Es tost die Brandung

Es ist ein ganz normaler Nordseetag, dieser erste Juni. Der Wind weht, Sonne und Wolken liefern sich einen schmissigen Dialog. Im Sylter Kalender habe ich Tai Chi entdeckt, immer montags um neun. Treffpunkt: vor den Schildkröten am Aquarium.

Also mische ich mich schon zeitig unter die Jogger und Walker am Strand und wärme mich ein bisschen auf. Um Punkt neun stehe ich vor dem Aquarium – allein unter Schildkröten. Mein Tai Chi muss ich mir denken.

Für nächstes Mal plane ich Yoga: mit dem Schiff ab Hörnum zur Sandbank, Sonnengrüße mitten in der Natur, wenn das nicht fetzt. Meinen Frühsport habe ich heute irgendwie schon, dieses Auf-und-Ab rund um die Dünen macht Hunger.

Und die Nordsee macht Hunger. Mein Hotel liegt unweit der Fußgängerzone und trägt den geografisch nicht gerade korrekten Namen Niedersachsen. Ein Teil ist alt, sichtbare Überreste seiner Entstehungszeit im 19. Jahrhundert finden sich nur noch im Dielenboden der Raucherbox, die wie ein Lesezimmer gestaltet ist.

Was man zunächst von außen sieht, hat den in Westerland verbreiteten Sixties-Charme. Damals boomte Sylt, und Promis wie Gunter Sachs und Brigitte Bardot gaben sich eine Stelldichein auf der Insel. Auch die drei Hochhäuser am Zentralstrand stammen aus der Zeit.

Der angebaute Teil des Hotels geht als Holzhaus mit Betonstützen über vier Stockwerke. Aus 2009 ist auch die geothermische Anlage. Das Hotel holt sich die Wärme aus der Tiefe der Erde. Der große Vorteil: Erdwärme steht unabhängig von Witterungen und Tageszeit zur Verfügung.

Der Clou im Hotel ist das Frühstück: Die Krabben sind aus Büsum, die Eier kommen mit der Fähre von Föhr, Kuchen und Brot stammen vom Traditionsbäcker der Insel, die Bio-Erdbeer-Marmelade wurde in Braderup gekocht. Auch der Kaffee ist lecker, bio und fair.

Unter dem Einfluss des Marmorkuchens muss ich feststellen: Die Atmosphäre im durchfensterten Frühstücksraum ist sonnig bis intim. Man schaut sich an, grüßt, redet miteinander. Ich könnte hier noch eine Weile sitzen, doch der Strand ruft.

Er liegt ums Eck, wir sind in der zweiten Reihe hinter den Dünen. Man hat mir eine Strandwanderung bis Wenningstedt-Braderup empfohlen, Ursprungsort der Erdbeermarmelade also. Zunächst lege ich noch einen Zwischenstopp in der Fußgängerzone Westerlands ein, bekannt für ihre Shoppingmöglichkeiten.

Shopping
Shopping

Ich brauche eine Mütze, sonst werden mir wegen des Windes am Wasser die Ohren abfallen. Auf der zentralen Friedrichstraße schieben sich die Massen von Lokal zu Lokal, Shop zu Shop. Ich mag die kleineren Boutiquen in der Strandstraße und Neue Straße. Und finde dort prompt meine Lieblingsmütze. Farbe: Koralle.

Etwas überteuert, aber alles andere hätte mich überrascht. Um nicht wie die Leute um mich herum in einen Shoppingrausch zu verfallen, steuere ich schnell den Strandübergang an. Doch trotz des Windes und der frischen 12 bis 13 Grad sind die Strandkörbe an der Promenade alle besetzt. Auch an der Wasserkante herrscht heute Hochbetrieb.

Der nordfriesische Himmel bietet sämtliche Wolkenformationen, sein volles Repertoire. Die Brandung schäumt und klatscht und rollt und braust unermüdlich. Ein vereinzelter Surfer hat sich in die Wellen geworfen, doch es dauert eine ganze Weile, bis er zum Stehen kommt.

Der Himmel gibt alles.
Der Himmel gibt alles.

Der Sand unter den Füßen gibt bei jedem Schritt nach, und die gut vier Kilometer bis Wenningstedt ziehen sich in die Länge. Dann sehe ich auch schon die ersten Häuser, doch mein Ziel liegt weiter nördlich. Das Wonnemeyer, die legendäre Strandbar.

Die regional ausgerichtete Küche beinhaltet auch viele Bio-Produkte. Es schmeckt hervorragend in diesem rustikal bis provisorisch wirkenden Ambiente. Das Publikum gibt sich „typisch Sylt“ – irgendwo zwischen zwischen jung und sportiv, reif und edel. Draußen toben Wind und Wellen, trotzdem haben die Sportiven die Außenplätze besetzt.

Später entdecke ich einen Holzweg durch die Dünen, hier beginnt das Rote Kliff, das auf der Höhe von Kampen seine volle Schönheit entfaltet. Ich nehme die andere Richtung, laufe zurück, doch der Weg zwischen Strandhafer und Dünenrosen endet schon bald.

Unten am Wasser spielen Kinder in der Nachmittagssonne. Sieben Alpenstrandläufer fallen mir ins Auge – genau wie ich rennen sie vor den ausrollenden Wellen weg. Dabei bewegen sie ihre zarten Stelzen umheimlich flott und hinterlassen eine Art Nähmaschinenspur im Sand, die sogleich vom Wasser verschluckt wird.

Die legendären Sieben scheinen sich einen Spaß aus dem Wellenrennen zu machen und sind ganz nebenbei auf Nahrungssuche. Auch ich lege einen Schritt zu, will ich doch meinen Zug kurz vor sechs kriegen. Doch das Zeitraffertempo der Sieben schaffe ich nicht.

Voller Pendler ist die Bahn abends, viele wohnen auf dem Festland und arbeiten in Westerland, Keitum oder Morsum. Ich genieße die Fahrt übers Watt, dieses Mal in voller Schönheit und Farbe. Eine Stunde später lande ich in der zweitschönsten Stadt Nordfrieslands – nach Friedrichstadt, gerne auch Fritzitown genannt.

Von Theodor Storm als grau bezeichnet, aber heiß geliebt, gibt sich die Zweitschönste heute eher bunt. Wir sitzen bei einer Pizza im Hafen, das Wasser ist weg, der Blick auf den Schlick frei. Husum. Fast zu Hause.

Text und Fotos: Elke Weiler

Tschüss, Sylt!
Tschüss, Sylt!

Meine Übernachtung auf Sylt wurde vom Hotel Niedersachsen gesponsert, Mitglied der nachhaltigen Green Pearls.

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  1. sehr schöne Aufnahme Danke Dir Herzlich Wünsche Euch noch einen schönen Abend.

  2. Andreas

    Schön! Stehe gerade am Zug und habe deinen Text gelesen und die Bilder gesehen … Jetzt kann ich es gar nicht mehr erwarten … 🙂

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