Trinidad – kubanische Vintage-Town

Bleu, gelb, rosé und türkis – die Nachmittagssonne lässt die bonbonbunten Kolonialhäuser der Stadt aufleuchten. Trinidad hat sich in Schale geworfen, ist schön wie eh und je. Nostalgie an jeder Ecke, im Süden Kubas ist die Zeit stehen geblieben.

Das gilt auch für die Geräuschkulisse. Hufe schlagen auf das alte Kopfsteinpflaster, das Geräusch hallt durch die Gassen. Reiter und Pferdekarren bevölkern neben den Spaziergängern und Radfahrern die schmalen Straßen. Schulmädchen in roter Uniform setzen weitere Farbakzente.

Der Geruch gut gewürzter Speisen liegt in der Luft, vermischt mit dem Salz der Karibik und den Klängen von Salsa und Son. Menschen stehen an den Hauseingängen, unterhalten sich, rauchen Zigarren, betrachten die Vorbeigehenden. Manchmal führen sie auch ihre Vögel in Käfigen spazieren und finden das ganz normal.

Zeitsprung zurück
Zeitsprung zurück

Eine Welt für sich. Abgeschnitten vom Rest liegt die ehemalige Kolonialstadt hinter den Bergen der Sierra del Escambray. Gehegt und gepflegt von seinen Einwohnern. Architektur wie altes Inventar, und doch wirkt das Schätzchen lebendig, nicht museal. „Hier ist nie etwas weg geschmissen worden“, erzählt Javier, der abends als Barkeeper arbeitet.

Einblick in den Alltag

Plötzlich verdunkelt sich der Himmel, die Hitze drückt auf die Stadt. Das Wechselspiel von Sonne und Regenwolken taucht Trinidad in ein surreales Licht. Tropische Schauern sind kurz, aber kräftig. In Trinidad ist man darauf eingerichtet. Die kopfsteingepflasterten Gassen sind mit Köpfchen gebaut worden: Leicht abschüssig lassen sie das Regenwasser schnell abfließen. Stadtplanung des 18. Jahrhunderts.

Der Regen verändert die tropische Wärme niemals. Auch darauf sind die Trinidader eingerichtet: Die riesigen Fensteröffnungen ihrer meist eingeschossigen Häuser sind kunstvoll vergittert – kein Glas, keine Jalousien. Nur diese schwungvollen Eisenstäbe trennen drinnen von draußen und gewähren Einblicke in die Privatsphäre Trinidads.

Durch die offenen Fenster sehen wir geschnitzte Schaukelstühle, alte Glasvitrinen, bemalte Vasen französischen Stils. Javier hat recht: Es ist nichts weg geschmissen worden.

Auf der Plaza Major
Auf der Plaza Major

Diego Velázquez, der Eroberer, gründete die Stadt an der Südküste Kubas im Jahre 1514, und so feiert Trinidad also seinen 500-Jährigen in diesem Jahr. Die Spanier hatten Gold in der Gegend entdeckt, doch es blieb bei kleineren Funden. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts begann Trinidads Blütezeit mit Zucker- und Sklavenhandel im großen Stil. Die Stadt entwickelte sich zum ersten Handelsort der Insel.

Es lebe die Privatwirtschaft

Rund um die zentrale Plaza Major hat sich der Reichtum der Zuckerbarone in Stein geprägt: Schattenspendende Arkaden, Säulen, Pilaster, Skulpturenschmuck. Es ist der eleganteste Flecken des Städtchens. In den Palästen der ehemals reichsten Familien sind heute Museen untergebracht: Ein Ausflug in das Leben des 19. Jahrhunderts, es geht um Architektur, Naturkunde und Archäologie der Insel.

Trinidads Altstadtensemble ist schon seit den 80ern Weltkulturerbe: Die UNESCO hat es unter ihren Schutz gestellt und die Restaurierung gefördert. Nun ist es so, dass die Touristen Trinidad lieben, und Trinidad liebt die Touristen. Man besichtigt eine Zigarrenproduktion, klar, und vielleicht bleibt man sogar ein paar Tage und Nächte in der Stadt.

Altes Kopfsteinpflaster
Altes Kopfsteinpflaster, schmale Straßen

Die Privatwirtschaft ist in Gang gekommen. Wer ein Zimmer vermieten oder ein Restaurant eröffnen will, muss das melden und dafür Abgaben leisten. Reich können die Kubaner durch Eigeninitiative nicht werden.

In Trinidad gibt es einige Paladares, was übersetzt soviel wie „Gaumen“ oder „Genuss“ heisst. Wer einen Paladar eröffnet, serviert seinen Gästen in den eigenen vier Wänden deftige kubanische Kochkunst. Selbst wenn die Privatküchen professionell auf den Gastbetrieb eingestellt sind, gibt die häusliche Atmosphäre und die Freundlichkeit der Besitzer dem Paladar die besondere Note.

