Ganz aus dem Häuschen

RAW-Gelände, BerlinRAW-Gelände, Berlin

Manchmal telefonieren sie noch in einem Häuschen, meist passiert es im Film. Aber ich kenne dieses Gefühl. Kleingeld suchen, später waren es dann Telefonkarten, die man in den Automaten geschoben hat. Mit jemandem dringend reden, während um dich herum der Bär tobt, Passanten vorbeigehen, Autos hupen.

Mitten im urbanen Leben fühlst du dich irgendwie geschützt, auch wenn es sich nur um diese schnöde Zelle handelt. Kein Lärm und kein Regen dringen ein. Maximal klopft einer gegen die Scheibe, wenn du die Zeit vergisst. Denn du hast den Rest der Welt abgehängt, stehst im Häuschen und bist ganz woanders.

Die klassische Telefonzelle stirbt aus. Vor ein paar Jahren hat die Telekom begonnen, die ausrangierten Kabinen an jeden zu verscherbeln, der die bis zu 350 Kilo schweren Teile selber abholt. Warum man eine jener überflüssig gewordenen Spezies erwerben sollte? Manche haben es aus Nostalgie getan. Andere haben ein Tonstudio oder eine Dusche darin eingerichtet.

Beliebt sind vor allem die Bücherboxen, die man hier und dort an öffentlichen Stellen findet. Für bibliophile Tauschgeschäfte. Auch im Berliner Schillerkiez steht so ein Exemplar. Dort treffe ich Benjamin Uphues, allerdings nicht in der Bücherbox. Er ist der Vermieter des coolen Apartments, dass ich während der Reisemesse beziehe.

Natürlich wollte ich unbedingt wieder nach Neukölln und dieses Mal direkt in den Schillerkiez. Berlinerin für ein paar Tage, viel Zeit ist nicht neben der Messe. Ein bisschen Kiez, Kino, Currywurst. Und sudanesische Falafel.

Ben gehört zu jenen Menschen. Wenn sie anfangen, aus ihrem Leben zu erzählen, kommt dir dein eigenes schon nach drei Sätzen spießig vor. Sechs Minuten braucht Ben für die kurze Version: geboren bei Nürnberg, aufgewachsen in Berlin, Waldorfschule, Intermezzo am Bodensee, Zivildienst auf Norderney, Surflehrer, ein paar Jahre mit dem Surfbrett um die Welt, zurück nach Berlin, Spielwarenhandel, dann wieder Surfen.

Benjamin Uphuis

Erfinder Ben

Ben erzählt, er hatte in den USA eine kleine Kette von Dunkelrestaurants aufgezogen, bevor er abermals nach Berlin kam und mit der Wohnungsvermietung begann. Aber scheinbar reicht das nicht, wenn man umtriebig ist. Ben zog Konsequenzen, er hatte drei, vier Schlüsselerlebnisse, die ihn zum Erfinder machten.

Es geht um Tanzerlebnisse auf stark begrenztem Raum, zum Beispiel in einer Art Käfig, das war ihm zuerst in London passiert: „Dabei ist eine geile Dynamik entstanden.“ Ich habe keine Ahnung, wovon Ben spricht. Wohl habe ich seine alten Surferfotos in der Bude entdeckt, und ich denke beim Surfen ist es genau andersherum. Da entsteht die Dynamik auf weiter Fläche. Dieses Gefühl von Freiheit.

Auch als wir die Telefonzelle wieder verlassen, weiß ich immer noch nicht, was Ben meint. Ich bin leicht erschöpft, die Haare stehen wüst in alle Richtungen. Aber das liegt eher am fehlenden Kamm, der tief unten im gepackten Koffer vergraben liegt.

Neugierde

Wie funktioniert das?

Ein paar Leute stehen draußen vor der Kabine, hineinsehen ist nicht möglich. Ein älterer Mann versucht sich mit dem Display an der Seite zu befassen. Ben will ihm alles erklären, doch der Mann winkt ab: „Ich mache das sowieso nicht.“ Schade, denke ich. Und dann schiebt er hinterher, vor seinen Leuten stehend: „Wer weiß, was die da drin gemacht haben!“ Sehr berlinerisch.

Wir sind in Friedrichshain, mitten auf dem abgewrackten RAW-Gelände, auch Techno-Strich genannt. Zwischen Tanzschuppen, Flohmarkt und Graffitiwänden haben wir eine Telefonzelle betreten, die Ben im Netz erstanden und umfunktioniert hat. Upcycling sei ja ein Riesentrend in Berlin.

Vormittags war ich noch nie in einer Disko, die erholen sich dann ja meist von durchtanzten Nächten. Morgens ist eher Koma angesagt. Der Techno-Strich dünstet kalten Rauch, Feuchtigkeit und Bier aus. Erst recht habe ich noch nie in einer Kabine getanzt, die sich nach dem Eintreten mit Lichtgesprenkel, Nebel und Musik füllt.

Sesam, öffne dich!

Sesam, öffne dich!

