Knipp vor Kunst

Der Frauen-Erwerbsverein. Die erste emanzipatorische Bewegung in Bremen, so erzählt Ulrike Hubig. 1867 gegründet.

Ihre eigene Großmutter, Jahrgang 1900, trat später ein, belächelt von den Herren der Schöpfung. Jene nannten ihn am liebsten den „Frauenverderbsverein“.

Und doch engagierten sich auch Männer als Mitglieder im Klub, der die „Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts“ fördern sollte. Sowohl Kunstgeschichte als auch Kochen zählte zu den Ausbildungsfächern der angeschlossenen Schule.

Zwei Themen, die sich gut und gerne kombinieren lassen, auch heute. Oder gerade heute? Und vor allem in einer Stadt wie Bremen.

Etwa in der berühmten Böttcherstraße, ein expressionistisches Gesamtkunstwerk und für Bremen ungefähr das, was die Hackeschen Höfe für Berlin bedeuten. Schick renovierte Architektur und neues Leben durch kleine Geschäfte und interessante Museen. Ein Kino, zwei Hotels. Die Böttcherstraße, ein Touristenmagnet.

Und geschlemmt werden darf dort auch, umgeben von den schönen Künsten in dieser schönen Gasse. All das verbindet die 2011 eröffnete Gastrogalerie „kunst & lecker“.

Die Inhaberin möchte ihre Freude an den Werken von fünf Bremer Künstlern mit ihren Gästen teilen. Kein Wunder. Die Plastiken etwa der Bildhauerin Marianne Huhs wirken heiter-ironisch und bisweilen sehr alltagstauglich. Das beste Beispiel dafür gibt die kurvige Kerzenleuchterfigur „Mit Frida auf Erden“.

Typische Bremer Küche: Knipp

Der freche Engel in Badekleidung sei beliebt bei den Gästen, schon einige Male hat Ulrike Hubig ihn verkauft. Natürlich ist die Auflage limitiert. Als Postkarte hingegen nicht. Und günstiger ist das auch.

Darüber hinaus zieren erschwingliche Kunstwerke aus dem Blaumeier-Atelier die Wände im hinteren Bereich des Cafés. Bunte Porträts beispielsweise, expressiv, erheiternd. In der Bremer Institution arbeiten Künstler mit und ohne Behinderung.

Die Gastgeberin freut sich über jedes Interesse an den Ausstellungsstücken. Und doch ist auch herzlich willkommen, wer einfach nur im künstlerisch aufgeladenen Ambiente speisen möchte.

Typisch bremische Küche kommt auf den Tisch – originell in Weckgläsern serviert, schließlich will man dem anspruchsvollen Drumherum gerecht werden. Und da wäre ein Teller doch zu profan gewesen.

Die Weckgläser gehen also nicht auf die oben erwähnte Oma und traditionelle Küchengewohnheiten zurück. Was frisch aus der Kche kommt, schon. Ulrike Hubig hat das Kochbuch ihrer Großmutter geerbt: Originalrezepte aus dem letzten Jahrhundert, schnörkelfrei, deftig. Und optisch ansprechend – dank gläserner Präsentation.

Wir hatten das schon von der Böttcherstraße aus begutachtet. Zunächst fiel uns die lustige Skulptur des bäuchigen Mannes vorm Eingang auf. Dann begegneten wir bei einem Blick durch die Fensterscheibe strahlenden Gästen im Innern des Lokals. Also nichts wie rein.

Labskaus kenne ich, Pannfisch auch – obwohl er hier anders zubereitet wird als in Nordfriesland. Also etwas Ur-Bremisches muss es sein: Knipp! Schwein, Rinderleber und Hafergrütze, klein gehackt und kross gebraten.

Ein Muss im Norden: rote Grütze

Hört sich gewöhnungsbedürftig an, schmeckt aber einwandfrei. Dazu sehr leckere Bratkartoffeln. Und hier muss ich dazu sagen: Als diplomierte Bratkartoffelkennerin bin ich durchaus wählerisch.

Zwar empfiehlt die aufklärerische Speisekarte Bier und Korn „achterropp“ nach diesem herzhaften Gericht. Doch ich habe nur die Touristenprobierportion im kleineren Weckglas gewählt. Rote Beete und Gurkensalat kam übrigens auch mit.

Und zum Nachtisch? Ohne eine Portion rote Grütze mit flüssiger Sahne geht gar nichts. Espresso. Fertig. Köstlich. Satt. Wie mag das erst nach einer „normalen“ Portion aussehen?

Ulrike Hubig erzählt, dass Großmutters Kochbuch schon reichlich ramponiert sei. Wen wundert’s. Schließlich haben ja auch schon drei Generationen beim Nachkochen Fettflecken etcetera hinterlassen.

Hauptsache, die Gastgeberin kann noch identifizieren, wie man das Bremer Kükenragout zubereitet. Das möchte ich nämlich gerne beim nächsten Besuch probieren. Mit jungem Hühnerfleisch und Krabben. Oder die Kartoffelsuppe mit Lachs.

Denn die Lachse, so erfährt man ebenfalls aus der Speisekarte, haben sich zu Zeiten der emanzipierten Großmutter noch eifrig in der Weser getummelt.

Nachtrag am 2. November 2015: Wie mir die Bremen-Insidern Carolin von „Esel unterwegs“ anvertraute, existiert das „kunst & lecker“ nicht mehr auf der Böttcherstraße. Sie sind zur Sachsenstraße 19 gezogen, siehe Website!

Text und Fotos: Elke Weiler

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