Im Wohnzimmer gelandet

So genießen auch wir die laue karibische Nacht in einem privaten Innenhof unter duftendem Laubdach. Und die nächste tropische Regenschauer, die auch das Blätterdach nicht abhält, kann uns höchstens zum Lachen bringen. Es ist einfach romantisch hier. Wenn alle Tische im Paladar besetzt sind, und das geht schnell, warten die nächsten Gäste eben eine Weile im Vorraum, einer Mischung aus Wohnzimmer und Museum.

Karibische Lebensfreude
Karibische Lebensfreude

Als Aperitif gibt es Canchánchara, das typische Getränk Trinidads aus Rum, Limone, Sprudelwasser und Honig. Mojito kannst du in Havanna trinken! Auf der Suche nach der Toilette verirre ich mich bei den Nachbarn, die mich nett anlächeln, aber schwer beschäftigt sind.

Man frönt gerade dem allabendlichen Nationalvergnügen der Insel: Ab 22 Uhr bricht auf ganz Kuba die Zeit der Telenovelas an. Die Strassen sind dann wie leergefegt. Steht plötzlich so eine Fremde mitten in der Wohnung, die eigentlich nur das Bad des Paladar sucht, ist das kein Problem für die vor dem Fernseher vereinte Familie. Mit ein paar aufmunternden Worten auf Spanisch helfen sie mir gerne weiter: „Con mucho gusto!“

Später gehen wir tanzen. Es gibt es ein paar Salsa-Lokale in der Stadt, doch der Barkeeper Javier arbeitet in der einzigen Diskothek Trinidads, im „Las Cuevas“. Abend für Abend steht er hinter der Theke und versorgt die Tanzenden mit Daiquiris. Oder einfach nur mit Wasser, denn wer sich bei Merengue, Salsa und internationalem Pop so richtig eingetanzt hat, transpiriert ununterbrochen.

Nicht viel Verkehr
Nicht viel Verkehr

„Las Cuevas“, die Höhlen, halten, was sie versprechen: Ein unterirdischer Komplex mit feuchtheißem Klima wie eine riesige tropische Sauna, die Mutter Natur in bizarre Formen gegossen hat. Steile Treppen führen in den Untergrund Trinidads zu den Spuren der modernen Zivilisation: Tanzfläche, Bar und Sitznischen.

An der Playa Ancón

Die Höhle ist spärlich beleuchtet, durch ein Loch kann man den Mond sehen an diesem Abend. Auf den Turnsaales ein Leid aus den italienischen Charts, die Tanzfläche wird ab und an durch künstlichen Nebel gehüllt. Schüchtern ist man in Trinidad nicht, und so dauert es nicht lange, bis wir zum Tanzen aufgefordert werden. Salsa! Und das einfach lässig, kein bisschen Tanzhaus oder übereifrige Figurenschau.

Javier strahlt hinter der Theke: Er ist stolzer Trinidader und noch nie im Leben aus dem Süden Kubas heraus gekommen. Er spricht ein bisschen Englisch für den Hausgebrauch, für die internationalen Gäste. Seine Lieblingsbeschäftigung, wenn er nicht arbeitet: mit Freunden an die Playa Ancón zu gehen, den Strand von Trinidad.

Dort übernachten und baden wir, immer wieder. Das Wasser hat Badewannentemperatur und jenen leuchtenden Türkiston der Karibik. Und wenn es Abend wird, wirkt es beinah lila. Spätestens hier beginnt jeder zu verstehen, warum Javier noch nicht aus dem Süden Kubas hinaus gekommen ist.

Playa Ancón: Chillen in der Badewanne
Playa Ancón: Chillen in der Badewanne

Text und Fotos: Elke Weiler

Aus der Reihe „Archivgeschichten“: Ich war vor über zehn Jahren zuletzt auf Kuba, und das ist viel zu lange her.

  1. Ich hatte mich schon gefreut, dass sich in Trinidad scheinbar nichts verändert hat, seit ich 2004 das letze Mal dort war – und dann sehe ich, dass die Autorin auch vor zehn Jahren dort war 😉 Ich frage mich, ob es heute dort noch genauso ist …

    • Ich denke schon, dass sich ein bisschen was geändert hat. Mehr Privatwirtschaft, das war „damals“ ja gerade im Kommen. Aber der Rest? Ich glaube, wir müssen da wieder hinfliegen!! 😀

  2. nimm mich auch mit! *träum, schmelz*

  3. Oh, zehn Jahre ist das schon her! Bei mir sind´s sogar 15, dass ich in Kuba war … und ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich noch einmal dorthin zurückkehren sollte. Nach all der Zeit …..

