Wein, Brot und Käse

Eine Insel ist eine Insel, wenn der einzige Weg zu ihr übers Wasser führt. So ist es mit Gozo, so mag ich es am liebsten. Kein Flughafen, keine Brücke, kein Tunnel. Einfach das Schiff nehmen und zuschauen, wie sich die Wellen am Rumpf brechen, wie das Sonnenlicht auf dem Meer tanzt.

Natürlich sitze ich draußen, der maltesische Herbst fühlt sich wie Sommer an. Ein kleiner Hund schnüffelt an meinen Zehen, und das kitzelt. Sein Frauchen entschuldigt sich für die Indiskretion und outet ihren Hund als Fußfetischisten. Ich muss lachen.

Es dauert nicht lange, 20 Minuten, beziehungsweise sechs Kilometer trennen Malta und Gozo voneinander. Aber fast habe ich den Eindruck, es sind zwei Welten. Als tickten die Uhren auf der kleineren Insel langsamer, als hätten die Gozitani mehr Grund zum Strahlen. Gozo ist grüner, ländlicher, hügeliger.

Mit der Fähre nach Gozo
Mit der Fähre nach Gozo

Narcy Calamatta begleitet mich während der Tage, ein ehemaliger Schauspieler und Filmemacher. Der 76-Jährige ist fit wie ein Turnschuh und bekannt wie ein bunter Hund. Doch dazu mehr im nächsten Artikel. Gleich zu Beginn, am Calypso Cave, erzählt Narcy mir die ganze Story über Odysseus und die Nymphe Calypso.

Die Grotte existiert kaum mehr, doch die Aussicht von hier oben ist nicht zu verachten. So blicke ich auf die Bucht Ramla-I-Hamra und freue mich auf später. Falls ich am Nachmittag noch Zeit habe, meine Zehen in den roten Sand zu stecken und die Wassertemperatur im Oktober zu recherchieren…

Eigentlich baden die Malteser jetzt nicht mehr, Narcy jedenfalls nicht. Ich versuche ihn immer wieder weg von den Legenden und der Geschichte hin zum Hier und Jetzt zu lotsen. Da kommt mir Vincenza gerade recht. In ihrem kleinen Shop „Calypso’s Boutique“ bietet sie neben Postkarten und Wasser ihre eigenen Stricksachen und die Klöppelwaren ihrer Tochter an. „Bizzilla“ heißen die feinen Spitzen in Malta.

Über die Kunst des Klöppels wurde im 16. Jahrhundert erstmalig in Italien etwas zu Papier gebracht. Vermutlich erreichte sie Malta auf diesem Wege. Denn Italien, vor allem Sizilien, liegt quasi ums Eck. Was man an den vielen Lehnwörtern in der maltesischen Sprache merkt, etwa „Grazzi“ für Danke oder „frotta“ für Frucht.

Ein deutsches Paar mittleren Alters kommt mit Vincenza ins Geschäft, doch sie zögern noch wegen der Preise. Klöppelarbeiten seien sehr aufwendig, erklärt Vincenza mir später, als die beiden weg sind. Sie zeigt mir eine kleinere Decke: „Allein dafür braucht meine Tochter zwei Monate.“ Sie kostet 40 Euro, eine etwas Größere liegt bei 65. Vincenza meint, dass sich der Beruf der Klöpplerin nicht mehr rentiert, weil kaum einer den Preis für die Handarbeiten zahlen will.

So kommt es, dass die Malteserinnen, die sich noch auf die Kunst verstehen, mehr oder weniger für die eigenen vier Wände klöppeln. Auf einer der Postkarten sehe ich eine der letzten professionellen Klöpplerinnen. Sie kam aus Marsalforn, meint Vincenza, lebe aber nicht mehr. Es war die Frau eines Fischers.

Ramla-I-Hamra
Ramla-I-Hamra

Nun wurde das Inselarchipel im Mittelmeer von so vielen Kulturen gestreift, Punier, Karthager, Römer, Germanen, Byzantiner, Araber, Normannen. Nach der Blütezeit unter dem Johanniterorden, der stark von der legalisierten Piraterie profitierte, kamen noch Franzosen sowie Briten. Wer länger blieb, hat Spuren hinterlassen. Doch wer war zuerst da?

Schon 5.000 Jahre vor Christus hat es Siedler nach Gozo gelockt, vermutlich von Sizilien kommend. Die Ruinen der Ggantija erzählen von den frühen Bewohnern, und ich höre den alten Gemäuern zu. Zwischen 3.600 und 3.200 vor Christus bauten die ersten Gozitani, was uns heute noch in Staunen versetzt. Die ägyptischen Pyramiden sind Jungspunde dagegen! Ggantija besteht aus zwei Tempelanlagen, deren Mauern teilweise bis zu sechs Meter hoch sind. Wie groß mögen die Tempel ursprünglich gewesen sein?

