Ziegen, die von Bäumen feixen

Endlose Olivenplantagen rechts und links der Schnellstraße. Wir fahren durch die Souss-Ebene von Marrakesch nach Essaouira. Der Süden Marokkos. Überall rotbraune Erde, Orangen und Weinreben. Am Straßenrand Kakteen, freilaufende Hühner, Müll. Am Horizont die Ausläufer des Atlasgebirges.

Mubarrak erzählt, dass 40 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig sind. „Hier freut sich keiner über den strahlenden Himmel, die Bauern freuen sich über Regen.“ Da hatten sie in den letzten Tagen wohl genug Grund zur Freude, denke ich.

Streunende Hunde, die aus Pfützen trinken. Die von der Straße weggehupt werden, im letzten Augenblick. Die in Rudeln durch die Gegend laufen. Unser Guide meint, dass jede Familie auf dem Land gerne einen Hund und eine Katze hält, denn das gilt als Zeichen von Wohlstand.

„Die Katze darf einfach niedlich sein, der Hund bewacht das Haus“, fährt Mubarrak fort. „Er darf auf keinen Fall hinein. Sonst verlassen die Engel für 40 Tage das Haus, sagt man bei uns.“

Ich überlege, wie es mit zwei Hunden ist. Zwei, die verzogen sind, sich nach Belieben auf Sofas herum lümmeln und in der Küche allzu selbstbewusst ihren Anteil fordern. Lieber erzähle ich Mubarrak nicht, dass die Engel unser Haus komplett meiden.

Das Land wird karger, Schafsherden ziehen über Stock und Stein, die wenigen Gräser dazwischen suchend. Immer noch Ölbäume, dazwischen vereinzelt Zypressen, deren Form mich an die Männer im Kapuzengewand erinnert. Die Djellaba, die Mubarrak heute nicht trägt.

In der Ebene von Souss

Und dann sehen wir endlich Arganbäume, die so typisch für die Ebene von Souss sind. Sie ähneln den Ölbäumen ein bisschen. Doch es gibt ein ganz entscheidendes Merkmal, um sie auch mit Laienaugen rasch zu erkennen.

Die Ziegen sind schuld

Kaum dass Mubarrak uns von ihnen erzählt, kaum dass der Kollege von einem entsprechenden Foto fantasiert, sehen wir sie schon, die lebende Baumdekoration. Ein Arganbaum am Straßenrand. Und darauf optimal verteilt? Die Ziegen!

Nein, der Ziegenhirte hat sie nicht gezwungen, hat sie nicht hinauf gelockt und auch nicht dazu genötigt, reglos auf dünnen Ästen zu stehen. Dennoch glaube ich nicht an solche Zufälle. Die Ziegen sind Poser, in diesem Fall ist das klar wie der marokkanische Himmel über uns.

Die Sonne brennt über unseren Köpfen, doch die Ziegen stehen reglos auf dem Arganbaum. Es gilt das ungeschriebene Gesetz der Ebene von Souss: Wo Arganbäume sind, findest du Ziegen auf den Ästen. Sie ernähren sich nämlich von den Blättern und knabbern das Äußere der Nüsse ab.

Der Rest wird dann aufgelesen, und der Kern zu dem kostbaren Arganöl verarbeitet. Noch bevor wir die Frauenkooperative erreichen, stoppen wir also. Wegen der Ziegen. Vor uns ein weiterer Bus, der kurz angehalten hatte.

Nach dem ersten Fotorausch und schüchternen Annäherungsversuchen „Ist das oberaffengeil!“ – wobei die Assoziation zu den Affen hier mehr als angebracht erscheint – kommt die Ernüchterung. Der Ziegenhirte, der zuvor noch muffelig unter dem Baum hockte, geht von einem zum anderen und sammelt Geldstücke.

Here’s looking at you, kid!

Die Ziegen schauen uns an, feixen sie gar? Frech, dieser Blick: „Noch nie ’ne Ziege auf ’nem Baum gesehen?“ Es muss ein touristischer Reflex sein, aus einem Bus zu springen und mit unverhohlener Begeisterung zu knipsen. Ja, wir sind ein dankbares Publikum in diesem Freiluftzirkus.

