Der musikalische Eisberg

Ein Maisonntag in Oslo, sonnig und warm. Auf 21 Grad soll das Barometer klettern. Und ich will zum Eisberg, den ich an den vergangenen Tagen von weitem gesichtet und für höchst attraktiv befunden habe.

Die schönste Art, nach Oslo zu kommen, ist zweifelsohne über den Fjord. Dabei ist die riesige Eisscholle das I-Tüpfelchen eines Panoramas aus Wasser, Inseln, Schiffen, Leuchttürmen und Architekturen.

Ohne groß die Fantasie zu bemühen: Der Eisberg wirkt so, als poppten kostbar grüne, glänzende Körper aus einer schrägen Fläche auf. Und bilden körperhafte Strukturen aus. Landschaftsmalerei in 3D.

Architektur als Landschaft

So modern, dass die grüne Fläche zum Fjord hin nicht einfach nur Glas ist. Mit Solarmodulen bestückt wird die Scholle zum Energielieferanten für sich selbst.

Der Eisberg, der so etwas ist wie Eiffelturm, Big Ben oder Kollosseum einer Stadt, zu der er passt. Denn Norwegen steht für Natur. Ebenso schön wie spektakulär.

Die intelligente Fassade

Doch er hat seine Tücken, wie es mit Eisbergen eben so ist. Überraschend, ja herausfordernd ist er. Nichts ist gerade. Überall Stufen, Rillen, Ecken, Kanten. Träumst du, kommst du ins Stolpern.

Das Weiß der Flächen blendet wie die Eiswüste der Antarktis. Doch ich bin mitten in Oslo bei einem ernst gemeinten Versuch von Frühsommer, die Sonne brennt auf den Schädel. Ein Anflug von Schwindel.

Siesta

Ich streiche über den Stein: Heiß ist er nicht, der klassische weiße Marmor aus Carrara, doch Abkühlung bringt er auch nicht. Die Menschen liegen, sitzen, rennen, hocken, schlendern, klettern, stehen auf ihm.

Snøhetta macht es

Sie erforschen den verschachtelten Bau. Architektur zum Wandern, Spielen, Erleben. Form follows function? Das war einmal. Wer Architekten mit dem Namen Snøhetta engagiert, bekommt auch einen schneebedeckten Berg.

Snøhetta am Fjord

Der Name des Architekturbüros bezieht sich auf einen über 2200 Meter hohen Berg im norwegischen Dovrefjell. Eine sehr gute Entscheidung, die für Snøhetta, denn das Ergebnis lässt sich sehen und fühlen.

Blick auf den Oslofjord

Es gefällt mir besonders, dass keiner der üblichen, international agierenden Verdächtigen mit diesem Filetstück im Hafen von Bjørvika beauftragt wurde. Sondern eben ein Büro aus Oslo, das mit der Oper nicht nur ein Wahrzeichen, sondern auch ein Stück erlebbare Architektur geschaffen hat.

Holz im Einmachglas

Mir wird immer heißer auf dem Marmorberg. Knapp vor dem Kreislaufkollaps – zu viel Erleben kann auch kontraproduktiv sein – rette ich mich in die Cafeteria. Cappuccino auf der Terrasse mit Blick auf den Oslofjord. Und was sehe ich da? Ein Gletscherbaby! Es schwimmt etwa 60 Meter vor der Oper, dreht sich sachte im Wind. Gehört es zum Konzept von Snøhetta?

Falsch. Vielmehr handelt es sich um eine Skulptur aus Glas mit dem rätselhaften Namen „Sie lügt“. Meine Vermutung: Die gegeneinander gestapelten Glasflächen wirken zwar wie ein kleiner Eisberg, könnten aber auch ein Segelschiff imitieren, das um den Eisberg zu manövrieren versucht.

Das Baby

Eine Skulptur der Künstlerin Monica Bonvicini, die damit den Maler der Romantik Caspar David Friedrich zitieren will: „Das Eismeer“. Aber wer lügt?

Kristallstrukturen und dunkle Höhlen

Und wie sieht es im Innern des Gletschers aus? Ich löse mich vom Eisbaby mit schwerem Namenserbe und spaziere ins Foyer der Frau Mama. Raffinierte, gar musikalische Schwünge, die das Eckige aufsprengen. Ein Haus im Haus, eine edle Holzhütte im Einmachglas. Eine Bühne für die Musik, selbst rhythmisch und tonangebend.

