Die perfekte Stellung

Weiße, frisch gekalkte Häuser und ringsherum Grün, Grün, Grün. Gleich den wie aus dem Ei gepellten Häusern gehorcht jede Pflanze einer unsichtbaren Ordnung.

Jede Zypresse, jeder Busch, jeder Oleanderstrauch hat seinen Platz in Bodrum. Das perfekte Städtchen – umrahmt von Meer, Hügeln und einer Hand voll Windmühlen.

Im Sommer gilt Bodrum an der ägäischen Küste als Hot Spot für Vergnügungssüchtige; im Winter herrscht gähnende Leere zwischen eingemotteten Diskos und Hotels. Doch zur Zeit tobt der Bär. Und Young-Ho Kim mittendrin. Was für ein Job: eine Woche lang Yoga am Meer unterrichten.

Kühe im Hintergrund
Kühe im Hintergrund

Im Hintergrund der „Arbeitsfläche“ grasen ein paar Kühe auf einem Hügel, unten glitzert das Meer wie ein Pailettentop in der Sonne. Vor ihm begierige Schüler, die jede Yoga-Weisheit in sich aufsaugen wie ein trockener Schwamm. Von dünn bis vollschlank alles dabei.

Erste Schweißtröpfchen rieseln auf den Boden. Und Young-Hos Lächeln lässt erahnen, dass dies nur der Anfang ist. Doch die Anstrengung muss sich lohnen, schaut man sich den Lehrer genauer an: Yoga scheint den perfekten Body zu formen.

Es ist wahr, im Schlaf verpasst man die schönsten Momente des Morgens. Aber ohne Frühstück, ohne Kaffee schon konzentriert den Worten eines Profis lauschen? Wir meditieren. Und brauchen dafür konkrete Anweisungen von Young-Ho: „Lasst eure Gedanken nicht entfliehen.“

Einfach mal an nichts denken.
Konzentriert an nichts denken.

Das ist etwas für Kontrollfreaks. „Lasst euch nicht ablenken.“ Von dem Meer, das in der Sonne glitzert? Da hockt nun ein Jeder im Schneidersitz, mit geschlossenen Augen, auf seinen Atem konzentriert.

Der verzweifelte Versuch an nichts zu denken. Nichts? Wie lang können drei Minuten im Nirvana sein… Die Morgensonne brennt auf unsere Köpfe, die sich jeder Meditation entziehen wollen. Ein Vogelschrei. Die Stimme des Winds. Das Plätschern der Wellen.

Die Gedanken gehören mir, warum flüchten sie ständig? Irgendwann sind auch die längsten drei Minuten vorbei. „Wer das jeden Tag so ein paar Minuten macht, tankt Kraft und Energie“, behauptet der weise 30-Jährige. „Das gibt mehr Schub als ein Espresso.“

Looking for nothing.
Looking for nothing.

Gutes Stichwort, finden wir. Über das Frühstück reden wir lieber nicht. Es ist wie der kulinarische Rest: die Sünde in Reinform. Das Schlaraffenland. Die frischen Brote, das Obst, der Kuchen …

Gut, dass wir ein Stündchen später zur Yoga gehen. Um an die knackigen Formen Young-Hos heran zu kommen, werden wir wohl ein bisschen üben müssen. Denn wer von uns hat schon als Balg damit angefangen, in Korea? Und buddhistische Lehren aus dem Mund einer strenggläubigen Oma inhaliert?

Hier und jetzt geht es um Zen Yoga: der erste Part dynamisch, der zweite statisch. Richtige Haltung und Atmung sind alles. „Ich lege viel Wert auf Korrekturen“, droht Young-Ho. Während wir in ungewohnten Stellungen verharren, läuft Monsieur von Matte zu Matte und begutachtet, drückt, schiebt, zieht.

Sie kann noch lächeln.
Sie kann noch lächeln.

Spätestens jetzt ist jedem von uns klar: Wir müssen tagtäglich unseren inneren Schweinehund überwinden. Wenigstens ein bisschen. „Wenn’s kribbelt, fließt die Energie“, weiß der Meister. „Gut, dass nichts eingeschlafen ist“, beruhigt sich der Laie.

