Frischer Wind von Osten

Spannend in einer Stadt finde ich, wie sie ein neues Viertel kreiert. In Amsterdam passiert das an den Ufern des Flusses Ij. Also treibe ich mich mit dem Fahrrad in der Oostelijke Handelskade herum. Ganz klassisch, wie die Einheimischen.

Doch wo sind die Großstadtmassen? Am Wasser geht es eher ruhig zu. Nur ein paar schöne Backsteinbauten erinnern noch an alte Zeiten, hektische Zeiten. Denn viele Europäer zog es ab Ende des 19. Jahrhunderts in Richtung Südamerika – per Schiff. Genau hier war ihr Start in ein neues Leben, in das vermutlich größte Abenteuer.

Von dieser Transitstimmung merke ich heute gar nichts mehr, abgesehen von einer Ausstellung im heutigen Lloyd Hotel. Die Geschichte des eklektizistischen Baus ist eng damit verbunden.

Und die alten Schwarzweißfotografien in einem der Treppenhäuser erzählen von diesen Zeiten: Emigranten wurden nebenan medizinisch gecheckt und übernachteten dann einige Tage im Hotel.

Übernachten im Lloyd Hotel, heute wie gestern

Heute hat sich ehemalige Hafenbecken im Amsterdamer Osten zum Anziehungspunkt für Kreative gemausert. Und für Amsterdamer, die die frische Luft und den Blick aufs Wasser den schmalen Altstadtstraßen einfach vorziehen.

Alles wirkt sehr großzügig und weit. Ein Raumgefühl, das man in Großstädten oft vermisst. Rings um den Hafen hat die Kommune seit den 70er Jahren das Terrain als Spielwiese für renommierte Architekten freigegeben und so das Ende der wilden Jahre eingeläutet.

Denn in der Oostelijke Handelskade sah es schon ganz anders aus: Nach Ablauf seines Verfallsdatums als Hafen mutierte das Gebiet nämlich zur subkulturellen Zone. Das Wasser, die Weite, das Morbide – perfekt. Viele Künstler sind geblieben, auch wenn das Viertel inzwischen einen Tick zu gestylt wirkt.

Und so radele ich über aufgehübschte Inseln, die so Fernweh suggerierende Namen wie Java oder Borneo tragen. Über viele Brücken musst du gehen, beziehungsweise fahren – aber jede ist hier anders. Vierteldesign bis ins Detail.

Grachten und Gassen: Amsterdam bleibt sich treu.

Und für die frischen Architekturen gilt: alles im Rechteck. Postmoderne Wohnbauten am Wasser, dazwischen schmale Kanäle und Gassen, in diesem Punkt bleibt die Stadt sich treu.

Langsam kommt wieder Leben ins Viertel. Die Jungen und Kreativen treffen sich zum kleinen Lunch in „De Cantine“, einem der Gebäude mit Backstein-trifft-Industrie-Chic. Oder zum Apfelkuchen.

Manche mögen’s mediterran, zumindest in der Küche: So zieht es Businesspeople und Genießer sommers auf die Terrasse des „Jaap Hannis“ am alten Entrepothaven. 

Auch Shopping geht schon, und zwar mit original Hafenflair. Dazu peilt man ganz stilecht das „Loods 6“ auf der KNSM-Insel an, das ehemalige Warenhaus und die Passagierhalle der gleichnamigen Schifffahrtsgesellschaft. Wieder so eine Erinnerung.

Ein Teil des langgestreckten Gebäudes am Pier beherbergt Pol‘s Potten, Keet in Huis und Sissy Boy Homeland – ganz Amsterdam richtet sich hier häuslich ein.

Langsam kommt Leben in die Bude: Oostelijke Handelskade

Danach auf „een kopje koffie“ zur Terrasse des Kompaszaals? Mit Blick auf den letzten verbliebenen Verladekran des alten Osthafens. Und die hohe Kunst darf natürlich nirgendwo fehlen, egal ob im „Loods 6“ oder im Lloyds Hotel.

Selbst wer in dieser Herberge mit ihrem ungewöhnlichen Konzept nicht nächtigt und zwischen einem 1- bis 5-Sterne-Designzimmer wählt, kann sich die Aktivitäten der angeschlossenen „Cultural Embassy“ zu Gemüte führen: Künstlergespräche, Wechselausstellungen, Konzerte.

