Nach meinen Lesetipps für Schweden geht es jetzt weiter mit der Serie „Fünf Bücher – ein Land“. Während des Studiums, vor allem während und nach meiner Zeit in Rom habe ich die meisten Bücher aus Italien verschlungen. Abseits der Klassiker möchte ich heute ein paar Tipps geben – Bücher, die mich auf unterschiedliche Art beeindruckt haben. Plus einen aktuellen Titel, mit dem ich beginne: das Werk eines Kollegen, der in Italien lebt.

„KRach der Kulturen um einen Fahrstuhl an der Piazza Vittorio“ von Amara Lakhous

Manchmal begegnet man einem Buch durch Zufall und freut sich über einen außergewöhnlichen Titel. Etwas lang, klar, aber er bringt eine Sache auf den Punkt, dessen Sichtweise die im Haus wohnenden Menschen aus diversen Kulturkreisen charaktersiert. Etwa den aus Mailand stammenden Professor. Oder der aus Neapel stammenden Hausmeisterin. Allein zwischen diesen beiden Figuren liegen Welten. Einen holländischen Filmstudenten mit einem Hang zur Nostalgie, den man in Rom automatisch bekommt, wenn man ihn nicht schon mitgebracht hat. Einen Koch aus dem Iran und guten Freund von Amadeo, um den sich alles dreht. Amadeo stammt nicht aus Italien, heißt eigentlich Ahmed, und doch denken alle, er wäre Italiener, so perfekt ist er integriert. Um nicht zu sagen: assimiliert. Im Gegensatz zu den anderen Mitbewohner:innen. Doch Amadeo ist verschwunden. Und jeder Hausbewohner erzählt seine Wahrheit, seine Version der Geschichte. Könnt Amadeo ein Mörder sein, ausgerechnet der sympathischste Mensch im ganzen Haus?

Amara Lakhous stammt aus Algerien und lebt in Rom, wo er Studium und Promotion in Kulturanthropologie mit einer Dissertation über die erste muslimische Einwanderergeneration in Italien abgeschlossen hat. Die Gegend um Piazza Vittorio gilt als die bunteste in der Stadt. Ich habe mal in Rom gelebt und mich daher sehr gefreut, mich mit diesem wunderbaren Buch dorthin zurück zu beamen.

„Ich habe keine Angst“ von Niccolò Ammaniti

Es ist ja eher selten, dass man sowohl ein Buch als auch den zugehörigen Film als herausragend empfindet. Doch in diesem Fall gilt mein Tipp ebenfalls für den gleichnamigen Film von Gabriele Salvatores und seine exzellente Umsetzung des Romanstoffs vom römischen Autor Niccolò Ammaniti. Ende der 70er Jahre im Süden Italiens: Beim Spielen entdeckt der junge Michele einen etwa gleichaltrigen Jungen in einem Versteck – verwahrlost, durstig, hungrig. Zunächst schockiert, beginnt er schon bald den Entführten mit Wasser und Nahrung zu versorgen. Die Jungen kommen aus zwei Welten, der eine ist Spross einer reichen Industriellenfamilie aus dem Norden Italiens, der andere ein Kind des Mezzogiorno. Dennoch freunden sie sich an, bauen ihre Welt der kindlichen Fantasie auf, wie ein Schutzschild gegen die Ungeheuerlichkeit der Realität. Alles spitzt sich dramatisch zu, als Michele hinter die Wahrheit kommt: Sein eigener Vater zählt zu den Entführern, ja das ganze Dorf scheint verwickelt. Wem kann er noch trauen? Michele wird zum Beobachter der Erwachsenenwelt, die schlimmer erscheint als alle Monster seiner Fantasie. Etwas läuft schief, und die Kidnapper wollen ihre Geisel töten. In diesem Moment wächst der Neunjährige über sich hinaus…

Licht am Ende der Gasse

„Tage im August“ von Dacia Maraini

Das Buch mit dem Originaltitel „La vacanza“ (Der Urlaub) machte Anfang der 60er Jahren Furore und wurde erst einmal von den Kritikern verrissen. Es spielt zu Zeiten des Faschismus in Italien, an den letzten Tage des Krieges, der vom sommerlichen Anzio weit entfernt scheint und doch hörbar ist. Während die Erwachsenen sich Illusionen hingeben und die Doppelmoral des katholischen Landes personifizieren, lernt die junge Anna in den Ferien am Meer ihre eigene Sexualität kennen – auf der Suche nach Liebe. Die in Rom lebende Schriftstellerin Dacia Maraini war selbst erst 23 Jahre alt, als sie den Roman schrieb. Ich muss an die Französin Françoise Sagan denken, die mit 18 ihren in den 50ern als skandalös empfundenen Roman „Bonjour Tristesse“ schrieb. Die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen, thematisiert in zwei unterschiedlichen Ländern. Doch im Vergleich zu den drastischeren Beschreibungen von Sexszenen in den Werken ihres Lebenspartners Alberto Moravia wirkt Dacia Maraini in vergleichbaren Momenten eher poetisch. „Tage im August“ ist nur ein Maraini-Buch von vielen, die lesenswert sind, darunter auch „Zeit des Unbehagens“ (L’età del malessere). Wieder handelt es sich um eine junge Protagonistin, die sich ihren Weg durch die Welt der Männer bahnt.

