Der Troll im Wald

Am Anfang ist das Wasser. Es rauscht, es plätschert, als wolle es die ewige Geschichte vom Kreislauf des Lebens erzählen. Ich starte zügigen Schrittes. Doch wozu die Eile? Die Birken ringsherum, so schlank, so hochgewachsen. Ein behutsames, ja behütendes Blätterdach bilden sie über mir. Dazu der Vogelchor, vielstimmig. Ich bin berauscht vom Wald, dem flirrenden Licht, dem Duft der Erde.

Es dauert nicht lange, da sehe ich Trolle. Hauptsächlich in Form von Steinen. Doch auch lebendige Wesen sind hier und dort anzutreffen. Mit einem nahezu gehauchten, ernsten „Hej“ bis hin zum flotten, gutgelaunten „Hej hej“ reicht das Grußrepertoire unter Wanderern im Söderåsen Nationalpark. Und vermutlich auch sonst in schwedischen Wäldern.

Doch meist bin ich allein inmitten des Grüns. Und ich beginne, mich als Teil des Ganzen zu fühlen. Schon gestern war ich gleich nach der Ankunft in Allarp hier im Wald, doch gestern war alles anders, am offiziellen Nationalparktag. Ein Sonntag mit Familien, Pärchen, Freunden, Kuchen, Picknick, Grillduft. Das pralle Leben im Park.

Und sonntags am See

Zu allem Unglück auch mit einem Waldbrand, der vermutlich durch eine Unachtsamkeit entstanden ist. Doch die Feuerwehr war vor Ort und konnte den Brand nach einer Weile eindämmen. Gestern herrschte Trubel in diesem geschützten Bereich der Natur. Nun stellt sich die Frage: Wie steht es um die Erde und uns, dass wir die Restflecken der Natur eigens schützen müssen?

Die eingesperrte, kostbare Natur. Das Juwel im Tresor.

Irgendwann muss ich mich entscheiden und wähle den Weg bergauf. Kuckuckrufe begleiten mich. Die anderen, zahlreichen Stimmen kann ich nicht zuordnen, nur so ein Kuckuck fällt immer auf. Etwas huscht ins Gebüsch, das Laub raschelt. Eine Echse? Der Aufstieg zum Kopparhattan bringt mich ein bisschen aus der Puste, obwohl es nur auf 150 Meter hochgeht.

Hier, etwa 30 Kilometer hinter Helsingborg und über 60 Kilometer von Malmö entfernt, liegt der Park eingebettet in eine soft gewellte Landschaft, die entfernt an die italienische Toskana erinnert – vom Grad der Lieblichkeit. Satte grüne Farben, blau der Himmel, Schäfchenwolken wie gemalt, noch grün der junge Weizen. Ein Rest von Rapsgelb vor falunroten Häusern.

Im Pensionat

Inmitten dieser Schönheit wohnt Frida mit ihrem Mann, den Kindern, einer Katze, einem Irish Setter, zwei Ziegen und ein paar Hühnern. Vor sieben Jahren sind sie in das Haus mit der bewegten Geschichte gezogen. Ein Hauptgebäude mit zwei Flügeln, die heute den Gästen mit Zimmern, Apartments und einem Frühstücksraum zur Verfügung stehen.

Pensionat Söderåsen

„Diese Wände könnten Geschichten erzählen“, meint Frida beim Frühstück zu mir. Das Hauptgebäude stammt aus dem 19. Jahrhundert und wurde zunächst als Farm genutzt. Der Nordflügel kam 1905 hinzu, der Südflügel erst 1958. Die Nutzung wechselte: Straffällige Mädchen waren hier untergebracht, dann wurde es ein Ferienhaus für Mütter und auch mal ein Sommercamp für Kinder.

Der neuere Teil, in dem ich wohne, diente als Waschhaus. Seit 2010 bietet die Familie Svedrin im alten Pensionat Söderåsen ein Bed & Breakfast. Mitten in der Ruhe der Natur. Die beiden Ziegen sollten vor allem die Kinderherzen erfreuen, doch auch erwachsene Gäste unterhalten sich gerne mit ihnen. So auch ich. Kerstin und Majken sind einfach neugierig und freuen sich immer über Gesellschaft.

Hej, Kerstin und Majken!

Von Allarp aus bin ich am ersten Tag bequem zu Fuß zum Nationalpark gegangen. Abends habe ich noch ein kleine Tour mit dem Rad über die Wellen der Landschaft gemacht. Ente Emilia, die mich von Malmö über Lund und das Kaltbadehaus in Bjärred in die Park gebracht hat, darf sich eine Verschnaufpause gönnen.

Die sichtbare Erdkruste

Jeden Tag könnte ich eine andere Wanderroute im Nationalpark ausprobieren. Fridas Lieblingsroute zum Beispiel, die spektakulär an der Schlucht Skäralid hinaufführt und auch ein Stück über größere Steine führt. Wo, wenn nicht hier, lässt sich nachvollziehen, welche Kräfte vor 80 Millionen Jahre die Erdkruste bewegt haben.

See der Schwäne

Ein plätschernder Bach schlängelt sich durch die Schlucht. Das Wasser. Es sei das Beste, hat Frida gesagt. Zwar ist jeder ans öffentliche Netz angeschlossen, aber meist besitzen die Höfe und Häuser der Gegend auch ihren eigenen Brunnen. „Du musst das Wasser im Park probieren“, hat sie mir geraten.

Rund um den See Skärdammen führt ein Bohlenweg mit einem Wasserquiz. Und probieren kann man das Wasser dort auch. Die Flasche neu befüllen. Kühl ist es und gut gefiltert aus dem Berg kommend. Beim Wandern durch die Schlucht ist das Wasser stets präsent. Erst auf dem Kopparhattan vermisse ich sein stetes Fließen und Plätschern.

Auf dem Berg

Dort sind es der Wind und die Vögel, die den Soundtrack des Söderåsen Parks bestimmen. Das Rascheln des Laubs, das Knarren der Äste. Als würde die Natur in einem fort etwas erzählen. Die ewige Geschichte vom Leben.

Text und Fotos: Elke Weiler

Tack så mycket, Frida!

Mit Dank an Visit Sweden, Visit Skåne und TT-Line, die meinen Roadtrip durch Südschweden unterstützt haben. Sowie Familie Svedrin für ihre Herzlichkeit und Gastfreundschaft.

  1. Liebe Elke,

    durch Zufall und über Twitter habe ich den „Meerblog“ entdeckt und finde Deine Geschichten großartig. Dein Schreiben ist zum Reinfühlen, es gefällt mir, über Deine Erfahrungen zu lesen. Ich reise selber als Nomadin durch das Land und liebe das Meer sehr. Gerade war ich auch in dem wunderbaren Schweden auf dem Kullaledenweg wandern.

    Auf weitere schöne Entdeckungen, die ich verfolgen werde.
    Jeanne

    • Liebe Jeanne,

      danke dir! Das freut mich total. Ich schau jetzt auch unbedingt mal bei dir vorbei, denn der Kullaleden interessiert mich sehr!

      Liebe Grüße,

      Elke

  2. Flöchen

    Hey Elke, bin über Facebook zufällig auf den Meerblog gelandet. Ich finde deine Geschichten und Erfahrungen faszinierend. Habe es mir sehr gerne durchgelesen. LG aus dem alpendorf hotel

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