Mandarinen & Mandeln

Meine erste Nachtfahrt mit einem Zug seit drei Ewigkeiten beginnt damit, dass etwas verschlossen ist. Mein Waggon. Verdunkelt und mit verklebten Türen. Da stehe ich also vor dem City Night Line in Hamburg und will nach Zürich.

„Ein Problem mit der Elektronik“, erklärt der Zugbegleiter einem Paar, das nachfragt. Die Frau will trotzdem. „Aber ich kann Sie da nicht hineinlassen.“ Die Frau probt den Aufstand: „Wir haben bezahlt.“

Die Schlafwagengäste des ausgefallenen Waggons landen im Liegewagen. Aus meinem ersten Mal im Schlafwagen wird also wieder nichts. Zunächst werde ich in einem noch leeren Abteil zwischengeparkt, bis der emsig organisierende Bahnangestellte „eine Lösung gefunden hat“.

Ich lande in einem Sechserabteil, das allerdings nur zur Hälfte besetzt ist. Ein reines Frauenabteil. „Das ist gut für Sie“, meint der fürsorgliche Zugbegleiter. Eine Frau steht auf den schmalen Sprossen der Leiter und versucht verzweifelt ihr Bett ganz oben zu machen.

Ein Platz im Liegewagen, Sechserabteil.

Obwohl sie eigentlich lieber sitzen möchte. Doch den Tisch kann man nur installieren, wenn die Leiter weg ist. „Gibt es noch eine andere Möglichkeit, irgendwo zu sitzen?“, will sie wissen. „Gute Frage.“ Im Bett, vermute ich. Doch da oben reicht vermutlich die Höhe nicht aus.

Sie ist sehr nett und spricht mit Akzent. Gemeinsam wundern wir uns, dass uns alle fünf Minuten Wasser angeboten wird. For free. Eines zum Zähneputzen, eines als Entschuldigung für den fehlenden Waggon, ein weiteres einfach so. Ich werde den Wasserservice auf dem Rückweg bestimmt vermissen, obwohl sich inzwischen schon eine ganze Batterie von Flaschen angesammelt hat. Ein Vorrat für Wochen.

Wir reden über Dänemark, das mein Lieblings- und ihr Heimatland ist. Sie gibt mir einen guten Tipp, wo ich im Internet eine Art Kinderseite zum Dänischlernen finde. Sie sitzt mir gegenüber zwischen Kissen, Decken, Wasserflaschen und erzählt von ihrer Tochter, die in Zürich studiert.

Am Hauptbahnhof von Hamburg.

Die Füße legt meine Nachbarin neben mir ab, während ich in die Tasten haue. Wenn das nicht „hyggelig“ ist! Der Platz im Liegewagen ist auch zu zweit eingeschränkt, wenn die Liegeplätze bereits eingerichtet sind.

Erinnerungen kommen hoch, ich erzähle der Dänin alles. Ich war Studentin, Kunstgeschichte und Italienisch, und ständig unterwegs. Nach Italien. Immer mit dem Liegewagen. Immer im vollen, gemischten Sechserabteil. Viele Süditaliener, die in Deutschland lebten, fuhren diese Strecke.

Auf dem Rückweg holten sie die besten Orangen und Mandarinen aus dem Gepäck und boten mir etwas an: den Geschmack Siziliens. Während der Nachtruhe spürte man die Hitze, die Ausdünstungen der Mitfahrer. Man war dem Geräuschpegel ausgesetzt, lauschte dem Rappeln des Zugs auf den Gleisen, dem Zischen bei Tunnelfahrten.

Erinnerungen an Orangen im Zug.

Das Geld unterm Kopfkissen deponiert, die Türe nachts verschlossen – wegen der Diebstahlgefahr im Nachtzug. Lautstarke Passkontrollen mitten in der Nacht. Obwohl wir unsere Pässe immer vorher abgeben mussten, hörte ich die Grenzen meist.

Es war diese Art von leichtem Schlaf, unruhig, voller Gedanken, unterbrochen. Früh am Morgen fühlte ich mich wieder fit, wenn ich das erste Mal den Kopf zum Fenster herausstrecken konnte.

Der Duft von Gras und Kräutern in der Nähe von Como. Endlich Italien.

Und morgens mit Panoramablick im Schlafwagenabteil.

Ich liebe diese Art langsamen Reisens, verdrängt von Schnelligkeit und Billigflügen. Doch nun ist der Wochenendtrip, der sogenannte Citybreak, angesagt. Drei Tage Zürich. Und trotzdem reise ich langsam. Zeitweise sehr langsam.

