Wal an der Wand

Es fließt der Sekt im Bølgen & Moi, und draußen scheint die Sonne. Das Restaurant im Norwegischen Erdölmuseum liegt am Hafen von Stavanger und ist gerade ein beliebter Treffpunkt für Stavangerinnen. Zum Champagner-Lunch, immer samstags.

Wir essen einfach nur zu Mittag und stellen uns dann wartend in den Geopark, denn wir haben ein Date. Auf dem Spielplatz aus recylceltem Material der Ölindustrie, der sich gestalterisch auf das Erdölfeld Troll bezieht, wird geskatet, geklettert und geradelt.

Es ist knallbunt und am liebsten würden wir mitspielen oder ein Graffiti sprühen, als plötzlich ein junger Mann mit einem Coffee-to-go vor uns steht. Unser Date. James wirkt fast zu unkonventionell für einen Manager. Der Brite arbeitet für das NuArt Festival, das Stavanger unter die Top Five der Städte gehievt hat.

Treffpunkt Geopark
Treffpunkt Geopark

James will uns ein bisschen darüber erzählen und die Augen öffnen für die in der Altstadt verteilten Werke. Nicht immer springen sie einen an, nicht immer ist Urban Art plakativ und nimmt eine ganze Hauswand ein. Manchmal sind es überraschende Details. Auf einem Stromkasten oder Verkehrsschild.

Nicht immer sind die Werke gemalt oder gesprüht, es gibt zum Beispiel auch die „kleinen Leute“ des Briten Slinkachu. Der meint: „Ich liebe die Idee, dass die Leute meine Arbeiten suchen und nie finden oder zufällig darauf stoßen und sich wundern, wieso um alles in der Welt ist das hier!“ So habe ich in der NuArt-App gelesen.

Die Vielfalt der Ausdrucksformen wächst in Stavanger, denn jedes Jahr kommen durch das Festival neue Werke hinzu. Dass man sich nun souverän zwischen São Paulo, New York, Melbourne und London behauptet, ist für eine norwegische Stadt mit knapp 130.000 Einwohnern natürlich der Clou.

Street Art an allen Ecken
Street Art an allen Ecken

Für James Finucane ist es das erste Jahr in Stavanger, zuvor hat der Festivalgründer und -direktor Martyn Reed die Sache selbst gehandelt. Die Stadt gefällt James richtig gut, relaxt wie das Leben hier zwischen Fjord und Nordsee ist.

Aber nie zu beschaulich, ständig tut sich was. Wenn eine banale Mauer zum Leben erwacht, kann einen das schon mal umhauen. Der Überraschungseffekt ist größer, fast berührt es mich draußen mehr als im geschlosssenen Raum des Museums, der oft aseptisch wirkt.

Auch ein Tiziano entfaltet seine volle Wirkung in der Kirche, für die er gemalt wurde, und nicht im Museum unter vielen. Zwar mag ich Museen, doch je nach Art und Größe überfordern sie mich. Dann lieber in homöopathischen Dosen über einen Ort verteilt.

Faszinierend etwa die Gesichter von VHILS: ausdrucksstark, schwermütig, zerfurcht. Was auch am Herstellungsprozess liegt, denn der Portugiese hat sie in die Mauer gebohrt, so wie sich die Falten in ein Gesicht fräsen. Lebenslinien, die etwas erzählen. Vom Glück, vom Leid.

In der Nähe dieses erzählenden Gesichts finden wir echte Stühle an die Mauer gestapelt. Und einen Jungen, gemalt, der darauf balanciert. Ein Werk des litauischen Künstlers Ernest Zacharevic, der in Malaysia lebt und seine künstlerische DNA in den Metropolen der Welt hinterlässt.

Ebenso wie der bereits im Altstadt-Artikel erwähnte DALeast, ein in Kapstadt lebender Chinese. Street Art scheint losgelöst von der Herkunft des Künstlers zu sein. Doch sie kann einen thematischen Bezug zum Ort haben. Etwa der Wal (Titelfoto) des Belgiers ROA, der auf den Walfang in Norwegen anspielt. Die abgeschnittene Scheibe Fleisch über dem Kopf erinnert an einen Heiligenschein.

Störfaktor in der Street Art von Ernest Zacharevic
Störfaktor in der Komposition von Ernest Zacharevic

Es ist also nicht so wie mit der italienischen Renaissance oder der deutschen Romantik. Street Art ist so individuell wie der Künstler. Wenn ich vor einem Werk stehe, weiß ich nicht, ob ein Mann oder eine Frau dahinter steckt. Ich ahne nie, wo er lebt oder gelebt hat.

Es ist Samstagbend und recht frisch, als wir von der Altstadt ins Viertel Storhaug laufen. Eigentlich wollen wir zum Headbagging in die ehemalige Brauerei Maskinhallen, wo die letzten Acts des „Musikkfest“ über die Bühne gehen.

Doch irgendwie wird der Weg das Ziel. Was zum einen daran liegt, das Street Art ihn pflastert, denn Storhaug hat eine besonders hohe Konzentration vorzuweisen. Und zum anderen geht nichts mehr in der Maskinhallen. Wegen Überfüllung hat sich bereits eine meterlange Schlange gebildet.

Wir begegnen unterwegs dem Jungen mit der Wundertüte von Martin Whatson, dem malenden Teddy von Dotmasters, der mürrischen Prinzessin von Herakut und der Queen in der Isetta von T.Wat. Sowie auch James, der irgendwie aus dem Nichts auftaucht, als wir die Queen bewundern.

Eine ganze Weile stehen wir zusammen in der Schlange vor der Maskinhallen, doch nur James und Gunhild schaffen es noch zu entern und sich zwischen die Fans von Kindred Fever zu klemmen. Später, als wir vor Kälte zitternd schon längst über alle Berge sind.

Die bläuliche Nacht, die Lichter der Stadt, der Nieselregen. Doch wir sind nicht allein, die Straßen sind nicht grau. Die Figuren an den Wänden begleiten uns zurück auf dem Weg ins Hotel. Futter für die Seele.

T.Wat
Oh, die Queen! In einer Isetta! (T.Wat)

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Visit Norway und die Region Stavanger, die diese Reise unterstützt haben.

Noch mehr lesen?

  1. Tolle Bilder. Das letzte Mal, als ich in Stavanger war, ist schon Jahre her… da war noch nix mit Street Art. Muss doch unbedingt mal wieder hin 🙂
    Liebe Grüße,
    Tatiana

    • Danke, Tatiana! Das fing vor zehn Jahren an, als sich der Schwerpunkt des Festivals auf Street Art ausrichtete. Nun gibt es so viel, und ich habe nur einen kleinen Teil gesehen! Also muss ich auch wieder hin. 😉 Liebe Grüße zurück!

  2. Das sieht nach einem coolen Ort aus mit so viel Streetart – toll!!! Ich bin kommende Woche auch in Stavanger und freue mich schon auf die Streetart.
    Viele Grüße, Meike

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.