Ein Gefühl von Freiheit

Mein Schatten wächst im Licht der Laterne, bis ihn die Dunkelheit schluckt. Über mir das Universum. Eine Sternschnuppe, mindestens eine in diesem Meer aus blinkenden Himmelskörpern. Vielleicht ändert sich dein Leben auf der Île d’Ouessant.

Aus alten Steinmauern wuchern Farne und Efeu. Hinter Lampaul nichts mehr, das die Stille der Insel zerreißt. Am Straßenrand geparkte Autos, verlassene Häuser, Häkelgardinen vor den anderen, den bewohnten. Keine Musik, keine surrenden eBikes mehr. Nur die Stille der Nacht und ein einzelner Mensch hinter einem beleuchteten Fenster.

Glitzerndes Gras am Boden, das vom Tag erzählt, der grau und verregnet war.

„Morgen wird es schön“, hat Françoise Dunand-Sauthier vom Ty Korn am Ende eines genialen Dinners versprochen. Mit ihrem Mann Serge lebt die ehemalige Krankenschwester seit den 90er Jahren auf Ouessant. Und das Ty Korn hat es mit dem Koch Pierre Schreiber in den Michelin geschafft. Die Fischsuppe! Oder auf Französisch: soupe de poisson de Roscoff. Im Hauptgang gab es Lachs, beziehungsweise dos de saumon. Und als Nachspeise sablé breton à la pistache. Das kleine Restaurant steckt in einem Eckhaus in Lampaul und strahlt in seiner Einfachheit eine wohlige Atmosphäre aus.

Nun muss ich nur noch den Weg nach Hause finden, beziehungsweise in mein Bed & Breakfast namens Ti Jan Ar C’Hafe. Das Haus muss ich wiedererkennen, im Schein der Laternen. Ich habe es nur einmal kurz bei Tageslicht gesehen. Voilà, dort ist es! Und wenn nicht? Dann geht bestimmt eine Alarmanlage los und weckt die gesamte Île d’Ouessant. Oder jemand wird sich aus einem Fenster lehnen und vorwurfsvoll schauen, bevor ein Redeschwall auf mich einprasselt wie kräftiger Herbstregen.

Das grüne Zimmer

Nichts dergleichen passiert, als ich ums Haus schleiche und durch den hinteren Eingang den Frühstücksraum betrete. Mein Zimmer im ersten Stock empfängt mich mit bunten Farben und einem weichen Licht. Das Grün dominiert, es muss der grüne Raum sein. Alles mit Liebe und Geschmack eingerichtet, so dass man sich gleich wie zu Hause fühlt. Und ich weiß schon jetzt, dass ich gerne länger als zwei Tage bleiben würde.

My room

Die Nacht wird wunderbar ruhig und erholsam, das Frühstück am nächsten Tag eine Wucht. Leicht warmes, frisch gebackenes Brot, wenn auch nicht von der Besitzerin Odile Thomas selbst. Dafür hat sie quasi ihren Privat-Bäcker. Außerdem gibt es eigene Marmeladen, sehr guten Kaffee, Obst und Yoghurt. Odile empfiehlt mir den Fahrradverleih ihres Sohnes „La Bicyclette“ , bei dem ihre Gäste einen Rabatt bekommen.

Den hatte ich eh im Visier, also den Sohn. Und so gehe ich den selben Weg wie gestern Abend in der Dunkelheit, der mir plötzlich viel kürzer vorkommt und suche nach dem Radverleih im Zentrum von Lampaul. Nahe der Kirche werde ich fündig. Ein bisschen widerstrebt es mir ja, eBike zu fahren, doch dann sage ich Ja.

Das einfache Leben

Es dauert schon, bis ich mich an diese Extraportion Schwung gewöhnt habe. Zum Glück funktionieren die Bremsen sehr gut. Erst als ich aus Lampaul hinausfahre und mich auf freier Strecke bewege, traue ich mich, alle drei Stufen auszuprobieren. Es ist wunderbar. Um mich herum die ebenso schöne wie herbe Landschaft von Ouessant, vereinzelte Häuser aus Stein, eine Ziege, die auf einer der Steinmauern steht und mich frech ansieht. Doch ich bin zu sehr im Fluss, um anzuhalten und sie zu fotografieren.

Da ist plötzlich diese unbändige Lust, einfach nur durch den Wind zu fliegen. Ein Gefühl von Freiheit.

Eine Mischung aus Mofa und Fahrrad, dieses eBike. Zwar muss man treten, doch wiegt jeder Tritt doppelt bis dreifach. Gerade bei Steigungen eine echte Erleichterung. Natürlich muss man sein eBike im Griff haben, vor allem im Stadtverkehr. Aber hier, auf dieser Insel, an diesem sonnigen Tag, unter diesem weiten Himmel, da will ich nur noch sausen, immer schneller.

Leuchttürme, wohin das Auge blickt.

Etwas zieht mich nach Westen. Irgendwann wird die Straße zu einem sandigen, steinigen Weg, ich steige ab und stelle das rote Vélo mit dem noch immer vollen Akku unterm Gepäckträger beiseite. Die Pointe de Pern kann ich am besten zu Fuß erreichen. Das Gras, nie habe ich so feines, dichtes Gras gesehen, fühlt sich wie eine dicke Matratze an, die jeden Schritt abfedert.