Aber was passiert mit den Kernen der Arganfrüchte, wenn die Ziegen sie wieder ausgespuckt haben? Die Bauern sammeln sie, rösten sie über dem Feuer, dann startet die Ölproduktion. Speiseöl mit intensivem Nussgeschmack entsteht, 12 Stunden Arbeit stecken in einem Liter.

In der Frauenkooperative
In der Frauenkooperative

Die Herstellung kosmetischen Öls ist noch aufwendiger und teurer. Mubarrak sagt: „Nur hier und in Mexiko kommt der Arganbaum vor.“ Bald darauf haben wir die Frauenkooperative erreicht. Die Nüsse werden in Handarbeit „geknackt“ und zwar mit Schmackes!

Die Hülle ist eine harte Nuss

Bei der äußeren Hülle denke ich noch: „Alles easy.“ Doch dann gehe ich weiter, verfolge die einzelnen Schritte der Bearbeitung, von Frau zu Frau. Hadija lädt mich ein, neben ihr Platz zu nehmen. Sie drückt mir einen ergonomisch geformten, glatten Stein in die Hand und zeigt mir, in welchem Winkel ich ansetzen muss.

Mit einem einzigen präzisen Schlag setzt sie den Kern im Kern frei. Doch die letzte Hülle ist eine harte Nuss. Schlage ich zu, kratze ich noch nicht mal an der Schale. Hadija lächelt. Zum Abschied schenkt sie mir drei Argannüsse, und ein Foto soll ich machen – zusammen mit ihr.

Die charmanten Kollegen legen mir nahe, dort zu bleiben, denn ich hätte vortrefflich in die Reihe gepasst. Über den Verdienst der Frauen gibt man uns in der Kooperative keine Auskunft, dafür werden wir in den Shop umgeleitet.

Eine Mitarbeiterin erklärt uns alle Bio-Produkte ausführlich, und zwar in einer sympathischen Englisch-Deutsch-Mischung. Wir kaufen Cremes und Speiseöl, bis der Kartenrahmen gesprengt wird. Den Profit des Unternehmens teilen sich die Frauen, so heißt es.

Bevor wir in Essaouira landen, noch ein letzter Fotostopp: die Stadt und das Meer zu unseren Füßen. Speziell für mich: der Fuchs und der Esel. Denn auch dort haben sich schon die Poser aufgestellt und warten.

Charming boys
Charming boys

Der Mann mit den schönsten Zähnen von ganz Marokko drückt mir die Leine seines Tieres in die Hand: „Ich mache ein Foto von dir.“ Und ich mache einen Fehler. Denn eigentlich gilt die strenge Regel: „Stimme das Honorar vorher ab!“ Nachher hast du nämlich keine Chance mehr.

Fünf Euro sagt der Mann nachher zu mir. Für ein Fünf-Sekunden-Shooting? Als ich sie ihm zähneknirschend gebe, meint er doch glatt: „Und fünf für den Esel!“ Jetzt muss ich aber lachen. In Marokko ist nichts umsonst, auch nicht das Lächeln der Ziegen und Esel.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Öger Tours, die diese Reise ermöglicht haben.

  1. Die Ziegen sind ja wirklich süß und als Baumkletterer für Kinder doppelt interessant. Ein weiterer Punkt der für Marokko als Reiseziel spricht. Danke für die schönen Bilder.

    Liebe Grüße und Prosit Neujahr!
    Christina

    • Danke, liebe Christina! Dir auch alles Gute für 2015! Ja, das kann ich mir vorstellen, dass die Kids vor dem Ziegenbaum große Augen kriegen, das ging ja schon den Erwachsenen so. 😉

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  5. sehr schön das zu sehen, ich stamm selber aus marokko ich Lebte 6 jahren in Agadir , der Arganbaum war immer ein sensation .
    der arganöl und amlou waren täglich auf dem Tisch .
    was für mich neu war das auch in Mexiko Arganbaum gibt

    • Ja, das mit Mexiko hat mich auch überrascht, als ich es gehört habe. Aber in Marokko existiert das einzige Biosphärenreservat der UNESCO, die Arganeraie. Was ist denn Amlou?

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