Zwischen den Zeiten

Über den Dächern von CoimbraÜber den Dächern von Coimbra

Ich eile zu den Stufen. Doch der Weg ist so steil, dass es mich ausbremst. Zu lange habe ich in der Universität von Coimbra verbracht, eine der ältesten Europas. Ewig zwischen dicken Wälzern in hohen Regalen gestanden, die teils mit Hühnerkäfiggittern geschützt sind. Mit offenem Mund den Geschichten in der Bibioteca Joanina gelauscht.

Der Barockbau aus dem 18. Jahrhundert wurde mit dem Gold aus Brasilien finanziert. Fast 1,5 Millionen Bücher finden hier Platz. Etwa die Erstausgabe der Lusiaden von 1572, eine Geschichte Portugals in zehn Gesängen. Eine illustrierte Bibel auf Hebräisch. Allein 250.000 Bücher aus dem 15. bis 19. Jahrhundert.

Zwei Meter dicke Mauern, um diese Kostbarkeiten, das Eben-und Rosenholz der Regale mit seinen orientalisch inspirierten Malereien zu schützen. Auch ohne Heizung liegt die Temperatur bei konstanten 18 Grad. Und dann die Fledermäuse, die in der Joanina wie Haustiere gehalten werden, weil sie Insekten fressen. Quasi die Bodyguards der Bücher.

Der Gang durch die Kathedrale des Wissens ist genau getaktet. Alle 20 Minuten wird maximal 60 Personen Einlass in die heiligen Hallen gewährt. Ich suche nach dem Ausgang, das Gefängnis im Keller spare ich mir. Hatte ein Student ein Buch entwendet oder war sonst irgendwie auffällig geworden, etwa durch Ungehorsam, durfte er es eine Weile von innen anschauen. Erst 1834 wurde das Gefängnis geschlossen.

Hinaus ins Licht

Hinaus ans Licht

Gleißende Sonne empfängt mich, als ich wieder hinaustrete aus der Welt der Bücher, ein Zeitsprung zurück in die Gegenwart. Ich habe eine Verabredung und keine Ahnung, in welche Richtung ich gehen muss. Keine Ahnung, was mich erwartet. Noch einmal wird die Zeitmaschine in Gang gesetzt, und dieses Mal ist es eine persönliche.

Ich frage einen der hilfreich auf dem Gelände herumstehenden Studenten, die den Besuchern des Weltkulturerbes gerne Auskunft geben. Hinunter zum Fluss muss ich, zum Mondego. Dort soll ich zu den Docas im Parque do Mondego gehen. „Zehn Minuten“, versichert mir der Student. Länger bräuchte ich zu Fuß nicht.

Schwindelerregend

Schwindelerregend

Ich suche den Weg, wirkt er doch anders als beschrieben. Dann plötzlich diese atemberaubend steile Treppe. Ich muss mich beeilen, und mir wird plötzlich sehr heiß. Endlich bin ich am Fluss angelangt, sehe die Terrassen, die Schirme, Stühle. Den Mondego. Die Menschen.

Jemand winkt! Da sind sie! Eigentlich kenne ich nur José, doch kenne ich ihn wirklich? Zuletzt habe ich ihn vor zwanzig Jahren in Rom gesehen. Wir haben uns dort während des Studiums kennengelernt, es war eine verrückte Zeit. José stellt mir seine Frau Catarina vor, die in Coimbra studiert hat. Wir springen vom Jetzt ins Gestern.

„Ich vermisse mein Motorino!“ José lächelt. Ja, ich vermisse es auch. Diese alte Möhre von einem Moped, das er an der Porta Portese erstanden hat. Recht günstig, vielleicht zu günstig. Es war nämlich geklaut, doch das hat José erst später erfahren. Und mir hat er nie etwas davon erzählt, vor allem nicht, als es in die Verhandlungen ging.

Das Motorino wanderte in meinen Besitz über, denn José verließ Rom nach dem Ende seines Erasmus-Halbjahres. Ich blieb noch ein bisschen in Italien. Ein Sommer mit einem alten Moped, den Wind im Haar, denn es gab noch keine Helmpflicht in Italien. Nachts durch die verlassenen Straßen der Stadt mit Highspeed – wenn man bei einem Motorino davon reden kann.