Rundherum die Felsen, die zu mir reden, aus wilden Zeiten.

Eine Ruine in der Mitte. Hat hier jemand gewohnt? Oder war das eine Kirche? Das ewige Meer, das die Felsen umspült und umarmt, aufbrausend, selbst an diesem ruhigen Tag. Und überall Leuchttürme. Es ist ein Ort der Energie, der Kraft, ewig könnte ich hier bleiben und auf die Wellen schauen.

Die schöne Ruine

Mich fragen, wie es war, dort auf diesem Leuchtturm zu leben, wenn auch nur zeitweise. Später treffe ich Ondine in Lampaul, eine Inselbewohnerin, mit Leib und Seele hier verhaftet. Wir kehren zurück an meinen Lieblingsort, der auch ihrer ist. Die Pointe de Pern, die westlichste Stelle der Insel. „Hier fühlt man sich lebendig“, sagt Ondine. „Mit dem Meeresrauschen, der Natur, die wir respektieren, die wie ein Gott für uns ist.“

Für das Leben hier muss man gemacht sein.

Ondine wirkt ebenso einfühlsam wie ausgeglichen. „Unsere Art zu leben hängt von den Elementen ab“, macht sie mir klar, und auch das kommt mir bekannt vor, seit ich in Nordfriesland lebe. Wenn sie allein sein wolle, komme sie am liebsten hierher. Ein Ort, um mit sich ins Reine zu kommen. Sich klein und unbedeutend in der Natur zu fühlen.

Ondine

Um auf der Île d’Ouessant zu leben, muss man sowohl für das Klima als auch für das Inselleben gemacht sein. „Wir sind hier alle ein bisschen philosophisch“, meint Ondine, die auch Fischerin ist. Ihr Boot trägt den Namen „Finis terrae“, das Ende der Welt.

Ich frage sie nach der Ruine, die mich so fasziniert. Die Mauern hätten mal eine Nebelhornanlage beherbergt, meint Ondine. Ein lautes Horn unterstützte den Leuchtturm an undurchsichtigen Tagen. Und die gäbe es im Winter nicht selten. In der aufgewühlten und felsigen Mer d’Iroise zwischen Atlantik und Ärmelkanal sind schon einige Seeleute gescheitert. Daher nimmt es nicht wunder, dass die Leuchtturmdichte hier so hoch ist.

Nie hat ein Mensch den Nividic bewohnt.

Vor uns ragt der Phare de Nividic wie ein Fanal aus dem Wasser, der westlichste Punkt Frankreichs in Europa. Er leuchtet nimmermüde im Automatikbetrieb, die Seilbahnvorrichtung hat nie einen Wärter zum Turm getragen. Einsam erheben sich die Pylonen der Bahn in die Höhe, als wären sie Skulpturen, schroffe Kunst inmitten der rauen Natur.

Der wohl bekannteste bretonische Leuchtturm

Ganz anders sieht es mit dem Phare de la Jument aus, der Leuchtturm im Meer zu unserer Linken. Dort hatte es dem Wärter einst den Kaffee verschüttet, wenn die Riesenwellen wie Kanonenschläge gegen das zitternde Gebäude donnerten. Nur zwei Wochen am Stück sollte ein Wärter im Turm bleiben, doch bei schlechtem Wetter konnte auch schon mal ein Monat daraus werden. Wenn die See mal wieder zu bewegt war, um sich von hier fortzubewegen.

„Manchmal teilt das Meer Dinge mit uns und ändert unser Leben.“

Einmal erreichte ein Geisterschiff die Insel, beladen mit Rum aus der Karibik. Drei Tage feierten die Einwohner von Ouessant. Ein anderes Mal hatte die See Orangen angespült – ausgerechnet kurz vor Weihnachten. Gelbe Plastikenten, Schuhe, Shirts, Holz, Ölfässer. Doch was die Einwohner neben dem Fisch immer schon aus der Iroise-Passage gewonnen haben, sind Algen, das grüne, rote, braune Gold der Bretagne. Algen en masse.

Die Wanderer

In der durch Erosion entstandenen Ebene aus weißen Steinen, hier vor dem Nividic, trockneten sie einst die Algen, die sie zum Heizen nutzten oder im Winter auf ihre von niedrigen Mauern umsäumten Felder legten. „Ein natürliches Antibiotikum“, sagt Ondine. Heute finden Algen immer häufiger den Weg in die Küche, landen in der Naturkosmetik, Medizin und sogar im Straßenbau.

Das Leben hat sich verändert auf der Île d’Ouessant, doch die Landschaft sei noch wie im Neolithikum, so Ondine. Und die Point de Pern vermittelt ein Gefühl von Einsamkeit und Wildheit, von einer wunderbaren Zeitlosigkeit, von einer Energie, die von den Wellen herangetragen wird. Ich könnte ewig dort bleiben. Allein mit dem Meer. Da ist es wieder, jenes Gefühl von Freiheit.

Ondines Boot

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Tourisme Bretagne, die zu dieser individuellen Recherchereise eingeladen haben. Und natürlich an Ondine und all die Anderen, die mir einen kurzen Einblick ins Inselleben gewährt haben. Mehr Bretagne? Hier geht es zur ruhigen Nachbarinsel Molène!

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  1. ingrid.weiler42@gmail.com

    Einmal Urlaub machen in so einem alten Gemäuer in der Bretagne

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