Vor allem die bereits erwähnte Dokumentation im Flur des Hotels, das immerhin schon Migrantenherberge, Gefängnis und Künstlerabsteige war. Will heißen: Dem Mythos der alten Handelskade kommt man hier ganz nah. In jeder Epoche.

Wo gehe ich nun hin? Im Innern von „De Cantine“ parlieren junge und junggebliebene Amsterdamer an waldgrünen Tischen auf Bänken mit apfelsinenfarbenen Sitzpolstern. Ein bisschen Orange muss einfach sein!

Die perfekte Mischung aus Industriecharme und flippigen Details wie der floralen Designerleuchte macht’s. Hinzu kommt die Freundlichkeit der Kellner sowie “Appeltart met slagroom” auf der Karte! Hausgemacht!

Blick aufs Wasser: Oostelijke Handelskade

Überhaupt entdecke ich langsam meine “niederländischen” Seiten wieder. Erstens wurde ich als Niederrheinerin quasi auf dem Fahrrad und unweit der holländischen Grenze geboren. Zweitens liebe ich Apfelkuchen. Drittens fühle ich mich zu gemütlichen Cafés stark hingezogen. Viertens liebe ich flache Landschaften mit Zweidrittel-Himmel.

Fünftens denke ich, dass sich Bänke vor Häusern grundsätzlich sehr gut machen. Sechstens bin ich mehr oder weniger mit Fritten und Frikandel groß geworden – der Hit an Samstagen auf Nachbarsbesuch.

Und damit zurück zu “De Cantine” und ihrem kulinarischen Angebot. Aus zeittaktischen Gründen verzichte ich auf die “Appeltaart met slagroom”, obwohl ich überzeugt bin, dass sie hier gut schmeckt.

Eine gute Wahl wäre sicher der hauskreierte Burger plus Pommes, doch der Drahtesel soll mich ja nachher noch weiter durch die Stadt tragen. Also gibt es heute Foccaccia mit Süßkartoffeln, Mozzarella, Salbei und Tomatenpesto.

Scheinbar bin ich die einzige Nicht-Holländerin in “De Cantine” und umso mehr bemüht, meine spärlichen Sprachkenntnisse durch freundliches Lächeln zu kompensieren.

Früher ging es von hier nach Südamerika.

Doch beim Bezahlen fällt’s dann auf, denn man redet gerne noch ein paar Takte miteinander. So lerne ich – quasi als Zugabe zur Foccaccia – auch drei Worte Niederländisch mehr.

Nein, nicht die berühmten drei Worte, sondern einfach: “Fijne dag nog!” Was nichts anderes heißt als “Have a nice day!”, wie mir der Kellner grinsend einschärft. Also wiederhole ich auf Niederländisch: Einen schönen Tag noch! Und morgen probiere ich Apfelkuchen, soviel ist sicher.

Radeln, Schiffe und Architektur angucken, ein bisschen Shoppen. Dann, gegen Abend… Unweit des Lloyd Hotels strömen die Clubber ins „Panama“, das einstige Elektrizitätswerk des Hafens. Heute versorgt die Trendlocation das Viertel mit Power-Beats, egal ob Groove, Electro, Jazz.

Etwas intimer geht‘s auf dem Partyschiff „Lizboa“ an der Veemkade zu, das sich ganz auf Latino eingeschaukelt hat. Heute ist Südamerika also hier. Und das ist schön. Eine weitere Alternative wäre das Koffiehuis KHL für Koninklijke Hollandsche Lloyd. Warum?

Anfang des 20. Jahrhunderts tranken die Matrosen ihren Kaffee, wo heute Tapas oder Kabeljau zum Dinner serviert werden. Hier schmeckt die Stadt eben ganz nach Amsterdam. Maritim und multikulti.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an das Niederländische Büro für Tourismus & Convention, das diese Reise ermöglicht hat.

1 Kommentar zu „Frischer Wind von Osten“

  1. An Amsterdam finde ich gerade die außerhalb des Zentrums gelegenen Bezirke interessant, insbesondere auch IJburg, was ja noch relativ jung auf neu entstandenem Land errichtet wurde. Die Architektur ist raffiniert, nicht nur die Fassaden auf Java-Eiland, auch die Pythonbrücke ist schon etwas besonderes. Ebenfalls interessant finde ich den noch relativ neuen Science Park oder die Geschäftsviertel rund um das Kongresszentrum RAI und der Bijlmer Arena. Auch im Hafengebiet tut sich seit letzter Zeit einiges, wenn man z. B. an die frühere NDSM-Werft denkt.

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