Es waren Minuten absoluter Freiheit, Sequenzen des Glücks. Das Ding hat irgendwie gehalten, ich konnte es sogar weiterverkaufen. Rom habe ich nur ungern verlassen. Und José habe ich seit diesen Tagen nie mehr gesehen. Kurz bevor ich nach Portugal fuhr, habe ich ihn via Facebook gefunden: Er wohnt noch in seiner Heimatstadt Coimbra.

Ab und an tauchen wir wieder in der Gegenwart auf. Die Kraft der Septembersonne lässt nach, es ist schön am Fluss. José hat als Lehrer gearbeitet, jetzt betreibt er mit Catarina zusammen einen Onlineshop für portugiesische Produkte. Wein vom nahen Douro, Stockfisch, Olivenöl, Sardinen. Wer etwas Bestimmtes aus Portugal vermisst, darf es gerne ordern.

José & Catarina

José & Catarina

José und Catarina bringen mich auf die andere Seite des Mondego, zur Quinta das Lágrimas, wo ich den Rest der Truppe zum Abendessen treffe. Es gibt eine Geschichte, sagt José. Eine Geschichte von Liebe und Leidenschaft. Von großem Leid. Lágrimas, das sind Tränen, auf Italienisch „lacrime“. Am nächsten Tag werde ich mehr darüber erfahren.

Es ist ein nebliger Morgen, an dem wir Coimbra verlassen müssen. Zuvor begeben wir uns auf die Spuren einer großen Liebe. In den Garten der Quinta das Lágrimas pilgern alljährlich Romantiker, Verliebte, Brautpaare. An den Ort einer wahren Geschichte aus dem portugiesischen Mittelalter, umrankt von Legenden.

Dem italienischen Drama um Romeo und Julia halten die Portugiesen die Geschichte von Pedro und Inês entgegen. 14. Jahrhundert. Pedro war portugiesischer Thronfolger und lebte in arrangierter Ehe, als er sich unsterblich in die Spanierin Inês, eine Hofdame seiner Gemahlin verliebte. Als seine Frau starb, verbrachte er ein paar glückliche Jahre mit Inês, sie hatten drei Kinder. Doch der Druck auf das Paar wuchs.

Pedros Vater ließ Inês schließlich umbringen, um den Einfluss Spaniens am Hof zu unterbinden. Pedro drehte durch, brachte die Mörder zur Strecke und kämpfte gegen seinen Vater. Er ließ den Leichnam von Inês in die Kathedrale der Stadt bringen, wo der Hofstaat die Tote als Königin anerkennen musste.

Was Camões in den Lusiaden schrieb.

Was Camões in den Lusiaden schrieb.

Der Ort von Liebe und Leid liegt im Garten der Quinta. Laut Camões haben die Flussnympfen des Mondego den Tod der Inês beweint, so jedenfalls dichtet er in den Lusiaden. Es entstand die Fonte das Lagrimas, die Quelle der Tränen. Mitten im botanischen Garten.

Ein verwunschener Ort mit bunten Bändern, die der Liebe gewidmet sind. In Bambusstämme eingeritzte Namen. Schwüre ewiger Treue. Zypressen, Zedern und Palmen im Nebel. Und mittendrin die umwerfende Großblättrige Feige mit ihren Brettwurzeln, die wie Arme aus dem Boden ragen. Die eine weitere Geschichte zu erzählen scheinen…

Baumwunder

Baumwunder

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Centro de Portugal und TAP Portugal, die diese Reise unterstützt haben.

5 Kommentare

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  2. José Herculano

    Ciao Elke,

    Beautiful and intense article . Just today I read it and I was tired just remembering how you were exhausted when you arrived in Parque Mondego 🙂 And now i am very depressed seeing the old pictures from Rome.

    We hope you return soon and with more time to stay in Coimbra.

    P.S: I did not told you the motorino was stoled because it is a normal situation in Rome 🙂

    • Ciao José, muito obrigada. Yes, I was like on the run! Away from tons of books right into the sun. 🙂 It was great meeting you after all those years. You know I would like to go for a road trip through Portugal, but this will need some time. My car is not so much faster than an old motorino. 😉 Those pics are history!

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