Per Rikscha durch die Mitte

Malte Leschner tritt in die Pedale, schaut nach rechts, links, dreht sich um. Passt die original chinesische Rikscha durch die Einfahrt?

Alles läuft wie am Schnürchen. Der Neujahrsgruß für den Kollegen, der Nachmittagsverkehr, das Fahren über Hindernisse wie Straßenbahnschienen. Und zwischendurch erzählt mir Malte alles über Berlin-Mitte.

Der Rikscha-Fahrer kennt die Hauptstadt wie seine Westentasche. Das alte Berlin, das neue. Und vor allem das dazwischen. Die Stimmung des Aufbrauchs, des Neuanfangs. Dieses Alles-ist-möglich-Gefühl. Die Kellerpartys, verlassene Häuser, ausgelassene Stimmung. Das Berlin der 90er Jahre. Gloriose Zeiten.

Was davon blieb? Malte lenkt seine Rikscha geübt durchs Scheunenviertel, ich habe die Höfe-Tour gebucht. Aus den Hackeschen komme ich gerade zu Fuß, deswegen sparen wir sie aus. „Deren Sogwirkung ist nicht zu unterschätzen“, sagt der Berliner.

Obacht, Fußgänger!

Rund um die Hackeschen Höfe regieren ausgefallene Modeläden. Von der Alten Schönhauser Straße biegen wir in einen der letzten nicht restaurierten Höfe ein. Graffitis, Kugeleinschüsse an der Wand. Und auf der anderen Seite: Klamotten ohne Ende.

Die schönsten aller Höfe
Die schönsten aller Höfe

„Schon wieder was Neues“, meint mein Berlin-Kenner. Manche Läden würden nur eine Woche lang öffnen und dann tauchten sie irgendwo anders wieder auf. Klar, dass nur Insider Bescheid wissen. Und heiß begehrte Ware geht weg wie geschnitten‘ Brot.

Malte brettert gekonnt über Straßen und Bürgersteige. Mal langsam, mal flott. Obacht, liebe Fußgänger! Ihr werdet nämlich nicht gefragt. „Und jetzt machen wir ein neues Spiel“, scherzt er. Durch die Sophie-Gips-Höfe muss ich dann tatsächlich zu Fuß laufen, die Rikscha passt nicht durch den Eingang. Wir treffen uns auf der anderen Seite, abgemacht?!

Die glorreichen 90er

Alles schick renoviert, die alte Klinkerfabrik ebenso wie die Bürgerhäuser. Malte erzählt noch vom Barcomi‘s Deli, der zentralen Anlaufstelle für Kuchen im Einzugsgebiet der Höfe. Schuld ist eine leidenschaftliche Köchin, eine US-Amerikanerin, die Berlin zur ihrer Wahlheimat erkoren hat und nun mit Muffins, Cheesecake und Brownies versorgt.

Meistens passt sie durch.
Meistens passt sie durch.

Die Sophienstraße durchkreuzt den ältesten Teil des heutigen Zentrums. Malte hält vor den Sophiensälen, ein ehemaliges Handwerkerhaus der Jahrhundertwende, heute als freies Theater bekannt und beliebt.

Der Rikschafahrer schwelgt in Erinnerungen: „In den Neunzigern standen die Säle leer, wie viele Gebäude der Gegend. Es war eine Art Volkssport zu schauen, wo etwas zu besetzen ist.“

Jüdisches Leben

Schon zu DDR-Zeiten hatten sich viele Künstler im einstigen jüdischen Viertel angesiedelt. „Und vor zehn Jahren war hier alles noch voller Kneipen“, fährt Malte fort. Heute dagegen: angesagte Lokale, hohe Mieten, zahlungskräftige Kundschaft für die vielen Kunstgalerien.

Der Schwerpunkt des jüdischen Lebens spielte sich einst in der Große Hamburger Straße ab, durch die wir nun gondeln. Zur Linken weist Malte auf einen alten Friedhof hin, der bis ins 19. Jahrhundert genutzt wurde und heute wie ein einfacher städtischer Garten aussieht.