Wir haben das Licht im Abteil ausgemacht, sind nun zu dritt. Doch wir scheinen den Hannoveraner Bahnhof einfach nicht zu verlassen. Erst als das gleichmäßige Ruckeln und Schuckeln losgeht, werde ich müde. Ich schlafe mit Unterbrechungen, wie früher.

Die Helligkeit der Bahnhöfe, die Stopps. Aber es ist nie zu warm oder zu kalt, die Luft trocken, aber nie muffelig. Fast vermisse ich die Fahrt durch sämtliche Tunnel der Alpen. Als wir morgens kurz vor Freiburg sind, haben wir Verspätung. „We are so sorry for the delay!“ Meiner Nachbarin gefällt das „so sorry“.

Es folgen stundenlange Durchsagen über Anschlüsse in zwei Sprachen. Die Dänin und ich, wir sind inzwischen ein eingespieltes Liegewagen-Team und lachen viel. Vermutlich werde ich sie und ihre selbst gesalzenen Mandeln auf der Rückfahrt schwer vermissen.

Allein im Schlafwagenabteil.

Wenn ich allein in meinem Single-Abteil friste… Am Sonntag bin ich dann schon früh am Bahnhof in Zürich, und der Zug auch. Das ist gut so, denn dieses Mal finde ich meine Platznummer nicht. Die Nummerierung hört kurz vorher auf, es sind nur noch höhere Zahlen sichtbar.

Wer hat mein Abteil geklaut? Ok, der Zugbegleiter klärt mich auf, nachdem ich einem Paar mit dem gleichen Problem helfen konnte. Alles da. Kriege ich den Koffer hinein? Jedes Fitzelchen Platz ist eingeteilt und mit einer Funktion belegt.

Gut, dass ich allein bin, denn bei einer Doppelnutzung hätte keiner sitzen können. Mein Nachbar vom Doppel mit Einzelnutzung gegenüber neben lässt die Tür auf, um seine Beine auszustrecken. Er möchte ein Bier vom Schaffner, doch der kämpft noch mit der Technik.

Ich mache Yoga-Übungen.

Yoga ist immer gut.

Der Schaffner kontrolliert die Tickets und gibt letzte Sicherheitshinweise. Scheinbar ist es notwendig, alles doppelt zu verriegeln. Wie früher im Nachtzug. Ich freue mich schon auf den Morgen, wenn es hell ist, und ich den Ausblick aus meinem Bett genießen werde. Mit einem Kaffee.

Und vielleicht gehe ich noch einmal durch den Zug, um meine dänische Bekannte von der Hinfahrt zu suchen. Es lebe der Liegewagen. Sizilianische Orangen und gesalzene Mandeln. Nur schlafen ist schöner.

Text und Fotos: Elke Weiler

Danke an die Deutsche Bahn für die Unterstützung dieser Reise.

  1. Toller Bericht!!! Ich wollte auch schon immer mal mit dem Schlafwagen fahren. Schon als Kind fand ich die Vorstellung wahnsinnig aufregend! Leider hatte ich aber noch nie die Gelegenheit dazu aber irgendwann mache ich das auf jeden Fall noch!!!

  2. Danke Elke, dass Du mich mit Deinem Bericht an die endlosen Zugfahrten in den Süden Italiens erinnert hast. Heute fliegt man natürlich – was in der Regel auch billiger ist. Aber es war damals eine tolle Zeit, als man noch bepackt mit Olivenöl, Obst, Salami und vielem mehr in den Zug stieg. Lebensgeschichten wurden erzählt. Es war „Reisen“ und kein einfacher Ortswechsel.

    Heute habe ich dieses Gefühl noch, wenn ich mit der Fähre zwischen Italien und Griechenland oder innerhalb Hellas unterwegs bin. Aber die Kabinen sind in der Regel doch etwas größer als ein Liegewagen der Bahn 😉

    • Gerne! 😉 Ja, das waren lustige Zeiten, nicht wahr? Schade, dass wir uns damals nicht mal getroffen haben! Dann hättest du mir ein Stück Salami anbieten können. 🙂 Du hast recht, was Schifffahrten angeht, die sind auch herrlich langsam. Ich muss das mal über Nacht ausprobieren…

      • Ich war immer so bepackt, dass man meinen Koffer gar nicht klauen konnte. Beim Umsteigen war ich auf Fremdhilfe angewiesen … die mir auch regelmäßig angeboten wurde 😉 Meine erste Fahrt ging von Frankfurt über München – Bologna nach Lecce. Bologna – Bari auf dem Koffer im Gang sitzend, da der Zug kurz vor Weihnachten heillos überfüllt war.

