Das Schaf checkt die Lage. Es kommt ein Stück näher, läuft parallel zum Zaun, zupft hier und da einen Grashalm und schafft es, gleichzeitig gezielte Mähs von sich zu geben.

Die Kollegen antworten, schließlich muss die Nachricht von der „Front“ ja flott verbreitet werden. Zwischen dem Beobachtungsposten des Naturerlebnisraums Koldenbüttel und dem Lehrpfad über Deiche und Wiesen muss der Besucher jenen Schafsbereich durchqueren.

Scheue Schafe im Naturerlebnisraum Koldenbüttel

Eventuell an der Pforte im Schatten ruhende Tiere schrecken dabei automatisch hoch und suchen lieber das Weite. Man weiß ja schließlich nie, was, beziehungsweise wer da kommt. Ist gar ein Hund unter den Naturinteressenten, verzieht man sich prophylaktisch im Galopp.

Auf der vier Hektar großen Fläche zeigt die Gemeinde Koldenbüttel in der Nähe des Holländerstädtchen Friedrichstadt, dass die Marsch gleichzeitig Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere sowie von Menschenhand geprägte Kulturlandschaft ist.

Leider kommt das unmittelbare Naturerlebnis heute oft zu kurz, weil niemand quer über die Fennen rennen kann, die größtenteils land- oder viehwirtschaftlich genutzt werden. Zäune, wohin das Auge blickt.

Weil man sich in Koldenbüttel aber gedacht hat: ohne Naturerleben keine Naturverbundenheit und damit auch kein Sinn für Naturschutz, schuf man für einen entsprechenden Raum, der die für die Gegend typische Landschaft näher bringen soll.

Ein idyllisches Fleckchen Erde am Ortsrand des Dorfes, gespickt mit erklärenden Schildern. Wer also immer schon mal wissen wollte, woraus eine Warft oder ein Deich besteht, warum die Schafe darauf gerne gesehen sind und andere Tiere nicht, läuft hier goldrichtig den Lehrpfad entlang.

Eigentlich ist die Marsch natürliches Schwemmland und als solches relativ jung – verglichen mit der Geest und dem östlichen Hügelland Schleswig-Holsteins, die während der letzten Eiszeit entstanden sind. Aber warum ist die Marschlandschaft dann so ordentlich gewellt?

Ein essentieller Punkt für die Bewirtschaftung ist das System der Entwässerung durch Grüppen, Gräben und Siele. Der Ackerbau prägte lange Zeit die benachbarte Halbinsel Eiderstedt.

Erst Anfang des 19. Jahrhunderts gingen mehr und mehr Bauern zur Viehzucht über: Kühe und Schafe wurden über Tönning nach Großbritannien verschafft. Die heute oft hier grasenden schwarz-weißen Kühe werden noch aus dieser Zeit überall „Holstein-Frisians“ genannt.

Ein Späting in der typischen Marschlandschaft

Der Wind streicht sanft über Wiesenschaumkraut und hohes Gras, das im Naturerlebnisraum nur einmal im Jahr gemäht wird. Doch bei intensiver Nutzung mäht ein Bauer mehrmals jährlich, was zu weniger Artenreichtum auf den Fennen führt, aber die Produktion der Silage ankurbelt.

Das Wasser eines noch nicht ganz sommertrockenen Spätings glitzert in der Sonne – ein Loch, das übrig blieb, wenn früher mit dem Spaten Kleiboden für den Deichbau ausgehoben wurde. Vor der Erfindung des Baggers!

Allerdings werden auch tieferliegende, immerfeuchte Flächen ehemaliger Priele oder Flüsse in Koldenbüttel Späting genannt. Über die Sielanlage kann aus den Gräben ablaufendes Wasser letztendlich in die nahe Treene gelangen.

Oder an anderen Orten auch ins Meer. Denn das ist ja in Nordfriesland nie weit weg.

Text und Fotos: Elke Weiler

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Elke

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

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