Volare nel blu

Ein Freund aus Bari hat mich am Telefon beschworen. „Du kannst nicht allein durch die Stadt laufen“, meint Antonio, das sei zu gefährlich. Also lasse ich mir vom Insider die Stadt zeigen – wobei ich das nette Angebot auch ohne Warnung angenommen hätte.

Wir treffen uns in der Via Sparano, wo Edles und Teures in die Schaufenster kommt. Wir sind mitten im eleganten Murat-Viertel, das im 18. und 19. Jahrhundert entstanden ist. Ein Schwager Napoleons hatte grünes Licht für die schicke Stadterweiterung gegeben.

Eine Boutique neben der anderen: Der Versuchung widerstehe ich nur dank Antonios Ablenkungsmanövern. Außerdem hatte der gute Mann ja von Anfang an Angst um mein Portemonnaie, das ich ihm sogar anvertrauen muss. Doch weit und breit keine Gefahr in Sicht.

Wir machen einen Schlenker zur Uferpromenade, wo sich Jogger, Angler und Müßiggänger tummeln. Am Meer entlang ist es bis zur Altstadt nur ein Katzensprung. „Das ist das Ur-Bari“, meint Antonio jetzt eine Spur gelassener. Wir schlendern durch die schmalen Gassen hin zur romanischen Kathedrale San Nicola.

Auf eine Foccaccia in Bari

Gegen Abend spielen Kinder auf den Straßen, ältere Männer und Frauen sitzen vor den Türen, Düfte von Gebratenem durchziehen die Meeresluft. Auf der Piazza am Castello Svevo treffen sich die Baresen zu einem gemütlichen Abendschwätzchen. „In Bari isst man die Pizza auf der Mauer,“ fährt Antonio mit seinen süditalienschen Weisheiten fort.

Oder noch besser, die Focaccia, bei der sich – in der baresischen Variante – saftige Tomatenstücke in den Teig graben. Also machen wir es genauso, genehmigen uns jeweils ein noch dampfendes Stück an der frischen Luft – mitten unter Gleichgesinnten.

It’s magic: Castel del Monte

Auch wenn ich hier nicht bauen will: Meine Liebe zu Apulien teile ich mit einer geschichtlichen Größe, die sich in Apulien mittels zahlreicher steinerner Hinterlassenschaften verewigt hat: Stauferkönig Friedrich II. Sein Castel del Monte im Baresischen gilt als Highlight einer Apulien-Tour.

Sonntags am Castel

Auf der Höhe des Städtchens Andrà thront es mitten in der Landschaft auf einem einsamen Hügel. In der flimmernden Mittagssonne erscheint das Kastell wie eine Fata Morgana, eine überdimensionierte Krone, die auf der Kuppe schwebt. Nähert man sich der Stauferburg, verliert diese allerdings an Leichtigkeit angesichts der Massivität ihrer Mauern.

Es ist Sonntag. In dem nahen Kiefernwald unterhalb des Kastells picknicken italienische Familien. Ich stapfe die Hügelkrone in der prallen Hitze hinauf. Doch das Castel del Monte empfängt seine Besucher mit der erfrischenden Kühle seiner meterdicken Mauern.

Der achteckige Rhythmus der Architektur krönt den Hügel. Friedrich der Staufer hat den Ort sorgsam ausgewählt und das architektonische Konzept selbst kreiert. Rund um den achteckigen Innenhof liegen die Räumlichkeiten: Der Besucher läuft im Kreis.

Im Kreis laufen

Eine erfahrene Signora sagt: „Das Ende der Welt!“ In der Tat, denn egal zu welchem Fenster der Burg man hinausblickt, draußen ist nichts als das unendliche, flache Land.

In der Nähe von Bari ist ein Lied erfunden worden, das um die Welt ging: „Volare“. Der Sänger Domenico Modugno stammt aus Polignano a Mare, einem kleinen Ort am Meer, in den ich mich auf den ersten Blick verliebe.

