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Antwerpen mit dem Rad

Sinjoor. Ich habe ein Restaurant mit dem Namen gefunden. Und ein Schiff. Ein Taxiunternehmen. Einen Makler. Es klingt wie eine niederländische Adoption des italienischen Wortes Signore, ist es aber nicht. Oder nur fast.

Marleen klärt mich auf. Ich treffe die Lehrerin für Niederländisch und Geschichte auf dem Steenplein, einem Platz an der Schelde, wo Luc als einziger seine Fritten in einer anständigen Bude verkauft. Natürlich gibt’s noch mehr Pommes in der Stadt, aber eben nur diesen einen verbliebenen Wagen.

Kartoffeln in Hülle und Fülle. Sie verfolgen mich, bei aller Liebe. Antwerpen und Pommes Frites scheinen eine unauflösbare Verbindung eingegangen zu sein. Weit übers Kulinarische hinausgehend.

Marleen macht Witze.

„Wir können Fritten schon zum Frühstück essen.“ Marleen möchte wohl, dass sich der belgische Pommes-Mythos einprägt. Etwa so tief wie die Tiefen der Tiefsee, in der Riesentintenfische leben. Jedenfalls hätte ich auch ohne diese Aussage niemals einen Mythos in Frage gestellt.

Tage des Getümmels

Allein diese Tatsache spricht Bände: Warum sollte ein Koch frittierte Kartoffelstäbchen zu einem Muscheltopf reichen? Es kann sich nur um heiße, ewige, bedingungslose Liebe handeln.

Marleen und ich brechen zu einer gemeinsamen Fahrradtour durch Antwerpens Zentrum auf. Und sie sagt es mir gleich am Anfang: „Wir haben zwar ein paar Radwege. Aber meistens geht alles durcheinander.“ Autos, Straßenbahn, Fußgänger.

Bücher zu schwer, Reifen platt.

Es scheint zu funktionieren. Jedenfalls habe ich in drei Tagen des wilden Getümmels nur einen Fast-Unfall zwischen einem Autofahrer und Fußgänger erlebt. Da hatte der Autofahrer gepennt. Kommt in den besten Städten vor.

Ich lasse mich also in der Fußgängerzone nicht von den Fußgängern irritieren und quere später munter die Straßenbahnschienen. Man achtet aufeinander. Alles Gewöhnungssache. Außerdem gibt es durchaus noch Steigerungspotential, was den Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr angeht.

Am Grote Markt

Nur wäre es dann irgendwann zuviel für die Fußgängerzone. Aber noch haben wir hier keine Kopenhagener Verhältnisse mit sage und schreibe 35 Prozent Radfahreranteil.

Auf dem Grote Markt

Marleen zeigt mir zunächst die Basics: Die Liebfrauenkirche, die unbedingt das höchste Gebäude der Stadt bleiben muss. Deren Schönheit sich bei jedem Foto im Herzen der Stadt aufdrängt. Den Grote Markt mit dem Rathausgebäude aus dem 16. Jahrhundert, das man vor lauter Flaggen eigentlich kaum sehen kann.

Der Grote Markt mit jener hübschen Häuserreihe. Gildehäuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert, picobello restauriert, millionenfach abgelichtet. Nun auch von mir.

Antwerpen, die Modestadt

Wir düsen Richtung Süden, in das beliebte „Het Zuid“-Viertel. Modetempel ohne Ende flankieren unseren Weg auf der Nationalestraat. Und natürlich auch das Modemuseum, das dieses Jahr den 50jährigen Geburtstag der Modeabteilung in der Akademie feiert. Dries van Noten, Ann Demeulemeester, Walter Van Beirendonck, sie alle haben Antwerpens Ruf als Modestadt genährt.

Mode im Großformat

Und dann landen wir vor einem Museum, das ich mir beim nächsten Besuch unbedingt von innen angucken möchte: das „M HKA“ mit zeitgenössischer Kunst, die ein ehemaliges Getreidesilo nahe der Schelde füllt. Kaum zu übersehen die fetten Großbuchstaben auf dem runden Gebäudeteil.

Und damit wir nicht aus der Pommes-Übung kommen, verrät Marleen mir etwas über das neue Justizgebäude nahe der Schelde. Richard Rogers hat sich hier mit einer Metall-Glas-Konstruktion ausgetobt und ihr spitze Dächer aufgesetzt, die an Segel erinnern sollen.

Die Sache mit dem dicken Nacken

„Aber wir nennen sie umgekippte Pommestüten“, meint Marleen und ihre blauen Augen leuchten. Ich muss ihr recht geben. Wobei mich die Segeltüten irgendwie an Haifischflossen erinnern. Der Justizpalast als Haifischbecken?

So was von typisch!

„Was ist eigentlich typisch für einen Antwerpener?“, will ich von Marleen wissen. „Wir haben einen dicken Nacken“, rückt sie mit der Sprache heraus. Und meint damit: „Wir denken, wir haben die besten Pommes, die beste Kathedrale und so weiter.“

Verständlich. Und der Sinjoor hängt da mit drin. Das Wort, eine Adaption von „señor“, führt zurück auf die Zeit der spanischen Vorherrschaft in der Stadt. Heute sei ein Ur-Antwerpener eben ein Sinjoor.

„Außerdem sind wir Burgundier“, gibt Marleen zu. „Wir genießen gerne und gehen oft aus.“ Dolce Vita auf Belgisch. Wo ich auch hingehe, die Lokale sind brechend voll. Und nicht etwa wegen der Touristen. Da nimmt es nicht Wunder, dass der Antwerpener neben dem Essen eben auch Kunst, Mode und Architektur zu schätzen weiß.

Hach!

Jedenfalls gefallen mir die Landmarken zeitgenössischer Architektur in Antwerpen sehr. Nach dem Haifischbecken fahren wir in die entgegengesetzte Richtung. „Het Eilandje“ im Norden Antwerpens zählt zu den angesagten Vierteln.

Pläne mit MAS

Hier gibt es nicht nur Wasser, Docks, Schiffe und nette Kneipen, sondern auch mein neues Lieblingsmuseum, das MAS – Museum aan de Strom. Noch so eine Landmarke. Gebaut wie übereinander gestapelte Container, als Reminiszenz an den Hafen. Dazwischen weit aufgerissene Wände aus gewelltem Glas.

Meine alte Leidenschaft für schöne Architekturen schlägt durch. Leider fängt es an, wie aus Eimern zu gießen, und unsere Tour endet im alten Packhaus. Marleen schaut nach draußen und erzählt mir, dass ihr Vater im Hafen gearbeitet hat. Dass auch sie immer dort arbeiten wollte, weil ihr Vater so schöne Geschichten mitgebracht hat.

Het Eilandje

„Du musst unbedingt eine Hafenrundfahrt machen“, empfiehlt sie mir. Genau das habe ich vor. Morgen schon, bei Sonnenschein. Und danach ins MAS. „Het Eilandje“ wird vermutlich mein Lieblingsviertel von Antwerpen. Kein Wunder, liegt es doch am Hafen.

Text und Fotos: Elke Weiler

All meine Tipps für die belgische Stadt findet ihr im Miniguide für Antwerpen!

Mit Dank an Tourismus Flandern, die diese Reise ermöglicht haben.

2 Gedanken zu „Antwerpen mit dem Rad“

  1. Hi Elke,

    wie heißt denn das süße Restaurant/Cafe was oben als erstes abgebildet ist? Das sieht traumhaft aus! Ich bin in zwei Wochen in Antwerpen und das sieht nach genau dem aus was ich suche :)

    Danke und Liebe Grüße,
    Melisa

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