Neue Synagoge
Neue Synagoge im Abendlicht

Nur ein symbolisches Grab für den Philosophen Moses Mendelssohn erinnert an die von den Nazis geschändete Ruhestätte. Das benachbarte jüdische Altersheim fungierte zu NS-Zeiten als Sammellager. Die Inhaftierten wurden von hier aus in die Vernichtungslager verschleppt. Bis zur Wiedereröffnung einer jüdischen Schule in den 90er Jahren galt die Große Hamburger Straße den Überlebenden daher als Symbol für die Reise in den Tod.

Clärchens Ballhaus

Bevor wir zur Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße fahren, geht es die Auguststraße entlang. Malte will wissen, ob es mir ohne Decke und Bewegung auf der Rikscha nicht zu kalt ist. Doch die Sonne scheint, alles im grünen Bereich.

Wir lassen das Open-Air-Vehikel vor „Clärchens Ballhaus“ stehen, denn ein Abstecher muss an dieser Stelle einfach sein. Meint der engagierte Guide. Natürlich wird um diese Zeit nicht getanzt, doch alles ist schon in Vorbereitung für den Abend. „Im Sommer ist der Biergarten proppenvoll“, weiß Malte.

The place to dance
The place to dance

Und das Tanzbein wird im Ballhaus sowieso immer geschwungen. Seit fast 100 Jahren! Ohne Reservierung geht bei „Clärchen“ nichts, falls man einen der begehrten Tische haben oder an der „Pasta Opera“ teilnehmen will. Tango, Salsa, Walzer – alles ist möglich. Sowie der zur Zeit sehr angesagte Swing.

Der Spiegelsaal

Im oberen Geschoss will Malte mir noch ein seltenes Juwel zeigen, das zu DDR-Zeiten einen Dornröschenschlaf geschlummert hat: den Spiegelsaal. Heute finden Tanzkurse, Filmdrehs und Hochzeiten in dem „naturbelassenen“ ehemaligen Prunksaal statt. Vor gerissenen Spiegeln, historischer Stuck-Deko, angestaubter Dekadenz.

Das mögen viele. „Ich hab‘ auch schon eine indische Millionärstochter zur Hochzeit hierher gefahren“, erzählt Malte. Der Spiegelsaal. So still er bei unserem Besuch erscheint, so voller Geschichten und Geschichte ist das gute Stück.

Es gibt solche und solche.
Es gibt solche und solche.

Nur noch die Heckmann-Höfe stehen auf unserem Programm. Malte weist auf ein Geschäft für gebrauchte Ballkleider hin. „Die Leute reisen regelmäßig nach Amerika, wo solche Kleider zum Teil nur einmal getragen werden.“ Im Sommer wirkt das hierquasi mediterran: eine Piazza mit Bäumchen und kleinen Läden.

Illegale Partys

„Und manchmal kann man riechen, was als nächstes kommt“, kündigt mein Fahrer an. Wir landen vor einer Bonbonmacherei, und wie der Zufall so will, sehen wir durch die Fenster des Souterrains, dass eine Vorführung in vollem Gange ist.

Bevor die Tour in der Nähe des berühmten Kulturhauses Tacheles endet, fahren wir noch über die Tucholskystraße. Denn Malte will mir das „Zosch“ zeigen, eine sogenannte Veranstaltungskneipe.

Das Haus sei ein Überbleibsel, da noch „alternativ verwaltet“ – ein Andenken an die guten 90er Jahre in Mitte. Auch im Alten Postfuhramt um die Ecke wurden bis vor wenigen Jahren noch illegale Partys abgehalten, weiß Malte.

Bei aufkommenden Emotionen
Bei aufkommenden Emotionen

Aktuell gibt sich Mitte aufgebrezelt, aber mit Macken. Man kann ausgiebig shoppen, Kaffee trinken, essen, tanzen, was auch immer. Statt zur Kellerparty geht‘s zum späten Frühstück ins Strandbad-Mitte.

Arm wirkt Berlin hier nicht. Aber sexy schon. Immer wieder.

Text und Fotos: Elke Weiler

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  1. Ist ja cool, dann macht Rikscha fahren – bzw. gefahren werden – also richtig Spaß. Ich sehe diese Gefährte oft, besonders im Sommer, aber konnte mich noch nie durchringen mich mal eine Runde kutschieren zu lassen. Hast ja viel gesehen in der Zeit – und das auch noch entspannt im Sitzen.

    Liebe Grüße
    Christina

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