Den Song habe ich selbst gewählt, eine Entscheidung von Sekunden. Wir standen vor dem Display draußen, haben die Option Musik & Foto & Video gewählt. Dann hätte ich aus dem Netz ein beliebiges Tanzstück aussuchen können. Da viele Leute damit überfordert wären, ihnen auf die Schnelle nichts Passendes einfiele, hat Ben eine schnelle Liste erstellt.

Ich scrolle… Seite 2, 3, gehe zurück. Chaka Khan. Es kann einen jederzeit aus dem Halbschlaf reißen, dieses „Ain’t nobody“. Dope für die Füße. Sesam, öffne dich, und ab in der Zelle. Chaka Khan legt los, wir werfen die Arme in die Höhe, lachen, hopsen wie auf Kommando. Auf eingeschränktem Platz geht die Bewegung automatisch nach oben.

Ein dritter Tänzer hätte locker noch zwischen uns gepasst, auch ein beleibter. „Zu fünft entfaltet sich die volle Magie“, hatte Ben gemeint. Ich bezweifle das ja. Der Weltrekord liegt übrigens bei neun Tänzern in den Telefonzelle. Eine kleine Akrobatin haben sie dafür quasi obendrauf gehievt.

Let's fetz!

Let’s fetz!

Ben hat natürlich mitgemacht, fühlte sich aber seltsam, so direkt neben der Nebelmaschine. Nun tanzen wir zu zweit, die Stimmung ist gut, Chaka Khan sei dank. Ich darf auch mal an die Knöpfe, mit denen man Fotos, Lightshow und Nebel auslösen kann. In einem lichten Moment fällt mir außerdem auf, dass die Tapete in der Kabine so ähnlich wie bei Ben zu Hause ist.

Ich vermisse nichts, denke nicht an die Leute draußen, an Berlin, an die Weite des Tempelhofes Feldes, die ich am Morgen erfahren habe. Kalt war’s, zugig. Ich hüpfe, losgelöst von Zeit und Raum. Ben singt mit. Beim Tanzen stoße ich ständig an die dünne Wand, die meine kleine, benebelte, mit Flackerlicht aufgepeppte Welt von der normalen Samstagseinkauf- und Flanierwelt draußen trennt.

Klack, der Kameradeckel fällt zu Boden. Keine Zeit, kein Platz, ihn aufzuheben. „Ain’t no nobody… makes me happy, makes me feel this way…“ Ich drücke auf einen der bunten Knöpfe, „surprise“ steht dran. Was tut sich? Tut sich was? Nein, ich verrate es nicht! Tanzen macht glücklich, es wird überhaupt zu wenig getanzt auf der Welt.

Fun, fun, fun

Fun, fun, fun…

Zwar hat sich bei mir die von Ben beschriebene Euphorie nicht eingestellt, aber dazu bräuchte es mehr Tänzer, so Ben. Und was die Welt vielleicht braucht, ist eine flächendeckende Einführung von Tanzkabinen. Teledisko nennt Ben das.

Wann wohl der erste Minitanzschuppen am nordfriesischen Deich aufpoppt? Drei Minuten tanzen hat für mich die gleiche Wirkung wie drei Minuten Sonnenlicht an einem grauen Tag. Und bei Ben kann ich mich nur bedanken.

Text und Fotos: Elke Weiler

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8 Kommentare

  1. Ich war ja so neugierig auf die Geschichte. Scheint mir ja eine spaßige Sache zu sein 🙂 Hoffentlich gibt es bald eine Disco-Zelle in Rotterdam, dann treffen wir uns mal auf ein Tänzchen.
    LG Simone

    • Bist du wieder schnell! 🙂 In Rotterdam kann ich mir das super vorstellen. Aber wir können uns da natürlich auch zunächst mal ohne Zelle treffen, wenn der Ben dafür noch Zeit braucht. Zum Beispiel in einem Dachgarten. Oder in dieser Markthalle? Liebe Grüße, Frau Schafhirtin Dipl.! 😉

  2. Sehr coole Geschichte, auf die ich auch schon überaus gespannt war. Wenn wir uns das nächste Mal nach der ITB treffen, müssen wir mal gemeinsam in dieser Telefonzelle abrocken. Unser Kino-Abend im Schillerkiez war wieder sehr schön!
    Herzliche Grüße, Meike

    • Danke, liebe Meike! Genau, nächstes Jahr schließen wir das in unsere „Traditionstour“ ein! Am besten nach dem Kino. Ich fand’s auch super und bin gespannt, wie es bei dir weitergeht, drücke dir die Daumen! Sag mal Bescheid, wenn da was online geht in meiner alten Heimat. 🙂 Liebe Grüße, Elke

  3. Sehr witzig. Fürs Abrocken in der Telefonzelle wäre ich auch zu haben.
    Meine letzte gelbe habe ich in Sibiu, Rumänien gesehen. Allerdings die halboffene Variante und noch ganz klassisch mit Telefonanschluss.

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