Wo sich das Licht bricht.

Oslos Opernhaus ist all das. Es weckt den Entdeckergeist auch im Innern. Ich laufe durch Gänge, finde einen Materialmix, der irritierende Kristallstrukturen ausformt. Sie leiten mich in düsteren Höhlen. Im Innern der Erde hat das Eis keine Farbe, kein Lichtstrahl dringt hierher. Die Toiletten. Soviel Dunkelheit nach dem blendenden Weiß auf dem Dach!

Kurzes Interview

Mich dürstet erneut nach Luft und Licht. Am Fuße des Eisbergs plätschert das Fjordwasser vor sich hin, Schiffe tummeln sich im Hafen. Hier unten fühlt sich die Luft frischer an, es ist der Fjord, der kühlt. Der bei zu 300 Meter tief sein kann.

Immer noch Frühling. Doch schon im Winter werde ich wieder in Oslo sein, die Oper besuchen und der Musikalität im Innern des Eisbergs lauschen.

Und nächstes Mal mit Musik.

Text und Fotos: Elke Weiler

  1. Die Oper ist so fotogen, aber so tolle Fotos wie deine habe ich trotzdem noch nie gesehen! Außerdem möchte ich jetzt auch unbedingt mal im Sommer noch Oslo, kenne die Stadt nur winterlich und dunkel…

    • Danke, Katharina! Und über sommerliche Aktivitäten in Oslo schreibe ich demnächst noch mehr. 🙂

  2. Liebe Elke,
    es war so schön mit Dir in Oslo!! Und Dein Beitrag über die Oper ist klasse … kann ich das abschreiben … 😉 … neeeeeeiiiiin, mache ich natürlich nicht!!
    Viele Grüße
    Martina

    • Ja, liebe Martina, es war schön mit euch! Danke dir!!! Über die Bootstour mit Gustav und Gustav dichte ich auch noch. (Ja, und der Luis natürlich, der macht so einen Skandinavien-Rundumschlag, hat er angedeutet. 😉 ) LG, Elke

  3. So ein schöner Text über so ein schönes Stück Architektur! Natürlich sind die Fotos auch sehr schön, aber der Text – ich war mal bei dieser Oper, und beim Lesen war mir, als wäre ich wieder da.

  4. Pingback: Stadtrundfahrt in Oslo | Esel unterwegs / Travelling donkey

  5. Wunderschöne Fotos und ein inspirierender Artikel. Um den hohen Norden habe ich immer einen Bogen gemacht, bisher. So allmählich bekomme ich aber Lust das mit eigenen Augen zu sehen.

  6. Pingback: Erlebnis Architektur: die Elbphilharmonie in Hamburg

  7. Das ist ein sehr schön geschriebener Beitrag über die Oper. Oslo-Besuchern im kommenden Sommer empfehle ich, die nicht endenden Stunden der Dämmerung für einen Besuch auf dem weißen Dach zu nutzen (geht natürlich auch in den frühesten Morgenstunden nach einer durchgefeierten Nacht) – dann ist das Licht ganz wunderbar gerade auch zum Fotografieren. Gleich nebenan lohnt auch ein Besuch (… und ebenfalls Fotos) vom modernen „Barcode“-Viertel. In naher Zukunft wird das neue Munch-Museum gleich nebenan ein Publikumsmagnet sein. Die Stadt Oslo wird derzeit kräftig auf Moderne getrimmt, ein Besuch ist spannend.

    • Danke dir! Und noch mal danke für den schönen Tipp. Rund um Mittsommer auf der Oper am Wasser. Oslo hat dieses Gebäude für alle geschaffen, eine begehbare Architektur wie eine Landschaft. Auf das Munch-Museum freue ich mich auch schon. Städte entwickeln sich weiter, selbst in einer Stadt wie Rom entstehen neue, aufregende Architekturen. Oftmals werden ganze Stadtviertel neu strukturiert oder entstehen z.B. auf einem ehemaligen Hafengelände wie Västra Hamnen in Malmö. Ich bin immer dann besonders glücklich, wenn die Städteplaner es schaffen, diese Viertel innerhalb kürzester Zeit mit Leben zu füllen und dann auch noch Nachhaltigkeit im Fokus steht.

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