Der leuchtende Michel

So hatte ich das nicht erwartet. Der Michel, die Hauptkirche Hamburgs liegt zwar nicht verborgen, aber eher unspektakulär in der Hamburger Neustadt. Ich komme von der Deichstraße und irre ein bisschen umher, weil ich den Michel nicht sehen kann.

Aber ich weiß, er muss ganz in der Nähe sein. Endlich! Als ich direkt davor stehe, macht die Barockkirche aus dem 18. Jahrhundert ordentlich was her. Auf einem Sockel gelegen und mit Freitreppe ausgestattet, wie es sich für ein Wahrzeichen gehört.

Eines, das auch die Seefahrer sehen sollten, zumindest den Turm. Warum eigentlich nicht ich? Vermutlich kam ich von der falschen Seite. Andere Kirchen werden oft von ihrer unmittelbaren Umgebung mit inszeniert, das ist wohl der Unterschied. Hier wirkt das Drumherum eher profan.

Engel als Kämpfer

Ich steige die Treppe hoch, blicke hinauf. Die hellen Gesimse bilden einen Kontrast zum soliden Backsteinbau, wenn man hier überhaupt von solide sprechen kann. Denn das Material beeinträchtigt in keiner Weise die Eleganz und Raffinesse der Architektur. Im Gegenteil. Die Form scheint das Rustikale des Backsteins vollständig zu absorbieren.

Erzengel in Siegerpose © Elke Weiler
Erzengel in Siegerpose

Mir fallen die riesigen Fensteröffnungen auf, das mittlere durchbrochen von einem eingelegten Bogenfenster. Mehr Transluzenz als barocke Transzendenz also? Lichtdurchflutete Räumlichkeiten, Triumpf der Leichtigkeit? Das macht mich neugierig.

Ich stehe vor dem Haupteingang und sehe den Erzengel in heroischer Kämpferpose über mir. Das Kreuz hält er wie einen Speer, unter ihm Satan, besiegt. Von meterweiter Spannbreite die Flügel des Heiligen. Michaels Körper glänzt im Lichterschein, golden, fast überirdisch. Wieder ein Spiel mit dem Licht.

Schwingungen

Im auffallend hellen Innern der Kirche wird es dann ganz deutlich. Weiß und Gold strahlen, die Pracht wirkt nie überbordend. Alles ordnet sich dem Raumerlebnis unter. Ein dynamisches Spiel aus Raumvielfalt und harmonischem Linienschwung. Mit dem Ergebnis einer inszenierten Raumöffnung. Ein Erlebnis mit visuellem Knalleffekt.

Oder übertreibe ich? Nein. Unweit von mir weitere Besucher, die ihre Begeisterung äußern. Es erscheint mir fast so, als würde der Zentralbau in sich schwingen. So mag ich Barock. Vor allem die über große Teile des Raumes wellenförmig gezogene Empore steigert diese Dynamik.

Dynamik im Innern des Zentralbaus © Elke Weiler
Dynamik im Innern des Zentralbaus

Und dann liegt auch noch Musik in der Luft: Fagott und Pauke proben – ein Stück voller Spannung. Drama. Während draußen die Dunkelheit hereinbricht, lässt die opulente Beleuchtung das Weiß der Wände und das Gold der Kapitelle strahlen.

Der Rhythmus des Raumes, die Musik – alles scheint hier prädestiniert für Konzerte. Wäre da nicht der Altar, ich würde mich wie in einem prachtvollen Konzertsaal fühlen. Trotz der vielen Dinge, der sakralen Kunstwerke, der Kanzel, des Gestühls.

Und so sitze ich einfach nur da, genieße diese schwingende, musikalische Umgebung und denke: Vielleicht ist es eine der weltlichsten Kirchen, die ich je gesehen habe. Ein Konzert, hier… beim nächsten Mal.

Am Ausgang werfe ich einen Blick auf meine Handykarte, damit ich nicht wieder Umwege laufe. „You’re lost, too?“, fragt mich ein Wartender. Grinst.

Ja, vielleicht. Ich komme gerade aus einer anderen Welt. Und höre immer noch die Musik.

Schwungkraft und Musik im Michel © Elke Weiler
Schwungkraft und Musik im Michel

Text und Fotos: Elke Weiler

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  1. da hab ich jahrelang direkt nebenan gewohnt, aber ich glaub ich war nie drinnen, im Michel. 🙁 das war wohl ein Fehler :-). Wird aber beim nächsten Mal in HH garantiert wieder gut gemacht

  2. Jetzt bin ich auf deinem Blog, wieder am Michel hängengeblieben. So ein schöner poetischer Artikel. Aber ich glaube, das habe ich schon irgendwo mal geschrieben, bei facebook, goggle, twitter oder was auch immer. Egal, SCHÖN!
    LG Simone

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