Der Nebelreiter

Hatte Theodor Storm Nordfriesland nur im Winter erlebt? Da wäre es verständlich, Husum als „graue Stadt“ zu bezeichnen. Oder, was wahrscheinlicher ist, er liebte diese Zeit besonders. Sich im Nebel zu verlieren.

Auch in seiner Novelle „Der Schimmelreiter“ werden die gemütlichen Jahreszeiten mit ein paar Sätzen abgespeist, der Sommer quasi übersprungen, um dann wieder mit aller Detailkraft im stürmischen Herbst und schaurigen Winter zu landen. Das bot ihm die beste Kulisse fürs Drama.

Und da sind wir nun. Alles grauweiß verschleiert, Husums Hafensilos, das Wasser, die Marsch. Wir wollen mehr davon, setzen uns in den Zug nach Sylt.

Als wir über den Damm setzen, legt die Ebbe schmutzige Eisbrocken frei, die Erde sieht aus wie aufgesprungen. Ohne Sonne, wie auf dem Mars.

Wir laufen vom Bahnhof über die zentrale Wilhelmstraße durch Westerland. Viele Geschäfte sind noch geöffnet, doch kaum Shopper unterwegs. Tote Hose, und das auf Sylt!

Allein unter Möwen
Allein unter Möwen

Die Kurtaxe kassiert heute niemand an der Promenade, mehr Nebensaison geht nicht. Die meisten Winterurlauber fahren nach den Heiligen drei Königen wieder zu Hause. Und trotz des Wetters zieht es einige Hartgesottene an den Strand.

Wir hören die Brandung rauschen, und das Meer berauscht uns. Wir riechen Feuchtigkeit, ohne den intensiven Salzgeruch des Sommers, doch eine satte Feuchtigkeit. Der Nebel verschluckt den Horizont, da erscheint ein einzelner Surfer im eiskalten Wasser wie ein graues Gespenst.

Der Nebelreiter
Der Nebelreiter

Diese Leute würden wahrscheinlich auch auf Eisschollen reiten. Eine Möwe spaziert am Meeressaum entlang, ein paar dunkel vermummte Gestalten am Horizont, und das war’s. Winterpausierende Lokalitäten, leere Straßencafés. Himmlische Ruhe, nur die klatschende Brandung.

Als die Feuchtigkeit unser Haar benetzt, das aus den Mützen herauslugt, und langsam an den Beinen hochkriecht, die Kälte unsere Gesichter rosa färbt, wissen wir: Es ist Zeit.

Recht cool, der Winter!
Recht cool, der Winter!

Zeit für das Café mit dem vielleicht besten Kuchen der Insel? Wien auf Westerland. Mit den köstlichsten hausgemachten Waffeln, der cremigsten Rahmtrüffeltorte und einer Auslage, die die Wahl zur Qual macht.

Was übrigens auch für die angeschlossene Schokoladenmanufaktur gilt. Lieber die Zartbitter mit hawaiianischem Meersalz? Oder weiße Schokolade mit Holunder? Honig, Dillgeist und Trüffel in der Vollmilch?

Als wir wieder im Zug sitzen, auf dem Weg zurück in Theos „graue Stadt am Meer“, kann uns der Nebel nicht mehr in die Unendlichkeit des grauen Nichts hineinziehen.

Die Stimmung ist prächtig, die Schokolade ein Fest. Fast so gut wie die Wirkung von Sonnenstrahlen. Sylt war irgendwie erleuchtend.

Text und Fotos: Elke Weiler

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  1. Reisender

    Cafe Wien auf Sylt ist klasse. Und es muss nicht immer was Süßes sein. Im Winter findet man bestimmt leichter einen freien Tisch?

  2. Danke, wenn ich das lese, fühl ich mich grad so, als wär ich dort…
    Gibt es denn das Cafe Schwermer in Husum noch? Das ist auch ein prima Unterschlupf an grauen Wintertagen.

  3. Pingback: Ein Tag auf Rømø

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