Wenn schon Le Corbusier anerkennend durch die Zähne pfiff in Anbetracht des Werks seiner frühen Kollegen! Ohne Mörtel gebaut, mit bis zu fünf Meter langen Quadern aus Kalkstein. Schon damals nutzten maltesische Baumeister den härteren Kalkstein der Inseln fürs Grobe, den weicheren für die Feinheiten und die Innenausstattung. Mit je fünf Apsiden wirken die Tempelgrundrisse wie die schemenhaften Umrisse von Tieren – von oben betrachtet, von Kinderhand gezeichnet.

Erkennbar nur für Sonne, Mond und Sterne. Narcy und ich sehen uns ein wenig im dazugehörigen Museum um. Die Frisuren der frühen Bewohner konnten rekonstruiert werden: Pony und Bob waren schon vor Tausenden von Jahren angesagt. Und die kleine dicke Figur, die mehrfach auftaucht – eine Fruchtbarkeitsgöttin und Symbol matriarchalicher Strukturen?! Geheimnisumwitterte alte Kulturen sind die besten.

Als Archäologe unterwegs zu sein, macht hungrig. Und wir wollten eh nach Rabat beziehungsweise Victoria fahren, Hauptort der Insel. Vor ein paar Jahren war ich zuletzt auf Gozo und habe bei Rikardu oben in der Zitadelle gespeist. Ta‘ Rikardu ist so etwas wie eine Institution auf Gozo. Und zwar zu recht.

Ich muss wieder hin, doch dieses Mal ist der Weg voller Hindernisse. An der Zitadelle wird schwer gebaut, alles soll sicherer und bequemer für die Besucher werden. Eigentlich dürfen wir da gar nicht durch, so sagen sie uns. Doch dann kommt Rikardu uns schon strahlend entgegen und lotst uns an der richtigen Stelle nach oben.

Rikardu und die Ravjul
Rikardu und die Ravjul

Ich möchte schon wissen, wie Rikardu es während der Bauarbeiten schafft, seinen Betrieb aufrecht zu erhalten, seine Produkte heran zu schaffen? Der gute Mann lächelt: „Wir sind Gozitaner, wir wissen uns zu helfen!“ Jeden Tag muss er die Milch seiner Ziegen vom Bauernhof nahe Marsalforn holen.

In der Küche ist Tania schon fleißig beim Mischen von Mehl, Grieß, Eiern, Petersilie, Salz und Pfeffer. „Der Teig für die Ravjul muss einen Tag ruhen“, meint sie und legt ihn in den Kühlschrank. Rikardus Ziegenkäse für die Füllung wird gewürzt und mit Kräutern verrührt. Tania nimmt einen bereits fertigen Teig, den sie rollt, platt wälzt und aussticht. Gleich gibt’s Lunch!

Rikardu produziert auch seinen eigenen Wein: Grenache, Cabernet Sauvignon, Sauvignon Blanc und Chenin Blanc. Wir probieren ein bisschen zum „light lunch“, dazu eine Vorspeisenplatte mit Oliven, Tomaten, Zwiebeln, Kapern sowie handgemachtem Käse in diversen Reifestadien. Und das vermutlich beste Brot der Insel. Ich liebe rustikale, einfache Küche. Die getrockneten Tomaten – ein Traum! Nicht zu vergessen: die Ravjul.

Am Ende fühle ich mich ein bisschen wie die dicke kleine Göttin aus Ggantija und wenn ich nicht aufpasse, sehe ich bald so aus. Und irgendwie muss ich auch wieder die Zitadelle hinabrollen. Denn wir haben noch einen Termin mit Leli, dem letzten Salzmacher von Gozo. Er sitzt bereits wartend unterm gelben Sonnenschirm, direkt bei den Felspfannen.

Zusammen mit seiner Tochter Josephine arbeitet er in der Xwejni-Bucht. Harte Arbeit vom Frühjahr bis zum Sommer, seit mehr als 40 Jahren. Hauptsache, es regnet nicht, wenn die Kristalle in der Sonne trocknen! Das traditionelle Salzlager, das gegenüber in den Kalkstein gegraben wurde und nur an der Tür zu erkennen ist, wirkt heute wie ein Museum.

Leli hat Erinnerungen aufbewahrt, alte Besen zum Fegen der Pfannen etwa. Ich soll das Salz probieren, meint Leli. Gerne! Es schmeckt pur und sehr salzig. Logisch, dass es tausend Mal besser als industriell gefertigtes Salz is, und ein besseres Mitbringsel kann ich mir nicht vorstellen. Es gesellt sich zu Rikardus Käse und maltesischem Honig.

Und jedes Mal, wenn ich das Salz zu Hause ins Essen streue, denke ich an Gozo zurück.

Text und Fotos: Elke Weiler

Gozo, oh Gozo...
Gozo, oh Gozo…

Mit Dank an Visit Malta, die meine Reise ermöglicht haben.

P.S.: Noch ein Übernachtungstipp für Gozo: das Quaint Boutique Hotel in Nadur. Wohnen in einem typisch gozitanischen Dorf, im kleinen Kalkstein-Palazzo, ebenfalls typisch und zentral. Schlafen wie ein Stein im Himmelbett.