        Auf Fähren wird zum Wecken auch lustig gegen die Kabinentüren geklopft … die italienische oder griechische Besatzung geht ab und an recht rabiat vor, um die Leute schnell vom Schiff zu bekommen 🙂

        • Ja, stimmt! Ich hatte damals auch so einen stabilen Koffer, auf den man sich bequem setzen konnte. 😉 Nicht so was praktisches Leichtes mit Rollen und Schnickschnack. Aber hilfsbereit sind die Leute schon noch! 😉 Ich frage mich nur heute, wie damals der ganze Kram ins Abteil gepasst hat. Aber ich glaube, da stand auch so einiges in den Fluren, oder? Kein Platz für Kaffeeservice am Morgen. 😉 Gibt’s denn so was auf der Fähre? Ich kenne nur die gesitteten Fahrten in Skandinavien. Mit Latte Macchiato im frisch designten Café. 😉 Und in zwanzig Minuten bist du schon am Ziel. Das lohnt sich nur bei mehrmaligem Hin-und Herfahren. 😉

  3. Liebe Elke, ich musste schallend lachen, wieder mal ein großartiger Bericht! Und ich fühle mich in meiner „Liebe zum Zugfahren“ mal wieder bestätigt. Am besten ist der Satz „das ist gut für Sie“ 🙂 Allerdings wollte ich tatsächlich auch schon mal mit dem Schlafwagen fahren. Soll ich? Ich überlege noch ein bisschen 🙂 LG Martina

    • Danke, du Liebe! Und ja, versuch‘ mal dein Glück! Man schläft schon besser im (Single-)Schlafwagen, aber es fehlt eben das Socializing… 😉 Irgendwo habe ich sogar Duschen gesehen, vermutlich erste Klasse… Der Wasserdruck war übrigens im Schlafwagen besser. Meine Mitfahrerin im Liegewagen hat sich lustig gemacht, weil ich meinte, man steht vor dem Becken und wartet drei Stunden auf das Wasser. 😉

  4. Liebe Elke,

    ich musste sehr über Deinen Bericht lachen … ich bin noch niemals im Schlafwagen oder im Liegewagen mit der Bahn gefahren … um die Wahrheit zu sagen: ich fahre überhaupt nicht gerne mit dem Zug … ;-)) … bist Du schon mal mit Deinen Vierbeinern gefahren?? Ich hätte es jetzt fast einmal ausprobiert. Ist aber daran gescheitert, dass Hunde (zumindest in der Größe von Dayo und Suri) den halben Preis zahlen müssen, dafür aber keinen Sitzplatz bekommen … 😉 … und auch noch einen Maulkorb tragen sollen. Man Tickets für Hunde nicht online buchen kann und mir am Schalter im Bahnhof gesagt wurde, dass meine Hunde aber am besten unter dem Vordersitzt liegen sollten … hmmm …
    Liebe Grüße
    Martina

    • Hallo liebe Martina,

      danke dir! Genau aus diesen Gründen nehme ich auch keinen (größeren) Hund mit auf eine längere Bahnfahrt. Wie machst du es, wenn du weiter weg fährst? Alles mit dem Auto?

      Liebe Grüße, Elke

  5. Ach herrje, liebe Elke, jetzt habe ich Deine Antwort bis gerade eben gar nicht gesehen … in der Tat: Mit den Hunden wird bisher im Auto verreist … wir nehmen uns dann viel Zeit und machen so alle 2,5 bis 3 Stunden ein kleine Pinkel- und Trinkpause … da dauert die Anreise halt etwas länger und hinsichtlich „Hunde- und Menschengepäck“ muss ich ein bisschen gut packen können … aber unter den genannten Umständen kommt Zug gar nicht in Frage. Wohnmobil wäre noch eine Alternative …

    Viele Grüße
    Martina

  6. Vielen Dank für den schönen Reisebericht.

    Ich persönlich bin bis dato nur einmal über Nacht mit dem Zug gereist in Südafrika. Und bei dem Rumgeschuckel war leider an Schlaf überhaupt nicht zu denken.

    Aber die Aussicht über den Tag war echt Entschädigung genug.

    Absperren des Abteils ist wohl international notwendig! 😉

    Lieben Gruß
    Matthias

    • Danke, Matthias! In einem abwechslungsreichen Land wie Südafrika muss es wunderbar sein, mit dem Zug zu fahren. Oder etwa die Strecke Istanbul – Teheran, das muss ein Traum sein! LG, Elke

  7. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Bericht über die „aktuelle“ Nachtzugfahrt oder die Erinnerungen an Deine Italienfahrten spannender finde. Ich mag es auch sehr gerne, wenn sich Landschaft, Gerüchte und Menschen langsam verändern. Man auf Schienen in eine andere Welt eintaucht. Spannend! Danke für Deine Einblicke. 🙂

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