Futter vom Dachacker

Wir treffen uns unter Sonnenblumen. Simone, die Ausgewanderte, Anja und ich, beide Ersttäterinnen. Ringsherum grünt und blüht es, der Dachgarten des Bürohauses Schieblock ist eine Oase inmitten versiegelter Flächen. Asphalt, Beton, Hochhäuser, Urbanität bis zum Abwinken. Rotterdam. Nicht gerade das niederländische Klischee.

Die Erdbeeren sind schon abgeerntet, die Kürbisse werden immer praller. Dann legt die Abendsonne noch einen drauf und setzt der Oase das Sahnehäubchen auf: Goldschimmer. Allein das Wort „Dakakker“ holt uns zurück in den Dachboden der Tatsachen. Wir stehen auf einem Dachacker, und ich habe ein neues Lieblingswort.

Noch jemand ohne Dachacker?

„In Rotterdam breitet sich Urban Gardening gerade explosionsartig aus“, weiß Simone, die Ausgewanderte. Man kennt das Phänomen ja aus Berlin. Das berühmteste Beispiel: der Prinzessinengarten am Moritzplatz. Die Lust auf Grün mitten im Grau. Zusammen gärtnert man besser, und all diese Dinge.

Zusammen gärtnert man besser, und all diese Dinge.

Mitten im Himmel für Vegetarier brutzelt ein Lamm, und Erik dreht den Spieß. Ein junger Typ mit fleckigem Shirt, ganz lässig, ganz Rotterdamer. Normalerweise arbeitet er unten im Biergarten des Schieblock, heute grillt er für uns. „Do you want action?“ Er lacht. Das Lamm ist schon fertig.

Wir setzen uns zu den Anderen und reden. Über Rotterdam hauptsächlich, das sowohl Ausgewanderten als auch Einheimischen und Ersttätern gefällt. Anja hat schon genug Stoff für ihren Reiseblog mit kulinarischem Schwerpunkt „travel on toast“.

Und Simone lebt seit 1999 hier, sie kam als Architektin in die Boomtown, ein Mekka für Fans moderner Bauten. Rem Koolhaas, Renzo Piano, Norman Foster – alle haben sie hier gebaut.

Erik und das Lamm auf dem Dachacker.

Mittlerweile bloggt Simone auf „Nach Holland“, gibt Tipps für Auswanderer und schreibt über Kunst, Kultur und Alltag in den Niederlanden. Zurück nach Süddeutschland möchte sie nicht.

Es gibt Süßkartoffel, Couscous und Lamm aus Eriks Dachküche. Eigentlich ist der Dachacker nur zu bestimmten Zeiten für die Öffentlichkeit zugänglich. Immer freitags nämlich, wenn Gemüse verkauft wird. Und eigentlich kommt unser Essen aus der innovativen Küche der Biergartenbetreiber, Eriks Arbeitgeber.

Schieblock, unweit der Metrostation „Stadhuis“ und benannt nach dem kleinen Fluss Schie, war bis vor wenigen Jahren einfach ein leerstehender Büroklotz. Die Krise. Dann zogen die Kreativen ein, gesponsert von einem Investor und der Gemeinde. Ein Architekturbüro strukturierte alles ein wenig um und pappte Schieblock das hippe Etikett „urban laboratory“ an.

Ein Shop mit Produkten Rotterdamer Designer, eine Bar und bezahlbare Büroflächen für die Kreativen – das ist das neue Konzept. Coworking Spaces für digitale Nomaden und Freiberufler. Rotterdam ist up to date, nicht nur mit den Gärten.

Willkomemn in Voedseltuin, Keilehaven.

Voedseltuin ist auch so ein Beispiel für grünes Engagement. Die Idee, einen Garten anzulegen, entstand von den Betreibern der Voedselbank, die jede Woche 3.500 Essenspakete an Bedürftige verteilen. Was dabei immer zu kurz kommt: frisches Obst und Gemüse.

Warum also nicht auf dem ehemaligen Keilehaven Bio-Gemüse anbauen? Angela Vermeulen führt uns vorbei an Kürbissen, roter Beete, Salat und Äpfeln über das ein Hektar große Gelände. Zusammen mit der ehrenamtlichen Mitarbeiterin Margarita Claudia Kaput.

„Der sandige Untergund war eine Herausforderung“, sagt Angela, als sie im September 2011 loslegten. Die ehemalige Schullehrerin gärtnert schon seit 15 Jahren, ließ sich aber von Profis beraten. Das Gelände gehört allerdings der Stadt, und die hat andere Pläne für die ehemalige Hafenzone.

Angela und Margarita gärtnern im Voedseltuin.

So weiß Angela noch nicht, ob sie hier bleiben können. Aber für eine Weile schon. Voedseltuin ist mehr als ein weiteres Beispiel für Urban Gardening. Die Ökogärtner verteilen nicht nur die Produkte an Arme, sie verstehen ihr Projekt auch als Anleitung zur Selbsthilfe und Reintegration in die Arbeitswelt.

Man pflegt gute Nachbarschaft mit einer bekannten Bäckerei: „Wir düngen mit ihren Eierschalen.“ Und hat auch ein gutes Verhältnis zum Künstler Joep van Lieshout, der Voedseltuin mit einigen seinen Skulpturen bereichert hat. Er war der Erste in Keilehaven, als er 2001 sein anarchistisches Künstlerprojekt AVL-Ville gründete. Auch die Selbstversorgung gehört dazu.

Wir schauen hinüber, doch kein Künstler ist zu sehen. Nur die Apfelbäume, die sind auch in Joeps Utopia zu finden. Und wir, wir wandeln mal wieder zwischen Sonnenblumen umher, die zahlreiche Hummeln glücklich machen.

Sonnenblumen und glückliche Hummeln im Voedseltuin.

Die Mitarbeiter sowie andere Naturliebhaber zieht es auch in der Freizeit in den Voedseltuin, man trifft sich hier, picknickt, liest ein Buch. Oder ist einfach glücklich im Grünen – wie die Hummeln auf der Blume.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Rotterdam Marketing und das Niederländische Büro für Tourismus & Convention, die diese „fijne reisje“ ermöglicht haben.

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  1. Toller Bericht und ganz tolle Fotos. Ich könnt mich gerade so in Rotterdam verlieben 😉
    Und natürlich ein herzliches Dankeschön fürs Erwähnen.

    Ganz lieben Gruß Simone

  2. Pingback: Im Viertel Raval | Barcelona

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