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Futjes im Kuhstall

Wer als Ortsunkundiger auf der Halbinsel Eiderstedt spazierenfährt, muss hin und wieder schmunzeln. Vielleicht wegen der Lämmer, die im Frühling lustig herum hopsen. Eher aber aus einem anderen Grund: Es sind die Ortsschilder. Für den heutigen Sprachgebrauch muten Namen wie Kotzenbüll oder Poppenbüll eben ungewöhnlich an.

Aber auf Eiderstedt kann man das alles erklären. Wirklich! Fangen wir mal von hinten an. Das „büll“ ist dem Dänischen „bøl“ entlehnt und weist auf eine Wohnstätte hin. Und weil in Poppenbüll einst die Sippe des Poppo lebte, ein im Mittelalter wohl geläufiger Name, nennt man den Ort heute noch so.

Poppenbüll, das ist eine der ältesten Marschsiedlungen auf der ehemaligen Insel Everschop und heutzutage tiefstes Eiderstedt. Nicht jeder Besucher findet den kleinen, feinen Ort zwischen Osterhever und Garding.

Vielleicht auf dem Weg zum Westerhever Leuchtturm?! Poppenbüll hat eine jener hübschen alten Eiderstedter Kirchen vorzuweisen, die auf einer Warft thronen, ein paar Haubarge und einen sogenannten Tauteich – ebenfalls auf einer Warft. Eine weitere Eiderstedter Spezialität, dieser mit Schilf und Lehm ausgelegte Teich. Im Sommer kann er Tauwasser speichern, damit das Vieh früher nicht unter Durst leiden musste.

Ansonsten gilt rund um Poppenbüll: gute Nordseeluft und chillige Atmosphäre mit viel Muh und Mäh. Das Dorf darf sich mit dem Prädikat „Erholungsort“ schmücken. Noch nicht einmal 200 Einwohner leben ständig in der landwirtschaftlich geprägten Gemeinde. An die Stelle des traditionellen Kirchspielskrugs ist heute das Restaurant „De Kohstall“ getreten, das Kaffeetanten, -onkel und Hungrige rundum versorgt.

Auch der Name „Kohstall“ kommt nicht von ungefähr. Familie Bohns, die in der fünften Generation den Seerosenhof bewohnt und bewirtschaftet, hielt eben vorher Kühe im Stall. Doch Ende der 90er Jahre befand man, dass sich die Sache nicht mehr rentierte und setzte wie viele Halbinsulaner auf den Tourismus.

Nur wenige Relikte deuten auf die frühere Nutzung hin. Eine Melkmaschine etwa. Und wer mehr wissen will, kann gerne alte Fotoalben wälzen, die am Tresen ausliegen. Rechts oberhalb der Kuchentheke, die allerdings mit hausgemachter Rote-Grütze-Schmandtorte und ähnlichen Schweinereien erst mal die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Womit wir beim unvermeidlichen, kulinarischen Aspekt der Geschichte angekommen wären.

Die Gastgeber setzen schwerpunktmäßig auf heimische Kost und Zubereitung, darum wird etwa die rote Grütze in der Eiderstedter Variante mit Zwieback und Milch serviert. Und zuvor frisch gekocht. Ab April heißt es wieder: Donnerstags ist Futjes-Tag! Aber schon jetzt kann man die fettgebackenen Bällchen aus Brandteig mit Rosinen im Doppelpack an Vanilleeis kosten. Zum Kaffee. Auch sonntags.

Wer‘s lieber herzhaft mag, sollte sich vielleicht die Lammbratwürstchen oder –frikadellen zu Gemüte führen. Egal ob Schaf-, Rind- oder Schweinefleisch – alles stammt aus der Gegend, die Quellen sind jeweils aufgelistet.

Experimentierfreudige probieren Mehlbüddel, eine Art Serviettenkloß, mit Kassler. Klingt erst mal nicht überraschend – wenn da nicht die fruchtige Obstsoße wäre! Auch eine Möglichkeit, Herzhaftes und Süßes zu kombinieren. Es muss ja nicht immer feinsäuberlich in Gängen voneinander getrennt sein.

Besonders schön ist es, bei sonnigem Wetter draußen am Seerosenteich zu speisen, der dem Hof seinen Namen gegeben hat. Ab Ende Mai blühen sie wieder und zwar bis in den September hinein. Dafür ist Familie Bohns dem Großvater dankbar, der im übrigen auch den Bauerngarten angelegt hat.

Und wem der Ortsname ein Lächeln entlockt hat, der wird es aus Zufriedenheit jetzt weitertragen. Mit Futjes in der Frühlingssonne.

Text und Fotos: Elke Weiler

CategoriesEiderstedt
Elke

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

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