„Während der Stunde hasst ihr mich, nachher liebt ihr mich“, hat Young-Ho im Laufe seines Trainerlebens angeblich gelernt. Ganz so extrem ist es nicht. Zunächst einmal lassen wir unsere Energie ins Nachtleben von Bodrum fließen.

Ein bisschen weniger wäre vielleicht mehr gewesen, jedenfalls sitzen sich am nächsten Morgen alle zur üblichen Unzeit mit klitzekleinen Augen gegenüber. Sprechen verboten, dummes Gegrinse ebenso, denn jetzt heißt es: volle Konzentration auf den Tee.

Und nach dem Tee?
Und nach dem Tee?

Young-Ho hat sich ein passendes Gewand übergestreift und ist mit Genmaicha beschäftigt: grüner Tee und Reis gemischt. „Eigentlich“, so erklärt er uns, „dauert so eine Zeremonie zwei Stunden.“ Aber er hat zum Glück schon einiges vorbereitet.

Nun kommt es darauf an, sich ganz dem Tee zu widmen. Langsam trinken. Fokussieren. In der Gegenwart sein. Nicht schlecht für Leute, die beim Frühstücken Zeitung lesen oder beim Abendessen fernsehen. Es stimmt, was der Maestro sagt: „Man kann immer nur eine Sache richtig.“ Von wegen multitaskfähiger Mensch!

Auch beim Qi Gong geht alles langsam und bedächtig. Man führt die Hand und beobachtet sie dabei. Ein Widerstand wie bei einem Magneten ist zu spüren, wenn wir die Hände in Zeitlupe aufeinander zu bewegen. „Das ist auch richtig so“, weiß Young-Ho.

The body.
The body.

Wir fühlen Energie. Auch wenn die Hände rot-weiß-fleckig werden, ist das wohl ein gutes Zeichen. Am Ende darf noch mal relaxt werden. „Wir hören auf den Körper.“

Young-Ho will die Kommunikation zwischen Körper und Geist verbessern. Wer jetzt die Hand über den Innenarm führt, von oben nach unten, tut sich selbst eine Energiemassage an. Nach Meditation und Konzentration kommt irgendwann der Muskelkater. Und der Schuldige ist? Eben. Young-Ho Kim.

Egal, wie man’s nennt: die tägliche Power Yoga*, Zen Gymnastik oder Body Art haben’s in sich. Rückengymnastik mit langsamen Bewegungen in drei Dimensionen ist sehr intensiv. „Danach fühlst du dich größer“, hat Young-Ho behauptet. Die Wahrheit ist: Danach fühlst du dich kaputter.

Relaxen muss auch sein.
Und ein bisschen Relaxen…

Powern, bis eine kleine Grenze überschritten ist, nicht direkt aufhören, wenn’s anstrengend wird. Das hilft nicht nur bei der Fettverbrennung. Yoga wirkt laut Kennern gegen Migräne, Regelschmerzen, Rückenschmerzen. „Aber man muss dafür bezahlen.“ Mit Fleiß, Schweiß und Disziplin.

Nach einer Woche fühlen wir uns tatsächlich besser. Yoga ist wie Sex. Anstrengend und entspannend zugleich. Man fühlt sich zwar schlapp, aber wohl. Tatsächlich spüre ich meinen Körper nun bewusster, ich gehe, ich bewege mich anders.

Vielleicht hat der Meister recht, wenn er sagt: „Alles ist ein Geben und Nehmen.“ Und angeblich ist er noch nicht so weit. Wie weit? Ich sage einfach mal: „Namaste“.

Text und Fotos: Elke Weiler

Aus der Reise „Archivgeschichten“: Im Juni 2005 flog ich nach Bodrum, und nach einer Woche war mir so wunderbar leicht zumute…

Mit Dank an Jahn Reisen, die diese Reise unterstützt haben.

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  1. Pingback: Bodrum und die Blaue Reise

  2. Hallo,
    habe eben mit grosser Faszination von deiner Reise gelesen….Welches Hotel ist das? Gibt es diese Reise noch? Gehöre eher der Fraktion der Rastlosen an, aber benötige dringend etwas Erdung 🙂 LG Heike

  3. Pingback: Ferien im Mökki | Finnland

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