Kaffee mit Kardamom

Als mir Narcy Calamatta auf der Straße entgegen kommt, habe ich nicht die geringste Vorahnung. Ich werde die nächsten Tage mit einer maltesischen Celebrity verbringen. Mit einem Insel-Promi, der schon zu seinen Schauspielerzeiten auffiel, hat er doch als Erster in einer TV-Serie Malti gesprochen.

An diesem sonnigen Tag in Valletta erfahre ich mehr. Über Malta, seine Hauptstadt, die Geschichte der Insel und das Leben des Künstlers. Narcy war Bühnenbildner am Theater, Direktor und Filmproduzent. So nimmt es nicht Wunder, dass der heute 76-Jährige Gott und die Welt kennt.

So auch im Caffe Cordina auf der quirligen Triq Ir-Repubblika. Narcy entschuldigt sich für seinen Besuch am Nachbartisch: „Ich habe sie schon länger nicht gesehen.“ Eine illustre Runde elegant gekleideter Senioren. Wie Narcy, der trotz der Wärme im Anzug mit leichtem Jackett und Krawatte auftritt. „Heute trägt ja jeder Jeans!“

Caffe Cordina
Traditionell im Café

Wir probieren Qassatat und Pastizzi, mit Spinat, Erbsen oder Ricotta gefüllte Teigtaschen, einst recht beliebt unter Einheimischen – als Frühstück oder Light Lunch. Narcy meint, die Älteren zögen heute noch für Kaffee und Pastizzi aus, die Jüngeren hingegen hielten das für altmodisch.

Auf dem Misraħ ir-Repubblika, dem Republic Square, sitzen Geschäftsleute, Beamte und Touristen in den Cafés, dahinter thront Queen Victoria mit königlicher Geste. Ins Leere geht ihr Blick, eine zerzauste Taube hat sich auf dem ausgestreckten Arm niedergelassen. Das Herz des alten Vallettas, das sich mit barocker Noblesse über die Landzunge zieht, zu drei Seiten von Häfen, vom Meer umarmt.

Überall das Meer
Überall das Meer

Immer wieder erwähnt Narcy die Kreuzritter, die das Leben auf der Insel bis heute mitgeprägt haben. Dabei herrschte der Johanniterorden erst ab dem 16. Jahrhundert auf Malta, seit dem 9. Jahrhundert waren es die Araber gewesen, die ihre Spuren hinterließen, nicht zuletzt in der Sprache: Malti entstand aus maghrebinischem Arabisch, gespickt mit italienischen Lehnwörtern wie grazzi oder natura.

Die nächsten Nachbarn sind Sizilianer, und das macht sich im maltesischen TV-Programm mit gefühlt Hunderten italienischer Sender bemerkbar. So überrascht es mich nicht, dass der Durchschnitts-Insulaner neben Englisch und Malti auch fließend Italienisch spricht. Für einen illustren Italiener, der sich zu Kreuzritterzeiten auf der Insel verewigte, lohnt sich allein der Besuch Valettas: Caravaggio mit seinen Bildern der Enthauptung Johannes des Täufers und des Heiligen Hieronymus.

Künstlerlicht
Künstlerlicht

Caravaggios Werke dominieren den Raum in der St. John’s Co-Kathedrale, der vor Leben überquillt. Zahlreiche Besucher, die sich der Architektur und den Kunstwerken widmen, die mit offenen Mündern flanieren, nicht wissend, was oder wem sie zuerst ihre Aufmerksamkeit schenken sollen. Überfordert, auf den raschen Konsum ausgerichtet, der so oft unser Leben bestimmt.

Und so scheint es, als seien Caravaggios Bilder vom Anfang des 17. Jahrhunderts das Lebendigste in diesem Raum. Ich möchte jetzt gar nicht ganz kunsthistorisch vom lebhaften Helldunkel in der Malerei Cravaggios reden, vom Chiaroscuro. Es geht um mehr als Plastizität und Naturalismus. Eine starke Ausdruckskraft, das Temperament eines Menschen, der mit jeder Faser lebte.