Eis mit doppelter Sahne

Dem Charisma von Polignano verfallen, schlendere ich durch die weißgetünchten Gassen und fotografiere eine Madonna mit Neon-Heiligenschein. Da stürmt ein polignesisches Temperamentsbündel auf mich zu, Pasquina: „Sie ist schön, meine Madonna, nicht wahr?“

Eine Stadt, die aus dem Meer wächst

Die lebhafte ältere Dame gibt mir ein paar Tipps: Ich sollte unbedingt das Eis der Campanella-Brüder probieren, mit doppia panna, Sahne oben und unten.

Und den Caffè Speciale, ein cremiges Geheimrezept aus Polignano! Und abends müsste ich in der Grotta Palazzese genüsslich speisen, am besten in trauter Zweisamkeit, und bei Kerzenlicht auf’s Meer blicken.

Denn das Meer von Polignano ist anders, es ist blauer, weiter, unendlicher. „Volare nel blu“ heißt es im Lied von Modugno, ins Blaue fliegen.

Text und Fotos: Elke Weiler

  1. Wow, was für ein wunderbarer Bericht!
    Und das liegt nicht nur daran, dass mein Herz ohnehin Italien gehört 😉

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  3. Ich bin auch sehr in Apulien verliebt und war schon öfter in Bari. Natürlich ist es viel schöner, wenn Einheimische einem die Stadt zeigen, aber Bari hat sich gewandelt und niemand sollte Angst davor haben, die Alststadt alleine zu entdecken. Die Polizei fährt seit einigen Jahren eine Null- Toleranz Strategie gegenüber den „Scippatori“, Judendlichen, die vom Moped aus gern auf Handtaschenklau ausgingen. Und das Problem mit der Mafia hat Apulien viel besser im Griff als Neapel oder Kalabrien. Das einizige Problem, das ich hatte, war meine Unterkunft in der Altsstadt zu finden, weil es kaum Strassennamen gibt. Also allen Apulienreisenden viel Spass beim Selbstentdecken und ein Kompliment für diese Seite, die echt schön ist.

    • Danke dir, Alexandra! Apulien ist meine Lieblingsregion in Italien. Und es wäre wirklich schade, Bari zu verpassen!

      • Liebe Elke, ich arbeite für meinen Apulienblog gerade an einer Liste von Lieblingsbüchern, Filmen, Blogs und Artikeln über Apulien. Darf ich dich da zitieren, dass Apulien deine Lieblingsregion in Italien ist? Oder nochmal kurz nachgefragt: was macht es zu deiner Lieblingsregion? Du bist ja schon viel mehr rumgekommen als ich.
        Liebe Grüße, Alexandra

        • Liebe Alexandra, ein dickes Kompliment zu deiner Apulien-Seite! Ich hab hier schon fast den Koffer gepackt… 🙂 Klar kannst du mich gerne zitieren, es hat sich nichts geändert an meiner Zuneigung. Ich denke, es gibt solche Orte, die eine große Intensität haben. Ist es das Meer, die Landschaft, die Kultur? Auf jeden Fall die Herzlichkeit der Menschen. Und die Musik. Man ist dort und lebt sofort. Genießt dann Augenblick. So eine Gegend ist Apulien für mich, es hat diese Intensität. Liebe Grüße, Elke

  4. Liebe Elke, vielen Dank für das Kompliment! Dein Meerblog hat mich sehr inspiriert… Ja, es ist das Meer, das Licht, die Landschaft, die Kultur, die Menschen und die stille Anmut vieler Orte. Intensität bringt es sehr gut auf den Punkt und Staunen. Es bringt mich immer wieder zum Staunen.
    Vielen Dank nochmal und liebe Grüße, Alexandra

  5. Pingback: Slow Travel: Das Gefühl für den Rhythmus auf Reisen

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