Martini-Sommer

Im Morgengrauen an der Fontana di Trevi sitzen und den Münzsammlern zuschauen. Sommer in Rom. Auf einem Dritte-Hand-Mofa in lauen Nächten durch die leeren Straßen düsen. Die volle Freiheit.

Zum Sonnenaufgang auf den Gianicolo. Oder noch besser: in den Orangenhain von Santa Sabina. Die alte Stadt zu deinen Füßen. Dieses Licht. Der süßliche Duft, noch unvermischt mit Abgasen.

Ein erstes Cornetto, direkt vom Bäcker. Dafür musst du genau wissen, wer unter noch halb herunter gelassenen Läden verkauft. Eis von Giolitti. Meine allererste Pizza mit Rucola. Oder wie man in Rom sagt: Rughetta. Essen die am Nachbartisch etwa Salat auf der Pizza? Gelächter.

Und immer wieder „mannaggia“, der Lieblingsfluch der Römer. Auf die Frage, wie man das schreibt: „Con 8 enne e 10 gi!“ Klar, mit acht N und zehn G. Schön breit gequetscht, leicht sonor geschwungen, echtes Romanesco eben. Er passt zur Stadt, dieser römische Dialekt. Rau, aber sympathisch.

Piazza del Popolo

Und dann „mein“ Viertel Casal Bertone, eine ehemalige Arbeitersiedlung aus den 60er Jahren. Du schlenderst zwei Mal über den Markt und bist bekannt wie ein bunter Hund. Wenn du etwas einkaufst, nennen sie dich „meine Liebe“.

Mehr Sommer, das sind Arthouse-Filme in den Palazzi des Zentrums oder opulente Klassikkonzerte im Garten der Villa Giulia. Perfekt bei Vollmond. Oder tanzen im Schatten des alten Gazometro. Die besten Spaghetti alla carbonara, ganzjährig.

Platzregen im November. Stinkende, überfüllte Busse und Metrolinien. Leute, die bei Regen erst gar nicht vor die Tür gehen. Spiegelglatte Pflaster und Seen in dessen Löchern. So war das damals.

Rom, meine alte Liebe.

Und nun bin ich ausgerechnet im November in Rom. Werde ich es wiederfinden? Und wie? Es ist Freitag, die Sonne scheint warm, und alle zieht nach Feierabend auf die Straßen. Wochenendstimmung.

Was macht der gute Tourist als erstes? Eis essen. Wie die Einheimischen im übrigen auch. „Un gelato, per favore.“ Aber nicht „un gelato al limon“, auch wenn ich jetzt das Lied von Paolo Conte im Kopf habe. Ich bestelle dieses Mal: cioccolato peperoncino, bacio, mandorla. Der perfekte Einstieg.

Auf ins Gewühl!

Auf meinem Plätzchen im großbürgerlichen Viertel Prati geht die Sonne weg, also schmeiße ich mich ins Gewühl: Metro A, Piazza del Popolo, Via del Corso, Piazza di Spagna. Bundestrainer-Alarm zwischen Menschenmassen! Und schon ist die Crew auch wieder verschwunden.

Zeit für einen Prosecco auf der Piazza. Doch was ist das? Keine Pizza mit Rughetta auf der Karte? der römische Kellner zeigt sich flexibel und lässt mir eine Bianca backen, dann kommt das Grün oben drauf.

Ohne Heizpilz im November

Hinter mir zwei Italienerinnen, die eifrig aufeinander einreden. Wer solo unterwegs ist, quatscht auch. Wozu hat man denn sein Telefonino? Meine These lautet sowieso: Der Römer geht zum Telefonieren auf die Straße.

Aber was für ein Wunder, im November noch draußen zu sitzen. Nur so, ohne Heizpilz, mit einer leichten Strickjacke. Im rosaroten Lichtschein der Laternen zu dinieren.

Herbststimmung

Nun, die Kellner könnten etwas besser drauf sein. Immerhin wird meine Pizza mit einem Augenzwinkern serviert. Der Römer an sich ist halt cool. Hier hat Lässigkeit Tradition, gepaart mit Minimalismus. Aber fix sind sie schon. Und kapieren selbst kleinste Gesten.

Gut, dass die Pizza vorgeschnitten ist, denn ich möchte sie nach guter Landessitte ohne Besteck essen. Hmmm… Wortlos wird der leere Teller abgeholt, und ich kann nicht widerstehen: Tiramisù!

Meine Tage sind bestimmt von Sightseeing und Kaffeepausen, Pasta, Pastine und der Musik der Gassen. Zwar muss ich nicht jeden Winkel der Stadt begrüßen, aber was gerade auf dem Weg liegt, wird mitgenommen.

Sonntag. Frühstück mit Cornetto und Cappuccino wie gehabt. Ein kräftiger Wind fegt übers Pflaster und reißt lose Dinge mit sich. Dann wird es endlich November: Der Martini-Sommer gönnt sich eine Pause, es gießt in Strömen. Zu spät, um Petrus einen Besuch abzustatten?

Italienisches Frühstück / prima colazione

Auf dem Weg zum Vatikan kommt der Himmel herunter. Die Straßenverkäufer reagieren blitzschnell: An jeder Ecke werden Regenschirme und Ponchos angeboten. Ich entscheide mich für ein Exemplar der letzteren Gattung, denn erstens geht er nicht bei Wind kaputt, und zweitens sehen Leute mit Ponchos einfach lustiger aus. Drittens ist mehr Fläche sowie meine Tasche geschützt, und viertens hab ich die Hände frei.

Nass werde ich trotzdem. Sämtliche Touristen hält das Wetter nicht ab, San Pietro zu stürmen. Lange Schlangen vor der Kontrolle. Gepaart mit großer Aufregung, weil sich einige nicht an die natürliche Reihenfolge halten. Ich will nur nach „nach Hause“. In die Suite im siebten und achten Stock, wo der Regen gegen die Fenster prasselt, und ich Rom von oben bewundern kann. Im Trockenen.

Später beruhigt sich die Lage, und ich suche die vielleicht schönste Piazza der Stadt auf. Zwischen Navona und dem Campo stärke ich mich mit einem Lieblingssnack der Römer: pizza bianca – ein Stück Pizza ohne Tomaten, daher weiß. Kommt was rein? Ja, bitte mit Mortadella.

Haben sie dort „pizza bianca“?

Sind eigentlich alle verliebt? Es schmeckt so. Salz regiert die Welt, die kulinarische. Dem muss man etwas entgegen setzen, etwas Süßes. In einem meiner Lieblingsviertel namens Ponte werde ich fündig. Genauer gesagt im Rione Ponte, denn Rioni werden die alten Stadtteile im Zentrum genannt.

Von der schönen Piazza Navona bin ich also weiter gelaufen, in westlicher Richtung, verloren in den Gassen der Altstadt. Gelandet in der Via di Monte Giordano. Das Café heißt Coromandel und liegt im Halbdunkel eines Souterrains. Die Einrichtung: irgendwo zwischen crazy, nostalgisch, kolonial.

Kleine Mittagsgerichte, viele Tees im Sortiment, doch zu der auserwählten Torta della Nonna ziehe ich einen handelsüblichen Cappuccino vor. Kein Tourist weit und breit. Ein echter Insiderladen.

Piazza Navona, der vielleicht schönste Platz Roms

Draußen regnet es schon wieder, und die Castelli Romani warten auf mich. Roma Termini. Das Ticket nach Frascati habe ich schon in der Tasche. Um zum Binario 20bis zu gelangen, ist man schon halb zu Fuß in den Castelli.

Im Zug fällt mir auf, dass das Ticket eigentlich vom Automaten entwertet werden muss. Mangels Entwerter schreibe ich selber Ort, Datum und Zeit auf den Ticketrand.

Ciao bella, hätte ich schreiben sollen. Und danke für diesen letzten Sommer im November.

Einfach aufhören wird eine alte Liebe nie.

Tschüss, Tiber!

Text und Fotos: Elke Weiler

  1. Rom hat mir gut gefallen, ich war im September da und hab den Eindruck, ich hab vielleicht fünf Prozent gesehen 😉 Klingt gut, was du da so gemacht hast!

    • Hallo Andrea, mir geht es genau so. Ich bin immer froh, wenn ich dann etwas wieder finde. Zum Beispiel eine besonders süße Piazza oder so…

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  6. Von dem Fluch wusste ich noch gar nichts, dafür kann ich wohl (noch) nicht genügend italienisch. Bin diesen Herbst – im November – auf Sprachreise in Rom und freue mich total!

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