Ftira bei Nenu The Artisan Baker
Ftira bei Nenu

Nach dem Ausflug in die Geschichte bitte ich Narcy, mir das aktuelle Valletta zu zeigen, ein Stück davon. Weg von den ewigen Kreuzrittern. Er will mir Renzo Pianos Hinterlassenschaft zeigen, doch zuvor statten wir Nenu in der St. Dominic Street einen Besuch ab. Denn Malta heißt auch immer gut und viel Schlemmen.

Nenu „the Artisan Baker“ hat eine historische Bäckerei in Museum, Backstube mit 100 Jahre altem Ofen und Restaurant aufgeteilt. Seine Spezialtät: Ftira. „Wie ein flaches Brot“, meint Narcy. Die einen nennen es maltesische Pizza, andere sprechen von Foccaccia, und die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Helwa tat-Tork
Helwa tat-Tork

Zunächst schauen wir dem Ftira-Beauftragten in der Backstube über die breite Schulter, inhalieren schon mal diesen verheißungsvollen Duft und freuen uns auf das, was kommt. Die Ftira braucht bei über 200 Grad im Holzofen nicht lange. Nenu empfiehlt als weitere Spezialität des Hauses Ravjul mit Kaninchen als Vorspeise.

Das Kaninchen erfreut sich übrigens einer längeren Geschichte auf Malta. Eingeführt von wem wohl? Korrekt, den Kreuzrittern, die auf der Insel nichts zu jagen fanden. Hatte der Falke die Beute an einer für das ritterliche Pferd eher unwegsamen Stelle abgeworfen, bedienten sich die Einheimischen. Später züchtete fast jeder Kaninchen im eigenen Garten.

Kaffee mit Kardamom
Kaffee mit Kardamom

Auf meinen fragenden Blick hin schlägt der Chef des Hauses vor, die Ftira von nicht geringer Größe mit Narcy zu teilen. Wir einigen uns auf die Ta‘ Nenu-Ftira mit getrockneten Tomaten, Oliven, maltesischem Ziegenkäse, Zwiebeln, maltesischen Würstchen, Kapern und Thymian. Das Ergebnis wird immer mit Sesam bestreut.

Und zum Nachtisch, der eigentlich kaum noch passt: Mzaret, ein frittiertes Gebäck mit Datteln und maltesischer Eiscreme, die traditionell Zitronenschale, Nüsse und kandidierte Früchte enthält. Sehr gut auch das Helwa tat-Tork, eine Süßigkeit auf der Basis von Sesampaste mit Feigenpüree. Dazu darf nicht fehlen: maltesischer Kaffee mit Kardamom und Zimt.

Rollend durch Valletta
Rollend durch Valletta

Anschließend rolle ich durch die Stadt, nicht selten an leerstehenden Altbauten vorbei. Das Palazzo-System soll teilweise Abhilfe schaffen, ein bisschen nach dem Vorbild des italienischen Albergo diffuso, wo sich touristische Infrastruktur, Hotel oder Bed & Breakfast und Restaurants über einen Ort verteilen, eingelassen in bestehende Strukturen.

So wohne ich in Valletta im Prince d’Orange, einem jener neu genutzten Paläste. Mein Apartment liegt im Erdgeschoss und öffnet sich zu einem Patio. Vom Dachgarten aus kann ich den ablegenden Kreuzfahrtschiffen zuschauen. Mehr brauchst du nicht.

Renzo Piano in Malta

Endlich stehen wir vor dem neuen Parlament. Wie verträgt sich das mit den umgebenden Bauten? Mit Barockformen und Holzbalkonen? Wie weit wagt sich der Architekt Renzo Piano inmitten des Weltkulturerbes vor? Ausgeschrieben wurde das Projekt zur Neugestaltung des City Gates nie, des sogenannten Bieb il-Belt.

