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Im Bremer Schnoor

„Hier stinkt es nach verfaultem Fisch, hier riecht man die Schweiß der Arbeiter.“ Nachtwächter Edwin hat uns bei Einbruch der Dunkelheit durch das Schnoor geleitet, das alte Viertel der Schnur- also Taumacher, der Handwerker und Fischer.

Wenn ich mir eines nicht vorstellen kann, dann diese Realität im 16. und 17. Jahrhundert. Heute ist alles wie aus dem Ei gepellt, voller kleiner Läden mit Krimskrams, Klamotten und Kunst. Eis, Tapas und Bremer Spezialitäten. Plus Theater und Institut für Niederdeutsche Sprache. Der Schnoor lebt.

Und er gilt als das erklärte Lieblingsviertel aller Besucher. Mit seinen niedrigen Fachwerkhäusern, Rosenranken und hohlen Gassen. Statt verfaultem Fisch wabern heute Schokoladen-, Pizza- und Bratkartoffeldüfte durch den Schnoor.

Bis zu jenen schmalen Durchgängen, die so manch breitschultriger Mensch nur schräg begehen kann. Der eine oder andere zieht beim Schräggehen auch noch den Bauch ein oder hält die Luft an.

„Hallo“, höre ich hinter mir jemanden sagen. Ein Ton, der mich aufhorchen lässt. „Hallo?“, antworte ich in ähnlicher Frequenz zurück und richte mich auf. Ich habe einen Baum von unten fotografiert und mir den Unmut eines Touristen zugezogen. Scheinbar störe ich das idyllische Gesamtarrangement.

Ein niederländisches Paar möchte auch gerne auf den Auslöser drücken. „Das T-Shirt stört!“ Jetzt lacht der Mann, meint er doch das knallige Orange. Ich verstehe und signalisiere mich umzuziehen.

Jedes Mal, wenn wir uns wieder über den Weg laufen – und das ist in Vierteln wie dem Schnoor vorprogrammiert, müssen wir beide breit grinsen. Oranje! Als gebürtige Niederrheinerin wird man je nach Sichtweise eh zu Ostholland gerechnet.

Lieblingsviertel sind intim, man spricht miteinander. Nach drei Rundgängen kenne ich jeden Ladenbesitzer, weiß, welche Nationalitäten unterwegs sind, und was gut ankommt. Die stets präsenten Bremer Stadtmusikanten zum Beispiel. Der lesende Esel.

Text und Fotos: Elke Weiler

Der visuelle Ausflug zum Bremer Schnoor ist der erste Teil der Meerblog-Serie „Lieblingsviertel“. Mehr über Bremen: „Eine Kindheit im Hafen“.

Mit Dank an die Bremer Touristik-Zentrale, die diese Reise unterstützt haben.

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Elke

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

  1. markus says:

    wenn ich nicht auch dauernd in der welt umhertingeln wuerde, waere ich im schnoor. vielleicht eine der schoensten ecken im norden. danke, tolle eindruecke! auch nichts fuer heisse tag, aber: ich trinke besonders gern im winter gluehwein in den engen gassen des schnoors.

  2. Mandy Diarra says:

    Hallo Elke,
    Ich teile deine Meinung.
    Der Schnoor ist einer der schoensten Orte Bremens mit vielen Geschichten aus der damaligen Zeit.
    Die Geschaefte, die Menschen und die Gassen sind ein Besuch wert. (Oder doch mehr?)
    Ich wuensche dir viel Spass und viele positive Eintraege.
    LG Mandy

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