    • Mehr als zehn Jahre auch bei mir. Und ich wäre schon ziemlich neugierig zu sehen, wie Kuba sich verändert hat…

      • ich bin in Kuba alle 1-2 Jahre. Viel hat sich eigentlich (noch) nicht geändert, zumindest nicht in Santiago de Cuba. Die Kubaner sind nett und freundlich wie immer. Neuste Errungenschaft ist das WiFi auf einigen größeren öffentlichen Plätzen in Kuba, was das Telefonieren nach Hause erleichtert.

        • Öffentliches WiFi, das klingt gut. Funktioniert es auch so? Habe damit in anderen Ländern oft schlechte Erfahrung gemacht.

          • funktioniert super! Ich hatte erst gestern einen Anruf aus Kuba bekommen, die Verbindung ist etwas wackelig, aber es funktioniert. Nun haben die Kubaner halt auch die Möglichkeit relativ kostengünstig aus Kuba heraus jemanden anzurufen. Das reine Internet – Surfen ist mit dem WiFi wahrscheinlich noch ausbaufähig …

            Für die Kubaner in Deutschland ist das natürlich auch eine Erleichterung, da sie nun öfters mit der heißgeliebten Heimat telefonieren können, da das normale Telefonieren halt noch recht teuer ist.

          • Ja, da hast du recht! Ich glaube, ich muss wirklich mal wieder dort hin. Es ist höchste Zeit!

  4. Ich war im Januar 2014 für 3 Wochen auf Kuba :-). Wenn ich Deinen Artikel lese, kann ich vieles bestätigen, wir waren für 4 Tage in Trinidad und es war herrlich. Die Playa Ancon konnten wir auch genießen und die Salsamusik im abendlichen Trinidad. Das einzige was wir vermisst hatten, waren die Kanarienvögel die im Käfig durch die Straßen getragen werden sollen, wie Du schreibst. Das hatten wir auch gelesen.
    Wenn Ihr ein paar meiner Eindrücke von Kuba und zwar Cienfuegos und die Cayo Jutias lesen wollt, schaut doch mal bei mir vorbei: http://wolkenfreunde.com/winterzauber-mal-anders-mein-erster-geburtstag-bei-30-grad-im-schatten/ Viele Grüße !

    • Drei Wochen Kuba, wie schön, Simone! Ich muss unbedingt wieder hin. Und nächstes Mal frage ich nach, ob sie die Vögel nur an ganz bestimmten Tagen ausführen. 😉

  5. Moin Elke,
    schau mal auf diese Seite.
    Ganz liebe Grüße aus Bremen,
    (habe dich nicht vergessen)
    http://www.radiopelicano.de/

  6. Hallo Elke,

    dein Artikel ist wirklich wunderschön geschrieben, da bekommt man Lust bald hin zu fliegen. Trinidad/ Kuba und Tobago stehen schon lange oben auf meiner bucket list 🙂
    viele Grüße in den Norden,

    Kerstin

    • Danke, Kerstin! Kuba ist gerade richtig „in“, glaube ich. 🙂 Mir gefällt’s super, ich würde es gerne auch bald wieder besuchen. Einiges hat sich in den letzten Jahren schon geändert! Auf Tobago war ich noch nie, grundsätzlich interessiert mich eigentlich jede karibische Inseln, so unterschiedlich wie sie sind! Liebe Grüße zurück!

  7. Hallo Elke,

    ich habe heute durch Zufall Deinen Blog entdeckt und muss Dir wirklich ein großes Kompliment machen: Du schreibst einfach toll! Eine richtige Geschichtenerzählerin! Als wäre man live dabei, wenn Du unterwegs bist!

    Ich habe selbst auch einen kleinen Reiseblog (www.empfehlbar.de), aber jetzt habe ich ein neues Vorbild gefunden! Hab mich gleich an Deinem Newsletter angemeldet!

    Danke für die Inspiration!
    Oliver

  8. Pingback: Inseln im Frühling | Meerblog

  9. Hallo Elke,

    da kommen Erinnerungen hoch. Als ich 1998 in Varadero war, hatte ich nach einer Woche Strand und Tagestouren die Nase voll und habe mir ein Auto gemietet und „planlos“ Richtung Trinidad gefahren. Unterweges n Anhalter mitgenommen und dann bei seiner Mutter über den Dächern von Trinidad geschlafen und mit dem Vater einen Rum getrunken.

    Abends nach einem leckeren Abendessen noch in einer Kneipe gewesen und als einziger Europäer die Livemusik und tolle Stimmung erlebt.

    Ob es immer noch so unbeschwert geht?

    Liebe Grüße Mark

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