Kulturdirektor Peter Seracino Inglott hatte Piano persönlich gekannt, weiß Narcy. Ein maltesischer Philosophieprofessor, den er als „Kultur-Guru“ bezeichnet. So erhielt Piano in den 80ern einen Direktauftrag der damaligen Regierung. Doch das neue Parlamentsgebäude erachtet so mancher Malteser als entbehrlich.

Neues Parlament
Neues Parlament

Nicht nur wegen der Architektur, die durch das Zitat der Festungsmauern etwas brüsk erscheinen mag. Auch wegen des Leerstands in der Altstadt. Nun nimmt das Neue also Bezug auf Bestehendes, zumindest gedanklich. Architektur, die reflektieren will? Doch weshalb wieder einmal einen Bezug schaffen auf die Zeiten der Verteidigung? Ist das zeitgemäß?

Ich bin hin und hergerissen. Einerseits fasziniert mich die Leere zwischen den klaren Einschnitten, der neue Raum. Andererseits hätte eine losgelöste Vision sich auf ihre Weise in das Altstadtensemble einfügen können. Denn einen Kontrast hat Renzo Piano so oder so geschaffen.

Sich wiederholende, schmale Fensteröffnungen, die an Schießschächte erinnern. Glatte, abweisende Flächen. Nur der Farbton passt sich dank des maltesischen Kalksteins an. Piano abstrahiert, spielt mit geometrischen Formen. Er momentalisiert, er gibt Licht und Schatten einen eigenen Raum. Er knüpft an vergangene Zeiten an, ist aber durch und durch modern.

Vielleicht gewöhnt Valletta sich daran, irgendwann. Vielleicht hätte es andere Wege in die Moderne gegeben, die nicht an die Historie, sondern an die Leichtigkeit eines Ortes anknüpfen, der über dem Wasser schwebend mit dem Fels verschmilzt.

Aufgelöst
Aufgelöst
Lieblingsfarbe
Lieblingsfarbe
Kaktusfeigen
Kaktusfeigen
Wasserspiele
Wasserspiele
Lichtspiele
Lichtspiele
Modernität
Modernität
Tradition
Tradition

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Visit Malta, die meine Reise ermöglicht haben.

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  1. Ganz lieben Dank für die Erinnerungen, die gerade zurückgeschossen kamen! Auf Malta habe ich mal ein knappes halbes Jahr verbacht.
    Was für ein toller Bericht und wie schön du Valletta eingefangen hast! Das Licht dort hatte ich beinahe vergessen…
    Vor 5 Jahren war der sonst imposante Eingang zu Valletta (Landseite) noch eine einzige Baustelle, aber imzwischen ist sicher alles schick? Mit Roller und Blick auf den Hafen, was für ein Traum!
    Und Ftira, chihi

    Liebe Grüße, so von Meer zu Meer!
    Conny

    • Liebe Conny, danke dir! Ein halbes Jahr auf Malta, wow! Das war bestimmt ein Traum. Hast du dort gearbeitet? Ja, die Baustelle ist fast weg. Es soll wohl noch ein Garten angelegt werden. Liebe Grüße, Elke

      • Einen weiteren Garten kann ich mir dort richtig gut vorstellen 🙂
        Ja, in Pieta hane ich mein Auslandspraktikum absolviert. Gewohnt habe ich die meiste Zeit in Sliema, aber am liebsten war ich in Valletta 🙂
        Es war eine schöne Zeit, auch wenn ich sie wegen der sehr warmen Temperaturen erst ab Oktober so richt genießen konnte 😉
        Wird es vielleicht noch weitere Berichte geben? Warst du auch in Mdina?

  2. Kaffee mit Kardamom ist schon seit Jahren Standard bei uns! 🙂

  3. Right in time! werde ich im Juni alles ausprobieren!! 😀

  4. Hört sich alles verlockend an!

  5. Was für tolle Fotos ! Malta – da fange ich doch gleich mal mit Träumen an ! Vielleicht kriege ich es in unseren 3-monatigen Europa-Aufenthalt nächstes Jahr noch rein ?

  6. Pingback: Die Dghajsa – das traditionelle Boot Maltas

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