Was ist Slow Travel?

Den Koffer zu packen, das ist jedes Mal wie ein klitzekleiner Umzug. Sein Leben in ein rechteckiges, mehr oder weniger voluminöses Ding zu stecken, die Zelte abzubrechen und an anderer Stelle wieder aufzubauen. Ich mag den Moment des Loslassens nicht sonderlich, doch ich liebe den des Ankommens.

An einem anderen Ort zu sein, gleicht einem Neuanfang. Alles wirkt auf dich ein: die Menschen, die Landschaft, die Luft, die Musik, die Gerüche, das Essen. Wenn du das alles Einfluss nehmen lässt: Genau dann wäre der Moment des Ankommens und Neuanfangens erreicht. Und das ist im Kern, was ich unter Slow Travel, dem langsamen Reisen, verstehe. Den Geist eines anderen Ortes für sich zu entdecken, einzufangen, zu erleben.

Ein Teil davon zu werden, wenn auch nur für eine bestimmte Zeit. Es gibt einige Hilfsmittel auf dem Weg dorthin. Sich in ein Café zu setzen, Passanten zu beobachten und sich dem Leben zu überlassen, ist ein guter Anfang. In Kontakt zu den Einheimischen zu treten, noch besser. Etwas mit ihnen zusammen zu machen, sei es kochen, tanzen, spielen, wohnen, arbeiten – grandios.

Mit Fremden reden

Als Beispiel sei mein Roadtrip im Sommer durch Skandinavien genannt. Ist das überhaupt „slow“, wenn man fast jeden Tag irgendwo anders ist? Wie gesagt, die Zeit vor Ort spielt weniger eine Rolle als die Art, dort zu sein. Als ich mit Ente Emilia und Hund Julchen durch Dänemark, Südnorwegen und Westschweden fuhr, hat allein diese ungewöhnliche Kombination gereicht, um Kontakt aufzunehmen.

Es waren intensive Tage. Immer wieder kam ich allein durch den Hund oder das lustige Auto mit Fremden ins Gespräch. Die alte Acadiane zaubert vielen ein Lächeln ins Gesicht, nicht nur das. Leider funktionierte sie während des Roadtrips nicht einwandfrei, was mich immer um Hilfe bitten ließ. Allein dabei habe ich die interessante Erfahrungen gemacht.

Also das Langsame am Slow Travel ist im Grunde kein Zeitfaktor. Es geht um die eigene Offenheit, die die Intensität des Erlebnisses mitbestimmt. Auch die Art des Reisens spielt im Grunde keine Rolle. Im Taxi, Bus, Zug oder Flugzeug kann man interessante Menschen kennenlernen und gute Gespräche führen. Zu Fuß oder mit dem Rad an der frischen Luft sind wiederum die Sinne geschärft.

Eine sehr gute Kombination von beidem ist das Schiff. So fühle ich mich an einem Platz draußen auf einer Fähre in meinem Element, erlebe oft einen richtigen Flow, was Gedanken, Worte, Ideen angeht. Fast reicht es mir, ab und an vom nordfriesischen Festland auf eine Insel überzusetzen. Aber dann zieht es mich wieder an andere Orte.

Dem Rhythmus folgen

Slow Travel ist auch, an einem anderen Ort den Moment auszukosten. Neben dem Eintauchen in die Kultur geht um den Genuss. Einem Kamel beim Schmatzen zuzuschauen, mit den Fingern zu essen, barfuß im Sand zu laufen, Dünen hinunter zu rollen. Aus dem Zugfenster zu schauen: Irgendwo draußen macht eine Kuh einen Hüpfer auf der Wiese.

Wahrnehmen, verstehen, genießen. Den Horizont erweitern. Das klassische Beispiel wäre: Bei der Oliven- oder Weinernte mitzumachen. Oder einfach einen Sprachkurs im Land zu machen. Dem Rhythmus einer anderen Sprache zu folgen, das ist besser als ein Buch über einen Ort und seine Menschen lesen.

Slow Travel – ein neuer Begriff für etwas, das die Leute also schon lange tun? Neue Begriffe entstehen aus Bedürfnissen. Genau so, wie sich die Slow Food-Bewegung in Italien als Gegenstück zur Verbreitung von Fast Food-Ketten gegründet hat. Meine Sehnsucht nach Slow Travel begann schon, als ich mit meinen Eltern als Kind Pauschalurlaube gemacht habe.

Weltläufigkeit

Vom Hotel zum Strand und zurück, das war mir zu öde. Aber als Kind lernt man natürlich schnell andere gelangweilte Kinder kennen und tut sich zusammen. Kulturaustausch am Strand. Später dann reist man mit Freunden, lernt erste Brocken der Sprache durch die Strandlektüre und beim Flirten. Verliert sich in Plattenläden beim Stöbern nach lokalen Singer-Songwritern.

Neugierde bleibt essentiell für diese Art des Reisens. Gerade noch war ich in Portugal an der Algarve, und habe eine Restauratorin kennengelernt, die aus dem Kongo stammt, und in einem Dorf als Galeristin und Künstlerin arbeitet. Natürlich hat mich die Besichtigung der Maurenburg beeindruckt, doch am wichtigsten war mir die kurze Begegnung.

Langsames Reisen beschreibt die Suche nach neuen Horizonten, eine Suche, die gleich um die Ecke beginnen kann. Und die nie endet, wie bei den Seefahrern. Rüm Hart, klar Kiming, heißt es in Nordfriesland: weites Herz, klarer Horizont. Weltläufigkeit. Offene Sinne für das Erlebnis, den Geist des Ortes. Slow Travel gibt es, seitdem die Menschen reisen. Und seitdem die Welt schnell geworden ist, wächst das Bedürfnis nach der Langsamkeit.

Text und Foto: Elke Weiler

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  1. Eine tolle Zusammenfassung, was Slow Travel bedeutet, Elke. Sich einlassen auf eine fremde Kultur, das Intensiv Erleben und natürlich auch der Genuss sind unabdingbare Elemente, die das Langsam Reisen so spannend machen.

    • Danke, liebe Monika! Hast du eigentlich das Buch von Dan Kieran gelesen? Ich wollte das immer mal machen, bin aber noch nicht dazu gekommen… Liebe Grüße in den Süden!

  2. Sehr schöner Artikel! Offen sein, über den eigenen Tellerrand hinausschauen, eigene Denkmuster in Frage stellen – das ist auch für mich der Reiz am Reisen. Und wie du schreibst, eine Reise kann schon an der nächsten Ecke beginnen.

    Liebe Grüße von Andrea

  3. Liebe Elke,

    deine Definition von Slow Travel deckt sich so ziemlich 1:1 mit meiner 🙂
    Ich habe auf einem 6-monatigen Europa-Roadtrip 2014 sehr ähnliche Erfahrungen gemacht. Auch wenn ich viel unterwegs und an vielen Orten bin, kann ich mich auf Orte und Menschen intensiv einlassen. Diese wunderbare Erfahrung hat mich geprägt und ich zehre immer noch von den großartigen Erlebnissen.

    Vielen Dank für den schönen Artikel.

    Liebe Grüße
    Mischa

    • Lieben Dank, Mischa! Jetzt war ich neugierig und habe gesehen, dass du mit einem Bulli unterwegs warst. Wie genial ist das denn? Ich habe ja festgestellt, dass Roadtrips süchtig machen. Warum ist das wohl so? Liebe Grüße von der Nordsee!

  4. Langsamer ist mehr.

    LG
    Alejandro & Birgitta

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