Dänische Nordseeküste

Nostalgie und Roggenbrotkuchen

Ein Hafenort ist Tondern, beziehungsweise Tønder, schon lange nicht mehr. Die Stadt hinter der dänischen Grenze liegt jetzt ein paar Kilometer vom Meer entfernt an einem Fluss namens Vidå.

Wer heute einen Blick von oben auf das Gebiet wirft, sieht schon, dass durch Verdeichung und Landgewinnung die Küstenlinie ein Stück weit abgewandert ist.

Zwar hat Tønder seinen Hafen verloren, ist dafür aber wesentlich besser gegen Sturmfluten geschützt. Und darüber freuen sich nicht nur die knapp 7700 Einwohner, sondern auch zahlreiche Touristen, die es vor allem in die schöne Altstadt zieht.

An verkaufsoffenen Sonntagen, deutschen Feiertagen, Wochenenden oder zwischendurch. Wie eine Kleinstadt mit noch nicht mal 8000 Einwohnern wirkt Tønder daher nicht. Eher kosmopolitisch und mindestens zweisprachig.

Die Hauptstraße des Städtchens
Die Hauptstraße des Städtchens

Auf der Hauptstraße mit wechselnden Namen wie Vestergade, Storegade und Østergade reiht sich Geschäft an Galerie, Café an Restaurant, Möbelgeschäft an Bank. Wer hier arbeitet, spricht oft auch fließend Deutsch und nimmt sowohl dänische Kronen als auch Euro in Empfang.

Wir landen geradewegs am zentralen Marktplatz und lassen uns im Klostercafeen nieder, nach eigenen Angaben das älteste Haus der Stadt. Hübsch anzusehen, wie sich die weiße Fassade fast surreal gegen das intensive Blau des Himmels absetzt.

Um 1520 entstand das spätgotische Giebelhaus als Festhaus einer Kalandbruderschaft. Bei Hähnchensandwich und Fischfilet sind wir also mitten in der Geschichte des Ortes gelandet. In den alten Gemäuern, die später mal Patrizierhaus und mal Bäckerei gewesen sind, fühlen wir uns sofort wohl.

Lunch im Kloster Cafeen
Lunch im Kloster Caféen

Draußen, am Puls des städtischen Lebens, oder im nostalgischen Innern mit blau-weißer Fliesenwand und knarrenden Böden. Flankiert wird das Haus zur Linken von einem symbolträchtigen Baum: der Marktlinde. Schon seit 1700 wächst dort eine Linde, als Seele des Ortes bezeichnet. Im 20. Jahrhundert musste sie allerdings aufgrund einer kranken Wurzel durch eine neue ersetzt werden, die inzwischen eine beachtliche Höhe erreicht hat.

Da Tønder schon 1243 mit offiziellem Stadtrecht ausgestattet wurde, gilt es heute als eine der ältesten Handelsstädte Dänemarks. Zunächst profitierte man von Hafen, Rinder- und Pferdehandel, bis die Stadt im 17. Jahrhundert ihren wirtschaftlichen Schwerpunkt auf Klöppelspitzen verlegte.

In den Hochzeiten waren an die 12.000 Klöpplerinnen hier beschäftigt, und die Spitzenhändler konnten sich die vielen schönen Patrizierhäuser leisten, die heute noch den Stadtkern prägen.

Das schmucke Haus des Deichgrafen
Das schmucke Haus des Deichgrafen

Etwa das sogenannte Haus des Deichgrafen an der Vestergade – 1777 errichtet. Mit seinen Rokoko-Anklängen erinnert das aufwendige Portal an die durchbrochenen Formen von Spitze.

Heute bummeln die Touristen meist zum Shoppen durch die Stadt. Bestes Beispiel dafür ist die „Gamle Apotek“ von 1670. Auf mehreren Stockwerken breiten sich in der alten Apotheke Einrichtungsdinge sowie Weihnachtsdeko aus, zwischen Stuck und alten Türen füllen Gläser, Kerzen wie Metallschilder unzählige Regale und Wände.

Wir ziehen weiter die Vestergade entlang, wo es zur Linken intensiv nach Kaffee duftet. Nostalgie pur im Laden des gelben Backsteingebäudes unter imposantem Giebel. Der Kaffee wird noch in alten Mühlen gemahlen, es gibt diverse Schokoladen, Möhrenkuchen sowie eine Besonderheit der Gegend: Sønderjysk Rugbrødslagkage.

They call it Roggenbrotkuchen!
They call it Roggenbrotkuchen beziehungsweise Rugbrødslagkage.

Das sieht kompliziert aus, hört sich ausgesprochen ganz anders an und schmeckt dabei sehr gut. Eine Art Roggenbrotkuchen mit Johannisbeermarmelade und Sahne geschichtet. In dänischen Häusern wird er in Tortengröße hergestellt, während er im Café portionsweise frisch zubereitet wird, erklärt die freundliche Bedienung auf Deutsch.

Überhaupt macht es doch viel mehr Spaß, diesen Eigenarten der Region auf der Spur zu sein, als das einzukaufen, was es meist in jeder mittelgroßen Stadt zu haben gibt. Jenseits aller Kaufhäuser und großen Ketten in den feinen kleinen Läden zu stöbern.

Oder einfach mal beim hiesigen Bäcker eine andere Brotsorte auszuprobieren. So beschließen wir unseren Ausflug über die dänische Grenze mit Shopping bei „Bager Lukas“: italienisches Brot, Schokoladenschnittchen und Haferkekse. Farvel!

Text und Fotos: Elke Weiler

Noch ein Tipp: Wen es im Frühjahr oder Herbst einmal nach Tønder zieht, der sollte sich unbedingt das Spektakel „Sort Sol“ anschauen, wenn Tausende von Staren eine Art Ballett am Himmel fliegen.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Leni sagt:

    Sieht sehr idyllisch aus und lädt zum Verweilen ein. Allein durch die Bilder habe ich angefangen zu träumen und mich leicht in den Urlaub versetzt gefühlt. Danke für diesen schönen Bericht.

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