Tills kleines Geheimnis

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Ich bin zum ersten Mal im Herzogtum Lauenburg und habe mich bereits in Ratzeburg umgesehen. Ich habe einen Mann in Pumphosen getroffen, der ein kiloschweres Schwert mit sich trug und die ganze Geschichte der Inselstadt kannte. Und der eigentlich in Mölln wohnt, etwa zehn Kilometer von Ratzeburg entfernt. Auch dort hätte er jede Menge Historisches zu erzählen. Doch das macht schon ein anderer, recht bekannter Mann.

Nur wer? Mölln, Mölln… Ist das nicht die einzige Stadt in Schleswig-Holstein, die Karneval feiert? Als Rheinländerin muss ich das fragen. Doch die beiden Herren, die auf dem historischen Marktplatz vor mir stehen, verneinen freundlich, aber bestimmt. Dabei sieht einer von ihnen recht karnevalistisch aus! Und er grinst auch so, als hätte er den Schalk im Nacken sitzen.

Der Mann trägt eine Narrenkappe, die wegen der Glöckchen bei jeder Bewegung bimmelt. Er ist unüberhörbar. Doch bevor die Möllner und Besucher der Stadt ihn hören, sichten sie die auffällige Erscheinung schon von weitem. Dann passiert es: Sie lächeln und winken spontan. Sie wollen ein Foto mit ihm. Wie macht er das bloß?

Er ist Till. Till Eulenspiegel. Bekannt wie ein bunter Hund. Schon seit Jahrhunderten. Ich krame nach Erinnerungen in meiner Kindheit, denn auch mich hat der Narr seit langem auf dem Kieker. Und wenn ich nun daran denke, welcher Eulenspiegelei ich kurz darauf zum Opfer fallen werde… Eins nach dem anderem.

Als Kind war ich fasziniert vom Schalk wie jeder, wenn er auch nie die Vorbildfunktion einer Pippi Langstrumpf eingenommen hat. Es waren die Geschichten aus einem Buch, das erstmals im 16. Jahrhundert erschien. Ohne Verfasser. Laut dieser Geschichten hat Till im 14. Jahrhundert gelebt und er ist in Deutschland und Europa umhergezogen.

Antwerpen, Kopenhagen, Rom waren einige seiner Stationen: Die Möllner haben in ihrem Eulenspiegel-Museum einen Reiseatlas erstellt. Warum ausgerechnet sie? Und wieso gibt es diesen Till auch heute noch hier? Laut des sogenannten Volksbuchs und weiterer Indizien ist er 1350 in Mölln verschieden.

Auf historischen Pfaden in Mölln

Auf historischen Pfaden

Kann doch gar nicht! Er steht leibhaftig vor mir und grinst. „Wo kommen Sie her?“, frage ich höflich. Eigentlich will ich ihn duzen. Er erzählt mir alles, unterbrochen nur von einigen Fanrufen und weiteren Fotoshootings. Mario Schäfer arbeitet seit nunmehr 20 Jahren in Mölln als Eulenspiegel. Als er im heimischen Thüringen die Ausschreibung las, wusste er nicht einmal, wo Mölln genau lag.

Diese Sache kommt mir bekannt vor. Es gab über 20 Bewerber für den ungewöhnlichen Job, und Mario hatte sich keine großen Chancen ausgerechnet. Was wohl von ihm verlangt werden würde? „Auf dem Seil tanzen kann ich nicht!“ Er lacht. Außerdem war sein Vorgänger zwei Köpfe größer. Als der kleine, schlanke Mann endlich die Narrenkappe überziehen durfte, riefen die Leute: „Gebt dem armen Ossi was zu essen!“

Mario Schäfer nimmt’s mit Humor. Und bringt gleich noch eine Änderung mit: Da er in Thüringen bereits als Till Eulenspiegel in einer Politsatire aufgetreten ist, lässt er sich auch in Mölln nicht den Mund verbieten. „Und wenn’s den Politikern nicht passt, ist mir das wurscht!“ Gut zu wissen, dass sein Chef hinter ihm steht.

Im Eulenspiegel Museum

„Auf dem Seil tanzen kann nicht.“

So redet er auf Hochzeiten, Schützenfesten und ähnlichem, nimmt die lokale Politik aufs Korn und ist zur spaßigen Begrüßung in Mölln buchbar. Alle drei Jahre darf er bei den Möllner Eulenspiegel-Festspielen als Hauptdarsteller auftreten. Im Herbst und Winter erholt er sich ein bisschen vom strammen Programm und arbeitet als Gärtner im Kurpark. Dorthin zieht es auch uns.

