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Mit wehendem Haar durch Vilnius

Es ist mein erstes Mal, aber ich bin guter Dinge. Dabei sehen die Segways nicht sonderlich stabil aus. Und im kritischen Moment – es ist der des Aufsteigens – flutscht meines dann auch gleich weg.

Jetzt liegt es sogar schwer in der Hand. Aber ich bekomme Soforthilfe, eine Art stationäre Unterstützung, und schwupps, bin ich ein Stück gewachsen, wenn auch noch wackelig auf den Rädern. Denn die kleine Kontaktplattform unter meinen Füßen ist hochsensibel und reagiert auf jede Bewegung.

Aber ich stehe, halleluja! Und nun demonstrieren uns die Profis, wie man sich flott, elegant und zielstrebig durch die litauische Hauptstadt bewegt. Einen Führerschein braucht man für die zwei Räder nicht, und daher beschränkt sich die Einweisung auch auf gefühlte drei Minuten.

So geht‘s vorwärts, so rückwärts, und so lenkst du optimal. Was braucht man mehr? Ein Gefühl dafür. Deswegen dürfen wir in den nächsten zehn Minuten nach Herzenslust über den Bürgersteig fahren, uns und das Gerät austesten, Körperhaltung und Bewegungen darauf abstimmen.

Erste Schumi-Stars kristallisieren sich schon schnell heraus, beziehungsweise ist es einer unter uns, der wirklich den Bogen heraus hat. Die Masse ist erst einmal vorsichtig.

Stehend auf dem Segway: jede Bewegung muss sitzen.

Das Abbremsen erscheint mir zunächst das Schwierigste: Man muss sich nach hinten legen, aber nicht zu abrupt und nicht zu weit. Angst hilft auf dem Gefährt genauso wenig wie Übermut, lässt man sich sagen.

Ich beschließe aus praktischen Gründen, zwischendurch nicht groß abzusteigen und also Fotos möglichst einhändig zu schießen. So habe ich mir einen komplizierten neuerlichen Aufstieg gespart. Wenn, dann muss es flott gehen, sonst fährt das Teil automatisch rückwärts. Und mich vermutlich über den Haufen.

Der zweite Knackpunkt und Grund für meine Entscheidung ist: Das Gerät bewegt sich munter weiter, wenn man es nicht im richtigen Winkel vor einer Kante abstellt.

Jetzt aber ab durch die Mitte, die Altstadt von Vilnius wartet nur auf uns. Und ich wundere mich ein ums andere Mal, wie entspannt die Leute auf diese rasende Horde reagieren. In Litauen gibt es scheinbar keine Limits für Segwayfahrer, egal ob auf Platz, Straße oder Bürgersteig.

Die Fußgänger weichen lieber zurück, die Autos nehmen auch mal Rücksicht. Und besonders viel Betrieb ist in Vilnius downtown sowieso nicht. Gut für uns Anfänger.

Die ganz große Herausforderung: Abwärts! Starkes Gefälle!

Mit der Zeit werden wir sehr locker, der Schumi unter uns riskiert sogar die freihändige Fahrt, wenn auch nur kurzzeitig. Aber sehen wir auch lässig genug beim Fahren aus? Eine Seniorengruppe, hörbar aus deutschen Landen, findet uns so aufregend, dass sie uns „Macht euch locker in den Knien!“ hinterher rufen.

Das Ganze ist natürlich keine Salsa-Veranstaltung. Doch könnte die leicht nach vorne gekippte Haltung auf den einen oder anderen etwas unnatürlich, wenn nicht gar steif wirken. Kaum auszuschließen.

Derart mit Fahren, Fotografieren und Flirten beschäftigt, verpasse ich leider die meisten Erklärungen zu den Highlights der City. Auch müssen wir jedes Mal Obacht geben, wenn mal wieder eine Unebenheit, ein Straßenloch oder eine Bürgersteigkante auf dem Weg liegen. Eine Mitfahrerin wäre beinahe böse über solch ein Hindernis gestürzt, kann sich aber gerade noch auf den Beinen halten.

Dann kommt sie – die ganz große Herausforderung. Vilnius ist ja nun nicht gerade das, was man eine flache Stadt nennt. Und unser Guide will doch tatsächlich ein enormes Gefälle hinunter, Ziel ist das Künstlerviertel unten am Fluss.

Geschafft und glücklich: Profis auf dem Segway!

Eine Entscheidung muss her. Gemeinsam mit der Hälfte des Trupps beschließe ich, mich von diesem Nervenkitzel auszuklinken. Doch das war wohl der falsche Weg. Während die Mutigen im Schneckentempo den Hügel hinabbremsen, entwickeln unsere Segways so zweckentfremdet geschoben ein seltsames Eigenleben.

Meines zum Beispiel. Hat es vorher etwa als Rasenmäher gearbeitet? Zielstrebig steuert es auf die seitliche Grünfläche zu, ob des Gewichts mit den Händen schwer zu bremsen. Doch zwischen ihm und dem Gras liegt eine Kante, die dafür sorgt, dass es sich ausstellt. Komplett.

Jegliche Wiederbelebungsversuche fruchten nichts. Erst als sich die Profi-Segwayerin mit einem handlichen Funkteil nähert, kommt wieder Leben in mein Unterteil. Ja, jetzt fährt es sogar schneller! Oder bilde ich mir das ein? Back to life! Vilnius, wir kommen. Mit wehendem Haar im Fahrtwind.

Text und Fotos: Elke Weiler

Danke an DERTOUR, Air Baltic und Lithuania Tourism, die diese Reise ermöglicht haben.

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CategoriesVilnius
Elke

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

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