„Am Anfang war die Unterhose“ von Rossana Campo

Die Autorin stammt aus Genua und führt uns mit ihrer jungen Protagonistin mitten hinein in die Altstadtgassen der multikulturellen Hafenstadt. Mit Witz und schonungsloser Offenheit erzählt Campo von finanziellen Nöten und der ewigen Suche nach Liebe. An ihrer Seite: Kater Ulisse und ihre beste Freundin, die sich ausschließlich in farbige Männer verliebt. Während die Protagonistin eine Vorliebe für ältere Herren hat, oh je! Weibliche Solidarität triumphiert, wenn mal wieder gründlich etwas in die Hose gegangen ist. Erzählungen über die letzte Verfehlung, die einen an längst vergangene Singlezeiten erinnern. Dazu passend erscheinen Männertypen auf der Bühne, einer spleeniger als der Andere. Alles erzählt in einem Straßenjargon, der vielleicht nicht jedem schmeckt, aber die Sache authentisch macht. Leichte, intelligente Kost, wunderbar amüsant. (Originaltitel: „In principio erano le mutande“) P.S. an alle, die es mögen: Rossana Campo hat noch mehr witzige Bücher in diesem Stil geschrieben.

„Reise in die Nacht“ von Gianrico Carofiglio

Ohne noch einen Krimi zu empfehlen, möchte ich den Italien-Reigen nicht schließen. Und dieses Buch führt nun endlich in meine Lieblingsregion des Landes, nach Apulien. Mit seinem Erstling „Reise in die Nacht“ (im Original „Ad occhi chiusi“ – Mit geschlossenen Augen) hat sich der Jurist Gianrico Carofiglio einen Traum erfüllt. Es ist der Beginn einer Serie über einen Rechtsanwalt aus Bari. Im ersten Buch wird er von seiner Ehefrau vor die Tür gesetzt, erlebt eine tiefe Krise und übernimmt auch noch den scheinbar aussichtslosen Fall eines Senegalesen, dem der Mord an einem Kind vorgeworfen wird. Man spürt die Sachkenntnis und Realitätsnähe des schreibenden Juristen, der beim Aufzeigen der Missstände einen Einblick in die italienische Gesellschaft der Nullerjahre gibt. Wer einmal mit Carofiglios Romanen anfängt, wartet am Ende gespannt auf den nächsten. Zuletzt habe ich „Eine Nacht in Bari“ gelesen, keinen Krimi, sondern eine Zeitreise des Protagonisten, wieder einmal ein Jurist und Schriftsteller. Ein Treffen alter Freunde, voller Spannung, eine Ode an Bari, der Schönen am Mittelmeer mit dem zweifelhaften Ruf. Und am Ende möchte man einfach nur eine baresische Foccaccia essen.

Welches sind eure Tipps? Lest ihr euch auch so gerne mittels Roman oder Krimi in einen Ort ein?

Text und Fotos: Elke Weiler

8 Kommentare zu “Fünf Mal Italien”

  1. Tolle Tipps – ich kenne noch keines der Bücher und alles Belletristik! So etwas habe ich gerade gesucht. Ich bin immer noch dabei, meine neues Heimatland zu verstehen. Mein Buchtipp sind die gesammelten Artikel der Journalistin Franca Magnani „Mein Italien“. Zugegeben kein Schmöker, aber einige Antworten und interessante Ideen habe ich gefunden. Und ja, ich lese auch gern Bücher vor Reisen, das letzte Mal Cesare Pavese für Turin und Ivrea (Die einsamen Frauen), mit ihm bin ich aber noch nicht warm geworden. Vielleicht versuche ich mal „Ein junger Mond“, das wurde an anderer Stelle gelobt.

    • Danke, liebe Stefanie! Pavese mochte ich „damals“ gerne, kenne aber nicht alles von ihm. „Ein junger Mond“ muss ich mir mal anschauen… Franca Magnani ist bestimmt sehr gut, ein Klassiker!

  2. Oh, schöne Tipps und ich kannte nur den letzten in der Reihe – den mag ich übrigens auch sehr.

    Und was mir noch zu Italien-Büchern eingefallen ist?
    Zu Rom die wunderbar leichten, locker geschriebenen Geschichten von Stefan Ulrich, der als Korrespondent der SZ dort mit seiner Familie gelebt und gearbeitet hat und für die „Toskana(Umbrien/Marken)-Fraktion“ die Montesecco-Krimis von Bernhard Jaumann.

  3. Hallo Elke,

    vielen lieben Dank für die Empfehlung von „99x Toskana“! Der Parco Naturale della Maremma ist auch mein persönlicher Favorit. Und: Keine Sorge, ein andermal schaffst du es bestimmt in die Toskana. Tanti saluti!

    Max

    • Immer gerne, lieber Max! Ich denke ja auch, dass ich es irgendwann mal wieder in die Toskana, vor allem endlich mal in diesen Naturpark schaffe. Musste gerade wieder an meine Studienzeit denken, als ich Busgruppen durch die Toskana geführt habe. Einer meiner Lieblingsorte war San Gimignano. Die alten Männer saßen draußen auf Stühlen und haben sich Touristen-TV live angeschaut. Liebe Grüße in die Maremma!

  4. Pingback: Meine Lesetipps zur und von der Nordsee

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