wirft er den Motor an. Wir sind uns einig: eine Mondschein-Cruise wäre fantastisch. Über uns die Sterne, und die Mondsichel wirft einen schwachen Schein aufs Wasser, das sich in der Nacht verändert. Als würde das Meer alles verschlucken, als würde alles enden unter seiner Oberfläche und alles neu beginnen.

Wenn wir den Motor abschalten, ist nur das Klatschen und Schmatzen der Wellen zu hören. Wie die Dunkelheit die Geräusche, ja das Leben intensiviert! Kerwin sagt: „Es gibt eine App, um die Sternenbilder zu identifizieren.“ Interessant wäre natürlich, was in Mitteleuropa nicht zu sehen ist, das Kreuz des Südens.

Schweigend starren wir in den Himmel, aufs Meer, auf die fernen Lichter von Soufrière. Und so endet der Tag, wie er angefangen hat, vor der Bühne der grandiosen Natur Saint Lucias. Das nächtliche Konzert der Frösche klingt nicht bis zu uns, aufs Wasser. Doch vielleicht verstehe ich langsam, warum diese Winzlinge wie Vögel sein wollen. Wer will hier vor lauter Schönheit nicht singen! Und zwar möglichst laut.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an das Saint Lucia Tourist Board, das zu dieser Reise eingeladen hat.

Bucht, Saint Lucia

Gute Nacht!

13 Kommentare

  1. Wunder schön Elke! Allein der Blick von der Terrasse lohnt, um eine Reise auf die Insel zu unternehmen. Hast du ein Glück! Ich mag übrigens die bonbonfarbenen Häuser sehr. Selbst die kleinste, schiefste Hütte sieht in Bonbonfarben hübsch aus! Herzliche Grüße, Jutta

    • Danke, liebe Jutta! Ich muss dir in allen Punkten beipflichten. 🙂 Und dann mag ich die Leute dort sehr. Und die Musik der Karibik. Und die Früchte. Und das Meer… Liebe Grüße!

  2. Wow! Ganz wundervolle Eindrücke und wunderschöne Fotos! Das letzte sieht ja fast schon aus wie ein Gemälde. Traumhaft schön!

    Liebe Grüße,
    Sonja von Join The Sunny Side ☼

  3. Ohh wow! Was für ein schönes Fleckchen Erde! Dieser markante Berg habe ich bereits auf vielen Reisefotos gesehen. Und jedes mal wenn ich ihn sehe, erweckt er die Lust in mir, da hoch zu steigen! 🙂 Weisst ob man das kann? So ganz ohne Kletterzeugs? Schöne und inspirierende Fotos hast du übrigens geschossen! 🙂 Herzliche Grüsse

    • Hi Ueli, danke dir! Ja, du kannst auf den Gros Piton wandern, das steht auch weiter oben, vielleicht hast du es überlesen. Auf den Petit Piton kannst du nur klettern. LG, Elke

  4. Das ist ja ein wirklich traumhaftes Karibik-Paradies, dein Bericht und deine Bilder machen wirklich Lust sich dieses Kleinod einmal anzusehen! Vielen Dank für deine Eindrücke.
    Ronny

  5. Pingback: Das Rainbow Bridge Project in Saint Lucia

  6. Das ist ja wie im Paradies. Traumhaft schön! Das wäre auch auch was für uns! Außer auf das Segeln müsste ich verzichten. Wundervolle Fotos übrigens, Danke! 😉

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