Im Rosengarten gibt es natürlich eine Eulenspiegel-Rose, und der Schalk ist an allen Ecken und Enden zu finden. Neben der charmanten Figur auf dem Marktplatz wirkt die Eulenspiegel-Skulptur im Park fast miesepetrig. Kurz darauf stehen wir vor einem Amboss, gestaltet vom Künstler Andreas Rimkus, der auf eine Eulenspiegel-Story Bezug nimmt.

Berührt man den Knauf, ertönt ein „Till-Eulenspiegel-Lied“ komponiert von Ralf Grabowski. Eigentlich steht ja „Bitte nicht anfassen“ an dem Kunstwerk. Doch zwei Stellen sind so blank wie Daumen und Zeh vom Eulenspiegel auf dem Markt. Kann ich hier also weiteres Glück durch Berührung einheimsen? Eine blanke Stelle liegt säuberlich platziert in Form von Hundekot am Rand.

Ein Amboss zu Ehren von Till Eulenspiegel

Dieser Amboss!

Und das hat seinen Grund. Als der Kurpark nämlich nach einer Sanierung wiedereröffnet wurde, stritten die Möllner, ob Hunde zugelassen werden sollten oder nicht. In Eulenspiegel-Manier hat der Künstler das Thema aufgegriffen und verewigt. Man lädt mich herzlichst ein, am Kot zu drehen. Gerne! Der Amboss hat schon so lustig geklungen! Ich zögere also keine Sekunde, erwarte ein Bellen.

Leicht über das Kunstwerk gebeugt drehe ich am Kot… Platsch! Ein nicht gerade kleiner Wasserschwall landet mitten im Gesicht, das Haar hängt strähnig rundherum. Alle lachen. Ich auch. Und vor meinem inneren Auge passieren sämtliche Wasserscherze meines Lebens Revue. Als Kinder schon spielten wir gerne auf dem Schulhof mit Wasserbomben.

Während des Studiums hielt ich mich einen Monat in Urbino auf. Mitte August ist Feiertag in Italien, eigentlich religiösen Ursprungs, der jedoch gerne mit Wasserbomben begangen wird. Auf einer Düsseldorfer Studentenparty habe ich mich einmal gewundert, was der Alkohol mit sehr braven Menschen macht, wenn sie gleichzeitig eine Wasserpistole in der Hand halten. Last but not least war da eine Rosenmontagsparty, zu der ich mein Arsenal an Wasserpistolen herausgekramt hatte. Immerhin drei Stück.

Es war eine Möglichkeit, bei den Wagen des Rosenmontagszugs auf sich aufmerksam zu machen. Einige antworteten wie gewünscht mit einer Ladung Kamelle, die meist nicht im zweiten Stock ankam. Andere Herrschaften mit Narrenkappen fanden die Sache gar nicht lustig. Sie drohten uns schlechtgelaunt.

Wie sagt man im Rheinland? Jede Jeck is anders. Doch dem Möllner Eulenspiegel wäre das nicht passiert. Sein kleines Geheimnis heißt Humor.

Text und Fotos: Elke Weiler

Diese Reise entstand in Kooperation mit der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein und führt ins Glückswachstumsgebiet.

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Kategorie Schleswig-Holstein, Städte

Kunsthistorikerin, durch Zufall im Tourismus gelandet. Hat nach ein paar Jahren als Redakteurin erkannt: am liebsten frei! Journalistin & Buchautorin (u.a. "Ecological Living", teNeues). Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee und bloggt hauptberuflich.

6 Kommentare

  1. Ach wie schön! Mein Onkel wohnt in der Nähe von Mölln und ich war schon dort da kam ich kaum mit der Hand an den Fuß vor ein paar Jahren war ich wieder dort, leider alles voller Bühne vor den Festspielen, da gabs dann kein Foto. Ich bin gespannt wann ich mir wieder Glück dort abholen werde, vielleicht sogar im nächsten Jahr 🙂

  2. Ach wie herrlich! Wer hat früher nicht gerne mit Wasser gespielt? Und sah dabei auch mal wie ein ordentlich begossener Pudel aus? 😉 Da werden schöne alte Erinnerungen wach.
    Liebste Grüße aus Sankt Jakob im Defereggental

  3. Pingback: Die Kutscherscheune und das Landleben

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