Das einfache Leben

Ich möchte dort sitzen, die ganze Zeit. Auf den Stufen dieser schlichten Holzkonstruktion, vor dem Strandhaus. Einfach aufs Meer schauen, die ganze Zeit. Einen Kaffee trinken, Apfelkuchen zum Frühstück essen. Vor dem Frühstück schwimmen gehen. Die Erste und die Letzte an der Wasserkante sein.

Abends mit der Frau von nebenan darüber fachsimpeln, warum die Sonne auf den Fotos nicht so rot ist wie in der Realität. Mich danach fragen, was die Realität ist. Das was ich sehe, oder was die Kamera sehen kann? Und: Ist das nicht egal? Einfach aufhören zu fotografieren.

In meiner Wirklichkeit ankommen. Das Bild in mir abspeichern. Auf der Festplatte des Oberstübchens Platz dafür freiräumen, viel Platz. Einfach losrennen. Stehenbleiben. Die Arme ausbreiten, die Nase in die Luft halten. Spüren, wie der Wind auffrischt. Jeroen hatte gestern Abend schon davon gesprochen. Surfer wie er wissen so etwas im voraus.

Im Strandhaus, Kijkduin
Mal schauen.
Muscheln sammeln.
Muscheln sammeln.

Jeroen gehört dazu, wenn sie den südlichen Abschnitt von Kijkduin bevölkern, hin und her auf den Wellen düsen und mit dem Wind abheben. Zwar hat Jeroen bereits einen Job, doch am Abend schaut er immer bei den Strandhäusern vorbei und sieht nach dem Rechten. Erst im April haben sie die Holzhütten hier aufgebaut.

Im Winter verschwinden die Häuschen

„Mit genug Platz dazwischen – wegen der Dünen. Wir wollten keinen Block errichten“, erklärt er mir in der Dunkelheit am Strand. Es ist Nachsaison, und die Beachclubs schließen schon gegen Abend. Wer jetzt in den Strandhuisjes wohnt, verpflegt sich selbst oder fährt mit dem Rad ins Zentrum von Scheveningen mit seinen zahlreichen Lokalen.

Appeltaart mit Pippi Langstrumpf
Appeltaart mit Pippi Langstrumpf
Was draußen ist, ist auch drinnen.
Was draußen ist, ist auch drinnen.

Im Winter verschwinden die Strandhäuser ganz, dann können die Dünen sich regenerieren. Ich aber könnte das ganze Jahr hier bleiben und dem Meer zusehen, wie es sich ändert mit dem Licht, mit der Stimmung, mit dem Wind, mit der Jahreszeit. Plaudern, schauen, schreiben. Noch einen Kaffee trinken.

You can’t stop the waves

Das Surfbord befühlen, das wie eine Verheißung im Wohnraum steht. Leicht ist es, federleicht für seine Größe. Auch die Nachbarin bewundert es. Ich mache ihr gleich klar, dass es nicht meins ist. Dass ich nicht surfe. Noch nicht. „Wir sind doch alle Surfer“, meint sie. „Im Leben.“ Und mir fällt dieser grenzenlos schlaue Spruch ein: „Du kannst die Wellen nicht abschaffen, aber du kannst lernen zu surfen.“

Philosophieren bei Sonnenuntergang
Philosophieren bei Sonnenuntergang
Die Beachclubs schließen früh.
Beachclub closing.

Wie das mit diesen Sprüchen eben so ist. Sie beanspruchen der Weisheit letzter Schluss zu sein. Die Nachbarin nickt jedenfalls zustimmend. Das Meer ohne die Wellen wäre ein See, und selbst ein See wirkt oft wie ein Meer. Wenn der Wind das will, wenn er mit dem Wasser spielt, als wäre es nichts.

Nur noch barfuß

Heute habe ich meinen Surf-Unterricht verpasst, nachdem ich gestern wenig elegant ein sandiges, steiles Stück Beton mangels Handbremse hinabgerutscht bin. Das Rad ist ebenso wenig elegant auf mich gefallen und hat seine Spuren hinterlassen. Alles tut weh. Ich spüre das nicht, wenn sich aufs Meer schaue.

Sandradeln
Sandradeln
Schwimmen am Morgen
Schwimmen am Morgen

Morgen früh gehe ich schwimmen. Doch die Brandung rauscht stärker in der Nacht, zum ersten Mal höre ich das Meer auch in der Nacht in dieser skandinavisch anmutenden, kleinen Hütte. Und das Tuten der Frachtschiffe, die in einer Kette den Horizont erleuchten. Ja, der Wind frischt auf, ich gehe doch nicht baden.

Barfuß laufe ich in Shirt und Strickjacke als Erste über den Strand. Barfuß die ganze Zeit. Im Strandhaus brauchst du keine Schuhe. Überall ist Sand. Ich versuche, die Schuhe in die Luft zu werfen und dabei zu fotografieren, doch sie sind zu schnell wieder am Boden.

Abschied
Abschied

Ein letzter Kaffee, ein letztes Stück appeltaart met slagroom. Dann muss ich den Koffer packen und Quartier in der nahen Stadt beziehen. Und am nächsten Morgen in Den Haag ist mir, als würde ich das Meer durch das offene Fenster hören. Vermutlich war es der Wind.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Den Haag Marketing für die Idee des Bloggerhouses am Strand von Kijkduin und dass ich Teil des Projektes sein konnte. Natürlich werden die Strandhuisjes im nächsten Frühjahr wieder aufgebaut, und ich überlege schon…

  1. Matthias Matzen

    Danke für diesen tollen Bericht.. wie immer sehr inspirierend. Wie und wo kann ich ein solches Strandhaus „buchen“ ?

  2. Ach, so schön du weckst positive Erinnerungen. Ich war im Mai auch dort als eine der ersten Gäste.

  3. Sehr liebevoll geschrieben! Danke fürs Teilen deiner Erfahrung. Schlafen am Meer ist einfach magisch.
    – Nur schade, dass wir uns nicht getroffen haben. Ich war gerade selbst im Urlaub, als Du in unserem Bloggerhaus warst.

    Schöne Grüsse aus Den Haag,
    Maurice

  4. Wow! Das klingt fantastisch! Und ich glaube, das muss ich bald auch mal in Angriff nehmen. Vielen Dank für den schönen Artikel und die tollen Fotos!
    Viele liebe Grüße!

    Maike

  5. Ich liebe diesen Strand, er ist mein 2. Zuhause…♡♡♡

  6. Einfach total beeindruckend, wie schön es doch vor der eigenen Haustür sein kann. Und man schaut immer so weit in die Ferne!! Gerade in der Nebensaison ist es sicher wunderschön!! Eine super romantische Idee für ein Wochenende zu Zweit 🙂

    • Hallo Brigitte, du hast Recht. Zwei von meinen Nachbarn haben es sich dort richtig romantisch gemacht, eine Matratze (die dafür gemacht ist) sowie Bettzeug nach draußen transportiert und den Sonnenuntergang zu zweit auf der Terrasse genossen. Im Sommer scheinen einige auch die ganze Nacht draußen zu verbringen, das ist natürlich auch nicht schlecht! Liebe Grüße, Elke

  7. Pingback: Mit dem Hausboot kreuz und quer durch Friesland | Niederlande

  8. Schlösser

    Beeindruckende Bilder und wirklich super Infos, ich glaube ich weiß jetzt schon wo mich der nächste Urlaub hinführt.

  9. Pingback: Meine liebsten Blogbeiträge - Ferngeweht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: