Seurasaari und die Eichhörnchen

Auf der Insel Seurasaari lebt heute niemand, kein Mensch zumindest. Ein Förster einst, so erzählte man mir. Der Glückliche bewohnte das Haus nahe der Brücke. Mitten in Helsinki, und doch weit entfernt vom Trubel der Stadt. Kein Verkehr, nur Spaziergänger. Und die Eichhörnchen.

Eine Woche lang habe ich im Mökki mitten in der Natur gewohnt, umgeben von Fischen, Vögeln und Eichhörnchen, doch ausgerechnet in Helsinki sollen letztere sehr zahlreich sein. Eva, die hier lebt, hatte mir gleich bei der Ankunft davon erzählt. Auch, dass es einen jungen Mann gibt, der sich blendend mit den Nagetieren versteht. Sozusagen der Eichhörnchenflüsterer von Helsinki.

Also habe ich mich auf den Weg gemacht, in der Nähe des Bahnhofs auf der Mannerheimintie den Bus 24 genommen, drei Euro bezahlt. Während der Fahrt sehe ich alte Bekannte wieder, die kaffeetrinkenden Giraffen auf dem Balkon. Ich entdecke Jugendstilgebäude neu, Helsinki hat eine hohe Dichte diesbezüglich vorzuweisen. Sogar einen Strand kann ich in der Ferne ausmachen.

Die Brücke zur Oase
Brücke zur Oase

Eine halbe Stunde später landet der Bus an der Endstation. Seurasaari heißt übersetzt so viel wie Gesellschaftsinsel. Immerhin ist hier der beste Platz, um Mittsommer in Helsinki zu feiern. Gänse sitzen auf blanken Granitsteinen, Möwen auf dem Geländer der weißgetünchten Brücke aus dem 19. Jahrhundert, die zur Insel führt. Auf einem Plan lese ich, dass sich die Eichhörnchen im Bereich des Freilichtmuseums herumtreiben. Man soll sie nicht füttern, so steht es zumindest auf dem Schild.

Und damit kenne ich auch mein nächstes Ziel, bezahle acht Euro Eintritt fürs Museum und bewundere finnisches Leben von einst. Holzhäuser mit Innenleben, Architekturen mit Geschichte – alles wurde nach Seurasaari gebracht und fein säuberlich wieder aufgebaut. Farmhäuser, eine Kirche, zwei Mühlen, ein Bootshaus samt Inventar.

Frauen in historischen Kostümen sitzen vor den Häusern, in Handarbeiten oder Bücher vertieft. Alles erinnert mich ein wenig an Skansen, das Freilichtmuseum auf der Insel Djurgården in Stockholm. Die Fusion von Natur und Museum zur Oase. 87 Gebäude, die einen Überblick über finnisches Leben vom 18. bis 20. Jahrhundert geben.

Nur die Eichhörnchen fehlen. In einem Shop frage ich nach. „Es gibt viele davon“, bestätigt die Frau. „Vielleicht lassen sie sich zur Zeit nicht blicken, weil es ihnen zu warm ist.“ Aber wer sagt es denn? Kurz darauf lerne ich Jussi kennen. Von wegen zu warm! Er trägt eine stylische Mütze, eigenhändig von einer der Mitarbeiterinnen des Museums gestrickt.

Jussi
Jussi

Ich erfahre, dass einer wie Jussi hier ein ganz normales Leben führt. Man klettert durch die Gegend, sammelt Nüsse, vergräbt sie für den Winter. Ein beliebtes Hobby der Eichhörnchen auf Seurasaari: Touristwatching, kurz TW. Langweilig wird es nie. Wir freunden uns ein wenig an, ich lade ihn zu einem Kaffee ein. Im Café „Antin Kaffeliiteri“ gibt es Blaubeerkuchen mit Vanillesoße.

Allerdings muss ich mich fragen, ob das nicht ein Fehler war. Jussi beschließt, Seurasaari zu verlassen und mich zu begleiten. Etwas zu sehen von der Welt. Mitteleuropa kennenzulernen. Ich gebe zu bedenken, dass Seurasaari eine schöne, friedliche Insel ist, doch Jussi meint, er kennt sie zu gut.

Ich pflichte ihm bei. Wer etwas zu gut kennt, weiß es nicht mehr zu schätzen. Einen letzten Versuch starte ich noch: „Was ist mit Touristwatching? Wirst du das nicht vermissen?“ Jussi denkt nach. „Habt ihr keine Touristen da, wo du lebst?“ Natürlich haben wir auch in Nordfriesland genug dieser interessanten Spezies zu bieten.

„Du wirst sie sofort erkennen: Sie fahren langsamer Auto, haben im Supermarkt unendlich viel Zeit zum Diskutieren und schimpfen manchmal am Strand, anstatt die Ferien zu genießen. Meist aber sind sie glücklich am Meer.“ Jussi hört das gerne. Ihm sind die Touristen über die Jahre ans Herz gewachsen.

Seurasaari
Seurasaari

Gemeinsam verlassen wir das Kleinod Seurasaari und steuern den Flughafen an. Wir fliegen über Schweden zurück, blicken auf den Öresund und Dänemark. „Von oben sieht alles so blau aus“, meint Jussi. Kein Wunder, der blaue Planet ist ja zu 70 Prozent mit Wasser bedeckt. „Dann ist es ja überall wie auf meiner Insel“, meint das Eichhörnchen. Fast, denke ich. Manchmal muss man ein Stückchen fahren.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Visit Finland, die meine Reise unterstützt haben.

  1. …irre…das wäre was für mich!

  2. Ach wie süß, du hast das Hörnchen wirklich mitgenommen! ich wundere mich nicht, wenn da demnächst noch mehr von Jussi kommt
    LG Claudi

  3. Mitgenommen ist gut, liebe Claudi! Ich bin Jussi nach der Kaffee-Einladung ja kaum noch los geworden. 😉 Ne, Scherz beiseite, er ist ein netter Typ. Mal schauen, was er so macht… Liebe Grüße!

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  5. Ganz toll dort. Hab dieses Jahr Juhannus zum ersten Mal auf der Insel gefeiert. Super schön! 😉 LG Tine

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