Am nächsten Morgen gibt’s Frühstück im Lokal mit dem klangvollen Namen „The Fat Rabbit“. Dort kann man übrigens auch zu Abend essen, wenn man mag. Ich empfehle die gozitanische Vorspeisenplatte!

  1. Ursula Altbürger

    Vielen Dank für den wunderschönen Bericht über Gozo. Ich war dieses Jahr auf Malta. Nach Gozo haben wir es in der einen Woche leider nicht geschafft. Aber die Sehnsucht diese Insel kennenzulernen ist nach diesen Zeilen noch größer geworden. Ich hoffe, das es bald mit einer Reise nach Gozo klappt und ich die Orte aufsuchen kann, die sie empfohlen haben.
    LG Ursula Altbürger

    • Ganz herzlichen Dank, das freut mich sehr! Dann alles Gute, ich drücke die Daumen für Gozo! Dort kann man es schon eine Weile aushalten. 🙂 Herzliche Grüße, Elke

  2. Ich war erst vor 10 Tagen das erste Mal auf Gozo und fand es wunderschön dort! <3

  3. Ich war schon viele Male im Dezember/ Januar auf Malt und Gozo und habe es immer sehr genossen, teils mit T- Shirtwetter – ist leider schon einige Jahre her. <3

  4. Ach – Gozo ist sooo schön. Und karg.
    Vielen Dank für deinen Reisebericht…

  5. Rolf Linden

    Ja, das ist ein schöner Bericht. Wir fahren seit 19 Jahren nach Gozo, und fühlen uns dort richtig wohl. Hier ticken die Uhren wirklich anders. Die Bewohner scheinen noch aus der Zeit zu sein, als die Welt noch in Ordnung war.

    • Seit 19 Jahren, wow! Ja, auf Gozo gehen die Uhren langsamer. Wobei die Welt nicht wirklich irgendwann in Ordnung war, oder? Und für die Malteser ist sie es vermutlich heute mehr denn je, in der Unabhängigkeit…

  6. Danke für den wunderschönen Bericht. Ich liebe Gozo seit vielen Jahren und werde im kommenden Frühling bei einer Frauenreise drei meiner Freundinnen die Schönheiten der Insel zeigen. Im grossen Rucksack ist genug Platz für das köstliche Xwejni-Salz…

  7. Hallo Elke,
    ich habe mit Interesse den Bericht gelesen und mich an unsere Urlaube auf der Insel Gozo erinnert.
    Meine Frau und ich lieben diese Insel, naja …… ich liebe die Insel etwas mehr.
    Leider ticken die Uhren dort lange nicht mehr so anders.
    Wir waren seit 2009 insgesamt 5 mal auf Gozo.
    Als ich 2013 mit dem Motorrad nach Gozo fuhr, war alles noch in Ordnug und die Leute nett und freundlich.
    Als wir 2015 nach Gozo gingen war es etwas anders und wir konnten uns nicht erklären was es war. Aber die Stimmung auf der Insel war irgendwie ganz anderst als sonst.
    Dann fielen uns die vielen Kameras an der Häusern auf und auch viele Häuser waren zu. Die ganzen Jahre davor, standen viel mehr Haustüren offen.
    Als wir mit Einheimischen sprachen, teilten sie uns mit, dass die Kriminalität sehr gestiegen sei.
    Aber wir werden trotzdem wieder hinfliegen und unseren Urlaub dort verbringen.

    Grüßle aus dem Schwobeländle

    Gerhard

    • Hallo Gerhard, scheinbar gab es einen leichten Anstieg an Diebstählen auf der Hauptinsel, doch im gesamteuropäischen Vergleich ist das ein Witz. Mir hatte man mal gesagt, dass auf Gozo die Türen traditionell offen stünden, sich aber viel mit dem zunehmenden Tourismus geändert habe… LG, Elke

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  9. Danke für den wunderschönen Bericht über Gozo. Ich war letztes Jahr zum ersten Mal da und habe mich direkt in die Insel verliebt. Als Andenken habe ich tatsächlich so ein wunderschönes Deckchen mitgenommen, das mich jetzt jeden Tag im Defereggental an Gozo erinnert bis ich wieder da bin. 🙂

  10. Pingback: Essen und Trinken: Britisch, italienisch und eine Prise maltesisch

  11. ich bin grad, wiederholt da. habe heute einen einstündigen monolog eines vogelcatchers auf meiner wanderung aufgeschnappt, der sich am ende europas über die deutschen, merkel und co beschwerte, grüne ideologen etc. die ihn attackieren, obwohl der die vögel nur zum brüten lassen in einem großen gehege fängt und nicht tötet. vor 18 jahren haben wir eine deutsche getroffen, die sich eine stunde lang über die vogelfänger aufregte. dieser wunderbare mann heute und große performer. hätte ich die kamera dabei gehabt, wäre es annähernd ein kurzfilm im stil von werner herzog interviews geworden. so bleiben mir unterschiedliche persprektiven und der lebendig laute gozoaner in ewiger erinnerung. grossartige insel und menschen! i love it.

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